GIFTSCHLANGEN

Von weltweit insgesamt etwa 3000 Schlangenarten werden rund 500 Arten zu den eigentlichen Giftschlangen gezählt (Trugnattern, Giftnattern, Seeschlangen, Vipern und Grubenottern). Allerdings haben viele der weithin als ungiftig angesehenen Nattern ebenfalls wirksame Giftstoffe im Speichel, verfügen jedoch nicht über spezialisierte Zähne, um diese Gifte konzentriert zu einzusetzen.

Bisse durch gefährliche Schlangenarten können lebensbedrohliche Blutgerinnungs-Störungen, Lähmungen, schockartige Zustände oder Herzrhythmus-Störungen hervorrufen. Die Seeschlangen, die im Meer leben, haben Gifte, die neben ihrer Wirkung aufs Nervensystem auch die Muskeln schädigen können.

Häufig verursachen Schlangengifte auch ausgedehnte Schwellungen der betroffenen Gliedmasse. Diese Schwellungen verhindern die Versorgung der Bissregion mit Blut, so dass schwere Gewebezerstörungen entstehen können (sog. Nekrosen), die bleibende Schäden hinterlassen und im Extremfall zum Verlust der Gliedmasse führen können.

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Vorbeugende Massnahmen gegen Schlangenbisse

  • Wenn man einer Schlange begegnet: Ruhe bewahren und still stehen oder langsam zurück weichen. Sich durch Vibration des Untergrundes bemerkbar machen (Aufstampfen) und ihr Gelegenheit zur Flucht geben. Schlangen greifen Menschen nicht an, wenn sie sich nicht bedrängt fühlen. Wenn man eine Schlange sieht, kann man ihr ausweichen.
  • Drohverhalten von Schlangen ernst nehmen (Zischen, Rasseln, Aufrichten von Kobras) und ausweichen.
  • Beim Gehen im Gelände fest auftreten. Schlangen können akustisch nichts hören, nehmen jedoch Bodenvibrationen durch Schritte u.ä. wahr. Die meisten Schlangen flüchten vor dem Menschen, wenn sie Gelegenheit dazu haben.
  • Schauen, wohin man tritt. Wo offene Flächen vorhanden sind (Strasse, Fussweg, Pfad), sollen diese zum Gehen benützt werden.
  • Schauen, wohin man greift. An unübersichtlichen Stellen mit langem Stock vorsondieren.
  • Bei Nacht immer mit Licht gehen (Taschenlampe)! Schlangen sind in warmen Ländern nachtaktiv – auch im Siedlungsbereich des Menschen (z.B. in Hotelanlagen). Beim Weggehen am Tag an späte Rückkehr denken!
  • Querfeldein und nachts feste, geschlossene Schuhe (u.U. auch hohe Schuhe oder Stiefel) und lange Hosen tragen. Sie bieten sehr guten Schutz gegen Schlangenbisse. Dies gilt auch in warmen Tropengebieten.
  • Schlangen nicht reizen oder einfangen.
  • Schlangen nicht anfassen. Auch nicht wenn sie vermeintlich tot sind. Schlangen können auch Stunden nach dem Tod durch Muskelreflexe noch beissen.
  • Distanz beim Beobachten, Filmen oder Fotografieren. Mindestens doppelte bis dreifache Körperlange des Tieres Abstand halten!
  • Fernhalten von Schlangen aus dem Wohnbereich: keine Abfälle und Nahrungsreste herumliegen lassen. Diese ziehen Nagetiere an, Beutetiere der Schlangen. Ums Haus Verstecksmöglichkeiten beseitigen und Gras kurz schneiden.
  • Moskitonetze schützen vor Schlangen und anderen Gifttieren im Bett. Auch für optimalen Mückenschutz müssen die Netze unter die Matratze geschlagen werden.
  • In warmen Ländern nicht direkt auf dem Boden schlafen – vor allem nicht im Freien.
  • Vorsicht beim Hochheben von Gegenständen, Steinen oder Holz! Diese so anheben, dass man durch den Gegenstand als Schild geschützt ist und einer allenfalls darunter liegenden Schlange immer ein Fluchtweg vom Menschen weg offen bleibt.
  • Kinder in Bezug auf Giftschlangen instruieren und Kleinkinder überwachen.

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Erste Hilfe bei Schlangenbissen

Allgemeines
Ein Schlangenbiss ist immer ein potenziell ernster Unfall, der einer raschest möglichen, medizinischen Begutachtung bedarf. Das heisst bei jedem Schlangenbiss: So rasch als möglich in ärztliche Behandlung aufsuchen. Viele Giftschlangenbisse verlaufen glimpflich, weil die Schlangen in der Verteidigung oft wenig bis gar kein Gift abgeben (30 – 70 % der Bisse je nach Schlange). Nach einem Biss soll man sich jedoch so verhalten, wie wenn eine Giftabgabe statt gefunden hat.

Allgemeine Erste Hilfe-Massnahmen
1. Ruhe bewahren und PatientIn beruhigen.

2. PatientIn im Schatten lagern und gebissene Gliedmasse in jedem Fall ruhig stellen (wie bei einem Knochenbruch)

3. Transport organisieren und Patientin so rasch als möglich schonend in ärztliche Behandlung transportieren. Jede körperliche Anstrengung der betroffenen Person vermeiden.

4. Bei Bewusstlosigkeit: Transport in Schocklagerung.

5. Bei Atemstillstand: Künstliche Beatmung. Auch auf langen Transporten fortsetzten. Bei Nervengiften mit Atemstillstand können PatientInnen bis zur Verabreichung von Antivenin (s. unten) durch künstliche Beatmung gerettet werden.

