Wolf und Bär: Wer braucht Schutz vor wem?

Von Schafen, Menschen und wilden Tieren

Seit 17 Jahren gibt es Wölfe in der Schweiz. Zum ersten Mal ist diesen Sommer auch Nachwuchs eindeutig nachgewiesen worden... Doch ob die Schweizerinnen und Schweizer schliesslich zulassen, dass Wolf und Bär hier tatsächlich wieder heimisch werden, ist weiterhin ungewiss. «NETZ NATUR» berichtet, wie man sich in der Schweiz auf die Rückkehr der wilden Fleischfresser einstellt, welche Diskussionen sie auslösen und wie sie den Schafen Gutes tun.

Wohl noch nie gab es so viele Wölfe in der Schweiz wie im Jahr 2012. Mindestens in einem Gebiet der Schweiz, im Calanda-Massiv bei Chur, haben sie auch nachweislich Nachwuchs. Damit ist eingetreten, was Wolfsgegner immer befürchtet und Wolfsfreunde gehofft hatten: Es sind mehrere Wölfe unterwegs, die eine soziale Gemeinschaft bilden und gemeinsam jagen. Was bedeutet dies für die Schafherden auf den Alpen? Und wie stellen sich Jäger darauf ein, dass nicht nur sie Anspruch auf das Wild geltend machen? Muss man sich bald vor Wolfsrudeln in Acht nehmen?

Bereits scheint vorgesorgt: Noch bevor sich Wölfe und Bären nach ihrer Ausrottung vor mehr als hundert Jahren tatsächlich in der Schweiz wieder etabliert haben, hat die Politik bereits beschlossen, dass die sogenannten Grossraubtiere dann «reguliert» werden können, wenn ein Kanton nach seiner Einschätzung zu hohe «Schäden» an jagdbaren Wildtieren oder an Haustieren erleidet. Dazu müsste die Schweiz zwar aus dem europäischen Artenschutzabkommen, der sogenannten Berner Konvention, austreten, denn beide Fleischfresserarten sind europaweit streng geschützt. Doch das Parlament hat dies grundsätzlich beschlossen.

Vor allem der Wolf weckt immer noch vor allem im Berggebiet irrationale Ängste und dadurch Widerstand gegen seine Präsenz im Land. Dies wird politisch geschickt genutzt. Doch weil es immer mehr Wölfe gibt, schützen auch immer mehr verantwortungsbewusste Schafhalter ihre Tiere während der mehr als dreimonatigen Alpzeit mit Hirten und mit Herdenschutzhunden. «NETZ NATUR» zeigt, ob dieser Herdenschutz in diesem Sommer erfolgreich war. Und das Team spürt den Jägern nach, die in denselben Gebieten wie die Wölfe jagen.

«NETZ NATUR» schaut auch über die Grenzen nach Italien, Frankreich - und auch nach Osten, was sich dort bei den Wölfen tut. Von Nordosten, aus Deutschland, und aus Südosten, aus Slowenien, breitet sich nämlich eine zweite Wolfspopulation aus, die sich in absehbarer Zeit mit den italienischen Wölfen in der Schweiz treffen wird - auch in der Schweiz. Wird das Land also bald von Wölfen überschwemmt?

Dass dies nicht zu befürchten ist, dafür sorgt die Biologie: Eine Wolfsfamilie beansprucht ein Revier von 150 bis 250 Quadratkilometern, in dem es keine anderen Wölfe duldet. So verteidigt eine Wolfsfamilie etwa ein Gebiet von der Fläche des Kantons Zug. Die Vermehrung wird dadurch begrenzt, dass nur ein Weibchen, die Mutter der ganzen Familie, Junge hat. Erwachsene Jungtiere wandern nach ein bis drei Jahren ab und ziehen manchmal sehr weit, um neue Gebiete zu besiedeln.

Wird allerdings diese soziale Selbstregulation und das Familiensystem durch den Abschuss wichtiger Tiere gestört, reagieren die Tiere mit erhöhter Reproduktion. So kann es sein, dass es mehr Wölfe in einem Gebiet gibt als vorher.
Mit «Wolf Schweiz: Wer braucht Schutz vor wem?» versucht «NETZ NATUR» aufzuzeigen, dass in der Natur nicht immer alles ist, wie die Menschen es sich denken und warum der Wolf für die Schafe auch sein Gutes hat.