Wem gehört der Garten?

Film-Safari hinter dem Zaun

Gärten sind kleine Welten für sich. Jeder ist anders, so wie ihre Besitzerinen und Besitzer. Und was vielen Gartenbesitzern nicht behagt: In Gärten nisten sich wilde Tiere und Pflanzen ein, die Säfte saugen, Blätter löchern und Wurzeln nagen. Und so werden diese Eindringlinge vehement bekämpft. Doch wer sind sie? «NETZ NATUR» taucht in den Mikrokosmos eines Gartens - eine Safari der besonderen Art.

Es blüht und singt und summt aus allen Ecken, und mitten drin kniet Jonas Frei mit seiner Kamera. «Ein Malvenspitzmäuschen», flüstert er und zeigt auf den kleinen schwarzen Käfer an einem Blütenstengel. Das Insekt ist von Auge kaum zu sehen, doch auf dem Monitor der Kamera wird klar: Der kleine Rüsselkäfer sucht eine Partnerin. Vorsichtig nähert er sich ihr, doch sie hat kein Interesse und verschwindet hinter einem Blatt. Szenen aus dem Mikrokosmos eines Naturgartens, wo sich in jeder Ecke eine kaum bekannte Welt öffnet.

Eine Igelfamilie hinter dem Holzstapel, Weinbergschnecken zwischen den Blumenbeeten und kleine Wespen, die Spinnen für ihren Nachwuchs fangen. Seit drei Jahren erforscht und filmt der heute 20jährige Jonas Frei den Garten. Er hatte 2009 an einem Jungfilmer-Projekt von «NETZ NATUR» teilgenommen und erwies sich als so talentiert, dass ihn die Redaktion mit weiteren Aufnahmen beauftragte. So ist schliesslich eine ganze «NETZ NATUR»-Sendung entstanden.

Der Garten der Familie Frei ist Naturgarten, in dem Gifte nichts verloren haben. Die Blumen wachsen wie zufällig überall, wo sie einen Platz finden. Doch auch hier wird fleissig gejätet und geschnitten, gehäkelt und gepflanzt. Der Garten soll nicht ganz zur Wildnis werden. Die Blumen, die hier wachsen, kommen aus den unterschiedlichsten Ländern. Viele sind so gezüchtet, dass sie länger und prachtvoller blühen als ihre wilden Verwandten. Das hat seinen Preis. Zuchtpflanzen haben oft schlechtere Karten gegen gierige Mundwerkzeuge von Insekten, Schnecken oder Würmer als Wildpflanzen. So hat sich an den Kosmeen eine Kolonie Blattläuse niedergelassen. Sie werden von Ameisen behütet - und bewirtschaftet. Das Ameisenvolk hat es auf den süssen Saft abgesehen, den die Blattläuse ausscheiden. In diesem Garten werden die Blattläuse nicht mit Gift bekämpft. Diese Aufgabe übernehmen die zahlreichen Marienkäfer, die gefrässig eine Blattlaus nach der anderen verspeisen. Früher waren es ausschliesslich einheimische «Muttergottes»-Käferchen oder «Himmelsgüügeli». Heute ist es vor allem der Harlekin-Marienkäfer, der aus Asien stammt.

Die Freude der Gartenfreunde an der Exotik ist vielerorts für die einheimische Natur ohne böse Absicht zum Problem geworden. Vielen Pflanzen, die für die Bepflanzung von Gärten eingeführt wurden, gefällt es hier so ausgezeichnet, dass sie sich über den Gartenzaun hinaus in die Natur verbreitet haben. Weil sie keine vorbereiteten Feinde und Krankheiten vorfinden, wie in ihrer ursprünglichen Heimat, überwuchern manche Arten heute Wiesen und Wälder und machen den einheimischen Pflanzen den Lebensraum streitig. Kanadische Goldrute, Robinie oder der Sommerflieder sind Beispiele. Doch dies scheint in der Schweiz kaum jemanden zu kümmern: Während Länder wie Australien und die USA aufgrund übler Erfahrungen strenge Vorschriften für die Einfuhr von ausländischen Pflanzen haben, kann man in die Schweiz einführen, was das Gärtnerherz begehrt.

Durch den internationalen Pflanzenhandel kommen so immer öfter auch neue Insektenarten ins Land. Jüngstes, dramatisches Beispiel: Ein kleiner Schmetterling, der Buchsbaumzünsler, der aus China mit importierten Buchspflanzen für den Garten eingeschleppt wurde. Die Raupen des kleinen Falters fressen jetzt ganze Buchshecken kahl. Und weil Buchs giftig ist, werden auch die Raupen giftig. Vögel und andere Insektenfresser verschmähen sie deswegen, und die Schmetterlinge können sich ungehindert vermehren.

Ob einheimisch oder eingewandert: Für Jungfilmer Jonas Frei sind alle Tiere im Garten spannend. Durch seine Kamera fasziniert selbst die Raupe des Buchsbaumzünslers oder der Dickmaulrüssler, der mit den Fühlern wackelt, während er ein Kirschlorbeerblatt anknabbert, und die jungen Weinbergschnecken, die aus ihren Eihüllen schlüpfen. Was Menschen als unliebsame Schädlinge bezeichnen, ist im Naturgarten selten ein Problem. Wo eine sensible Pflanze zerstört wird, wächst an ihrer Stelle bald eine neue, die besser angepasst ist.

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