Schildkröten - der Charme des Alters

  • Donnerstag, 16. April 2015, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 16. April 2015, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 17. April 2015, 1:35 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 17. April 2015, 11:15 Uhr, SRF 1

Es gibt sie seit 200 Millionen Jahren auf dem Planeten Erde. Schildkröten strahlen eine beneidenswerte Gelassenheit aus und werden sprichwörtlich alt. Doch darüber hinaus birgt ihr Leben viele dramatische und bisher noch nie gefilmte Geschichten.

Die Schildkrötengeschichte von «NETZ NATUR» beginnt in der Schweiz: Bei Ebnat-Kappel SG grub der Paläontologe Urs Oberli in einem Sandsteinbruch den versteinerten Panzer einer Landschildkröte aus, die einen ähnlich grossen Panzer hatte wie die heutigen Landschildkröten auf Galapagos und die vor 28 Millionen Jahren auf dem Gebiet der Ostschweiz umherstakste.

Auch auf der Mittelmeerinsel Sardinien gab es schon viel früher Schildkröten als Menschen. Doch die Eiszeiten brachten diese Vorkommen immer wieder zum Verschwinden. Die drei Arten, die Sardinien heute noch besiedeln, wurden denn auch vor Jahrtausenden von Menschen auf die Insel gebracht. So etwa haben genetische Studien gezeigt, dass vor rund 3000 Jahren eine kleine Anzahl grosser Breitrandschildkröten aus derselben Population aus Griechenland nach Sardinien eingeführt wurde, und möglicherweise haben die damaligen Inselbewohner, das Volk der bronzezeitlichen Nuragher-Kultur, aus ihren Panzern Klangkörper für Saiteninstrumente wie die Lyra oder frühe Gitarren hergestellt.

Auch heute lässt das Leben der Schildkröten auf Sardinien an Spannung nichts zu wünschen übrig: Sobald sie die Frühlingswärme nach der Winterruhe zu neuem Leben erweckt. Wenn die ganze Insel als bunter Blumenteppich erblüht, fühlen sich die gepanzerten Reptilien im Schlaraffenland, denn frische Blumen gehören zu ihren Lieblingsspeisen. Und mit dem Appetit erwacht auch die Leidenschaft: Mit ungeahntem Temperament werben Männchen um die Weibchen und klopfen mit ihren Panzern heftig bei ihren Auserwählten an, bis diese schliesslich stillhalten und die Männchen zu einer spektakulären Paarung aufsteigen können. Danach legen die Weibchen an warmen Plätzen im sandigen Boden mehrmals Eier ab, die sie 10 bis 15 Zentimeter tief eingraben.

Mit zunehmender Sommerhitze wird das Leben im dichten Macchia-Busch für die urtümlichen Reptilien beschwerlicher und das Futter durch die Trockenheit knapp. Viele Schildkröten verziehen sich nach und nach in einen Sommerschlaf, der bis zu den ersten Regenfällen zu Beginn des Herbstes anhält. Der Sommer ist in vielen Mittelmeergebieten auch die Zeit dramatischer Buschfeuer, die jedes Jahr riesige Flächen der spindeldürren Macchia und Wälder vernichtet - eine existenzielle Bedrohung für tausende von Schildkröten.

Auf Sardinien versuchen die Forstbehörden und die örtlichen Feuerwehren mit beeindruckenden Einsätzen gegen die Buschfeuer das Schlimmste zu verhindern. Und die Polizei beschlagnahmt auch immer wieder Schildkröten, die illegal gefangen und international gehandelt werden. Wenn diese Tiere dann in die Natur zurückgebracht werden, lädt die Forstpolizei ab und zu Klassen von Schulkindern zum Zuschauen und Mitmachen ein, die auf diese Weise für den Schutz der Tiere und ihres Lebensraumes sensibilisiert werden.

Menschen haben also seit vielen Jahrtausenden eine ganz besondere Beziehung zu Landschildkröten: Von der frühesten bekannten, steinzeitlichen Schamanin im Gebiet des heutigen Libanon vor 12 500 Jahren, deren Grab archäologisch untersucht wurde und die 50 Maurischen Landschildkröten als Begleiterinnen auf ihrer Reise nach dem Tod bei sich im Grab hatte - bis in die heutige Zeit, als noch in den 1970er-Jahren Landschildkröten aus Südeuropa und Nordafrika wie Salatköpfe in Kisten gestapelt in die Schweiz importiert und als gutartige Heimtiere verkauft wurden. Die meisten dieser armen Geschöpfe gingen bald ein. Doch einige, die gut gepflegt wurden, haben bis heute überlebt und bezaubern ihre Besitzerinnen und Besitzer über mehrere Generationen mit dem Charme des Alters.

NETZ NATUR ¦ SRF DOK