Wer ist der Wolf?

Wie anders Wölfe sind, als man denkt

Wölfe in der Schweiz, die Haustiere angreifen und dann geschossen werden: Die Emotionen gehen hoch. Die einen wollen die Wölfe, die anderen schiessen sie ab. NETZ NATUR widmet sich den Hintergründen eines Konflikts und stösst dabei auf verblüffende Erkenntnisse.

Der Wolf wird zum emotionalen Dauerbrenner - jeden Sommer erwirkt der Kanton Wallis eine Abschussbewilligung eines der international geschützten Wölfe, die aus Italien in die Südwestschweiz einwandern und vollstrecken diese auch. Die Abschüsse provozieren einerseits entrüstete Reaktionen und anderseits viel Applaus, vor allem in den Bergregionen, wo man die Einwanderung der Wölfe mit Sorge beobachtet.

Unter dem Titel: «Wer ist der Wolf?» leuchtet «NETZ NATUR» die Hintergründe zwischen Werwolf und Wolfsromantik aus: Wie sind Wölfe wirklich? Steht eine Invasion von Wölfen bevor, welche die Alpen unsicher machen - nach den neusten Ereignissen sogar für Rinder? Wenn man den Politikern glaubt, die mit über einem Dutzend parlamentarischer Motionen die Aufhebung des geltenden Schutzes des Wolfes und zum Teil sogar ein Abschussrecht für die Kantone fordern, ist der Wolf für die Schweiz nicht tolerierbar. Auch «Jagd Schweiz» fordert die Jagd auf den Wolf.

Die Sendung stellt klar, dass man nicht vom «Wolf» in der Einzahl reden kann. Die Art Canis lupus hatte einst das grösste natürliche Verbreitungsgebiet, das eine Säugetierart auf der Welt je besetzte: Es reichte über drei Kontinente, über ganz Europa von der Arktis bis nach Nordafrika, in Asien von Sibirien bis nach Indien und in Amerika von den nördlichen Polargebieten bis nach Mittelamerika. Durch die Konkurrenz der Wölfe mit den Menschen, die die Natur in Ackerland verwandelten und Vieh züchteten, wurden diese einst so weit verbreiteten und erfolgreichen natürlichen Jäger in den letzten Jahrhunderten auf einen kleinen Teil ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes zurückgedrängt. Trotzdem präsentieren sich die Wölfe auch heute noch in grosser Vielfalt: So werden Tiere im Hohen Norden, wo sie grosse Beute wie Elche oder sogar ab und zu Bisons jagen, mit bis zu 80 Kilogramm doppelt so schwer wie die kleinen italienischen Wölfe, die zurzeit die Alpen besiedeln, mit ihren maximal 40 Kilogrammen. Es versteht sich von selbst, dass sich so unterschiedliche Tiere in vielen Bereichen des Verhaltens deutlich unterscheiden - auch bei ihrer Jagd auf die unterschiedlichsten Beutetiere. Und tatsächlich unterteilt die Biologie die Art Wolf in verschiedene Unterarten.

Im Alpenbogen, der sich vom Mittelmeer über Italien und Frankreich bis zum Genfersee erstreckt, leben zur Zeit etwa 70 Wölfe in 15 bis 17 Familien auf italienischem Gebiet und 140 bis 160 Wölfe in 19 bekannten Familien in Frankreich. In beiden Ländern zirkulieren neben den etablierten Familien verschiedene Einzeltiere. Die grösste festgestellte und langfristig stabile Gruppe umfasste neun erwachsene Tiere.

In der Schweiz waren innerhalb des letzten Jahres elf einzelne Wölfe genetisch nachgewiesen, von denen einer am 3. August 2010 getötet wurde - das siebte offiziell in der Schweiz behördlich erlegte Tier, das sechste im Wallis. Eine Familienbildung wurde bisher nicht bestätigt; das wird unter anderem auf die zahlreichen behördlichen und möglicherweise auch auf verschiedene illegale Abschüsse zurückgeführt.

«NETZ NATUR» betrachtet aber nicht nur die tierische Seite der Wölfe, sondern auch die Menschen: Woher kommt diese jahrhundertealte, fanatische Feindschaft gegen ein Tier? Und auf der anderen Seite: Wo wurzelt die übersteigerte Romantik und Faszination, die den Wölfen genau so wenig gerecht wird wie das Feindbild? Bei diesen Fragen stösst die Redaktion auf viel Psychologie und auf die verblüffende Kenntnis, dass uns Wölfe ähnlicher sind, als uns lieb ist.

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