Kompressionsbinde ja oder nein?
Eine sofort angelegte Kompressionsbinde (sattes Einbinden der betroffenen Gliedmasse mit elastischer Binde) kann durch Stauung des venösen Blutstroms (Blutstrom von den Aussenbezirken des Körpers zum Herz) und des Lymphstroms unter der Haut eine rasche Ausbreitung des Giftes im ganzen Körper erheblich verlangsamen, was vor allem bei Nervengiften und starken Blutgiften und bei langen Transportwegen lebensrettend sein kann. Andererseits wird durch die Stauung das Gift in der betroffenen Gliedmasse eingeschlossen und eine starke Schwellung begünstigt, was den Verlust der Gliedmasse bedeuten kann. Aufgrund der geographischen Verbreitung verschiedener Schlangenarten und der Wirkung ihrer Gifte gibt es regional verschiedene Empfehlungen zur Verwendung einer Kompressionsbinde.

Australien, Ozeanien und bei Seeschlangen:
Kompressionsbinde allgemein empfohlen. Betroffene Gliedmasse fest mit einer elastischen Binde einbinden. Wichtig: Der Puls in der Gliedmasse muss fühlbar bleiben. Die Gliedmasse darf blau, aber auf keinen Fall weiss werden.

Südamerika
Kompressionsbinde (Anwendung s. oben) nur bei extrem langen Transportwegen sowie bei Klapperschlangen und Korallenschlangen (kleine, dünne, sehr bunt geringelte Schlangen) empfohlen (Nervengifte).

Afrika
Bei Bissen durch grosse, dicke und kurze Schlangen, die laut zischen (Vipern): Kompressionsbinde äusserst zurückhaltend in Erwägung ziehen – nur bei extrem langen Transportwegen anwenden. Hohe Gefahr des Verlustes der Gliedmasse (Schwellung und Gewebegifte).

Bei langen, flinken und wendigen Schlangen (Kobras und Mambas): Rasches Anlegen der Kompressionsbinde empfohlen (Nervengifte).

Wenn eine Speikobra Gift in die Augen spitzt: Sofortiges und langes Auswaschen der Augen mit viel Wasser.

Asien
Kompressionsbinde allgemein erwägen, aber nur bei langen Transportwegen (Kobras und Kraits: Nervengifte. Kettenviper und Sandrasselotter: Sehr gefährliche Blutgifte). Bei Monokelkobras und Lanzenottern jedoch hohes Risiko von Gewebeschäden (örtlich wirksame Gewebegifte).

Bei Unfällen mit Speikobras wie in Afrika Augen lange mit viel Wasser auswaschen.

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Schädliche Massnahmen

Alle anderen Massnahmen, die immer wieder empfohlen werden, sind zu unterlassen. Insbesondere gilt:

  • Kein Einschneiden und Aussaugen (damit kann im Feld nur wenig Gift entfernt werden und bei Giften, die die Blutgerinnung hemmen, besteht die Gefahr eines lebensgefährlichen Blutverlustes).
  • Keine Anwendung von Kühlung oder Kältemitteln.
  • Keine Elektroschocks.
  • Kein Alkohol (kann die Giftwirkung begünstigen).
  • Keine Anwendung von Hitze. Ausbrennen kann Gewebeschäden fördern und beeinflusst die Giftwirkung nicht.
  • Keinen traditionellen Schlangenheiler aufsuchen. In Asien und Afrika gibt es alte Traditionen von Schlangenheilern. In diesen Gebieten bringen Dorfbewohner Schlangenbiss-Patienten meist zum örtlichen Heiler. Bis heute sind jedoch keine Alternativ-Methoden gegen Schlangengifte bekannt, die wirklich wirksam sind (die WHO hätte sie längst weiter empfohlen und gefördert, wenn es solche gäbe). Mit einem Besuch beim Heiler erfährt die betroffene Person zwar kurzfristig psychologische Unterstützung, es geht jedoch oft viel wertvolle Zeit für den Weg ins Spital verloren. Der „Heilungserfolg“ der lokalen Heiler beruht darauf, dass viele Schlangen in der Verteidigung kein oder nur wenig Gift einspritzen. Viele Methoden der Heiler sind gefährlich (Besprühen oder Bespeien der Giftstelle mit Flüssigkeiten: Infektionsgefahr!), Einschnitte und Tätowierungen (Hepatitis und HIV-Übertragung), pflanzliche Heilmittel (unbekannte Wirkung, fördern zum Teil die Giftwirkung).

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Antivenin (Schlangenserum)

Die allermeisten Antivenine (Schlangenseren) werden aus Blutserum von Pferden hergestellt, die vorgängig gegen die Gifte von Schlangen immunisiert wurden. Beim Biss durch eine Schlange muss das richtige Antivenin gegen diese Art angewendet werden. Wird Antivenin einem Patienten verabreicht, machen die Antikörper im Pferdeserum das Schlangengift im Blut unwirksam (Neutralisierung). Alle diese Antivenine haben den Nachteil, dass sie beim Menschen Abstossungs- und Allergiereaktionen hervorrufen können (körperfremde Eiweisse). Sie sollen deshalb nur vom medizinischen Fachpersonal verabreicht werden, das aufgrund der Beschreibung der Schlange und aufgrund der Symptome das richtige Antivenin auswählen und es korrekt anwenden (intravenöse Infusion) sowie Komplikationen kontrollieren kann. Wer selbst über Antivenin verfügt, soll es ins Spital mitnehmen, jedoch nur im äussersten Notfall selbst anwenden (lebensbedrohlicher Zustand der betroffenen Person, langer Transportweg vor sich). Antivenine wirken vorwiegend auf Symptome, die den Gesamtorganismus betreffen und haben an der Bissstelle selbst nur begrenzte Wirksamkeit.