Wildkatzen - eine haarige Geschichte

Die Rückkehr der scheuen Wilden in den Jura

Zäh, schnell und heimlich. Wildkatzen, die kaum bekannten Verwandten der Stubentiger, führen das Leben heimlicher Jäger - auch in der Schweiz. Tierfilmer und Forscher machen sich auf die Spur dieser Waldgeister und Mäusevertilger, die schon lange vor der Domestikation der Hauskatze in Europa heimisch waren. Einst fast ausgerottet breiten sie sich hierzulande wieder aus. Ihr Stammgebiet in der Schweiz, den Jura, haben sie auf leisen Pfoten bereits zurückerobert.

Die Wildkatzen sind sehr scheu. Deshalb sind sie auch äusserst schwierig zu beobachten. Nur dem Geduldigen und dem geübten Auge winkt der Lohn, die pelzigen Beutegreifer zu sehen oder gar zu filmen. Zum Beispiel dem Forscher- und Filmerpaar Manfred Trinzen und Ingrid Büttner aus der Eifel in Deutschland. Mit viel Sitzfleisch und Kälteresistenz haben sie sich auf die Lauer gelegt und dabei über Jahre spannende Einblicke ins natürliche Leben der Wildkatzen in freier Wildbahn gewonnen. Es sind ihnen Aufnahmen gelungen, welche die Katzen im Alltag zeigen. Wie sie zielsicher und effizient Mäuse erlegen - in Konkurrenz mit Bussarden, Füchsen und Hauskatzen. Wie sie ihre Jungen aufziehen, was sie so treiben und wo sie herumstreifen. Was passiert zum Beispiel, wenn sich nicht Fuchs und Hase, sondern Meister Reineke und Wildkatze gute Nacht sagen?

Auch der Schweizer Jura ist die Heimat der heimlichen Waldkatzen. Einst verteufelt und gejagt, wurden sie nahezu ausgerottet, nur in einem kleinen Rückzuggebiet, in den Wäldern der Jurakette, konnten sie sich halten. Im nördlichen Jura hat sich Biologe und Tierfilmer Felix Labhardt im Auftrag von «NETZ NATUR» mit einem Riesenteleobjektiv auf die Pirsch gemacht und konnte Wildkatzen beim Beutefang filmen.
Wildbiologe Darius Weber wollte herausfinden, wie viele «Juratiger» heute unterwegs sind. Er hat einen verblüffenden Trick angewandt, um die Katzen anzulocken: Er bietet verführerische Gerüche an - Baldrian, einen Stoff, der nicht nur Hauskatzen, sondern auch die scheuen Wilden magisch anlockt. Die Katzen reiben sich am ungehobelten Holzstöckchen, und so bleiben stets ein paar Haare hängen. Diese kann man durch einen Gentest eindeutig bestimmen und der Haus- oder der Wildkatze zuordnen.
Die Nachforschungen mit Baldrian zeigen: Wildkatzen sind wieder erstaunlich häufig in den Wäldern der Nord- und Westschweiz. Das zeigt auch die steigende Zahl von Opfern im Strassenverkehr. Das kennt man auch anderswo: In den Wildkatzengebieten der Eifel sind Autos die Todesursache Nummer eins. Auch die Umgestaltung der Landschaft macht den Wildkatzen zu schaffen. Immer weniger naturnahe Wiesen bedeuten weniger Mäuse - und ohne Mäuse keine Katzen. Inwiefern Hauskatzen, die sich in Wald und Feld mit Wildkatzen vermischen und so eine Gefahr für die ursprüngliche Art darstellen, ist noch wenig bekannt: Die Hauskatze stammt keineswegs von der europäischen Wildkatze, sondern von der afrikanischen Falbkatze ab und wurde von den Römern nach Mitteleuropa gebracht. So leben Wildkatze und Hauskatze seit 2000 Jahren in hiesigen Landschaften, und beide Arten konnten sich während Jahrhunderten nebeneinander halten - ab und zu treten aber doch auch immer wieder Mischlinge auf.
Die Zürcher Biologin Marianne Hartmann lieferte mit ihren Verhaltensstudien an Wildkatzen in Gehegen viele neue Impulse für die artgerechte Tierhaltung in zoologischen Gärten. In Zusammenarbeit mit «NETZ NATUR» gelangen ihr die wohl ersten Video-Aufnahmen einer Wildkatzengeburt. Waren die Wildkatzen früher bei menschlichen Jägern als Schädlinge verhasst, weil man ihnen andichtete, sie töteten Hasen und junge Rehe, finden die heimlichen Wilden heute doch zunehmend Verständnis und sind - im Gegensatz zu früher - mehrheitlich als Teil der einheimischen Fauna willkommen. Allerdings leben sie so lange gefährlich, als dass streunende Katzen nach Jagdgesetz ausserhalb des Siedlungsbereichs abgeschossen werden dürfen - was immer wieder geschieht. Auf Distanz ist die getigerte Wildkatze von einem Stubentiger kaum zu unterscheiden. Nur durch genetische Tests und oder genaue anatomische Untersuchung lassen sie sich von der domestizierten Art eindeutig unterscheiden - und natürlich durch ihre Wildheit, die sie im Namen tragen. So bleibt bei Autos, Jagdgewehren oder der Vermischung mit Hauskatzen auch in der heutigen Zeit die Heimlichkeit und die grösstmögliche Distanz zum Menschen wohl ihre beste Lebensversicherung.

NETZ NATUR