«Niemand kann es sich leisten, Asien zu ignorieren.»

Mit Anfang 20 reiste Barbara Lüthi zum ersten Mal nach China und war fasziniert. Sie wollte den Wandel, der diesem Land bevorstand, miterleben. Inzwischen steht eine ganze Region im Bann des Riesenreichs. Barbara Lüthi über die neue Bedeutung der «Old Burma Road».

Barbara Lüthi in Indien beim Gespräch mit vier Frauen.

Bildlegende: Auf der «Old Burma Road» Barbara Lüthi in Indien. SRF

SRF DOK: Welchen Bezug hast du, als ehemalige China-Korrespondentin, zur «Old Burma Road»?

Barbara Lüthi: Mein Bezug ist der zu China. Die «Old Burma Road» führt von Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, an die burmesische Grenze. Diese Provinz war schon immer meine Lieblingsregion, denn die Natur ist an vielen Orten noch intakt. Und die vielen ethnischen Minderheiten, die in Yunnan angesiedelt sind, geben dieser Gegend einen ganz eigenen Charakter. Yunnan hat mich auch auf dieser Reise wieder daran erinnert, was mich an China so fasziniert. Ein Land, das mich seit fast zwei Jahrzehnten in Atem hält, dessen rasante Entwicklung aber auch viele Schattenseiten für Mensch und Natur darstellt.

Die «Old Burma Road» war auch die Strasse der Abenteurer, Soldaten und Schmuggler. Ist von diesem Geist heute noch etwas zu spüren?

Händler und Schmuggler gibt es auch heute wieder auf dieser Strasse. Heute erzählt die «Old Burma Road» die Geschichte der Globalisierung.

Buddhistische Mönche in Myanmar.

Bildlegende: Buddhistische Mönche in Yangon. SRF

Vor allem an der Grenze zwischen China und Burma sieht man die neue Bedeutung dieser alten Handelsroute. Für China ermöglicht Burma den Zugang zu Rohstoffen und zum Meer. Bereits heute führt eine Pipeline, die burmesisches Öl nach Kumning bringt, direkt entlang der «Burma Road». Was alles illegal über diese Strasse und die Grenze zwischen Burma und China transportiert wird, konnten wir nur erahnen auf dem Jademarkt von Ruili, der Grenzstadt auf chinesischer Seite. Und im Gespräch mit Jadehändlern haben wir erfahren, auf welch abenteuerlichen Wegen illegale Ware China erreicht. Auch unser Fahrer hat erzählt, wie auf der «Old Burma Road» Heroin, Opium und Tropenholz nach China geschmuggelt werden.

Von China aus wird vor allem billige Ware, wie Kleider und Elektronik nach Burma gebracht. Auf den burmesischen Märkten ist fast alles «made in China».

Burma: Öffnung nach fast 60 Jahren Militärdiktatur

Die Reise hat dich durch ganz unterschiedliche Regionen geführt: Südchina, Burma, Nordindien bis nach Kolkata, der berühmt, berüchtigten Stadt, die früher Kalkutta hiess. Welcher dieser Orte hat dich besonders beeindruckt?

Für mich war vor allem Burma faszinierend. Ein Land, das eine sanfte Öffnung erfährt nach fast 60 Jahren Militärdiktatur. Zu sehen, wie die Menschen nach einer neuen Identität suchen und die Grenzen des Machbaren testen, hat mich beeindruckt. Auf dem Land wird es noch lange dauern, bis sich etwas verändert. Aber in Städten wie Yangon bildet sich eine aktive Zivilgesellschaft. Das sind junge Unternehmer, die ihr Land vorwärts bringen wollen, Studenten, die auf die Strasse gehen und ihre Rechte einfordern oder Journalisten, die jetzt endlich das tun dürfen, was sie am besten können: Auf das hinweisen, was sich eben noch verändern muss. Viele der Probleme Burmas sind noch die gleichen, wie zum Beispiel Armut und Unterdrückung.

Barbara Lüthi bei Dreharbeiten in Burma.

Bildlegende: Barbara Lüthi bei Dreharbeiten in Burma. SRF

Burma, das heutige Myanmar, befindet sich seit der Öffnung 2011 in einer spannenden Übergangszeit. Bald sollen Wahlen stattfinden, was erhoffen sich die Menschen davon?

Relativ wenig. Viele Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sagten uns, dass die Generäle nur die Uniform gegen Anzüge ausgetauscht hätten. Das Militär wird die Macht nicht einfach so abgeben.

Noch immer sind 25 Prozent der Parlamentssitze ganz ohne Wahlen für das Militär reserviert. Für eine regierungsnahe Mehrheit bräuchte eine militärfreundliche Partei nur 26 Prozent.

Klar ist, dass die NLD (National League for Democracy) von Aung San Suu Kyi, die USDP-Partei, die mit den ehemaligen Machthabern und der Armee liiert ist, bei den Parlamentswahlen in Bedrängnis bringen wird. Eine Mehrheit von Suu Kyis NLD könnte aber in konservativen Kreisen Widerstände gegen den Reformkurs stärken.

Diese Wahlen können entweder eine Bestätigung des Demokratisierungsprozesses sein oder es kommt zu einem Rückschlag.

Hintergründe, die man als Tourist nicht erhält

Die Welt ist bereist und weitgehend touristisch erschlossen. Was soll eine Reisesendung den Schweizer Zuschauerinnen und Zuschauern näher bringen?

Wir zeigen in dieser Sendung Zusammenhänge auf und bringen Hintergründe. Wir möchten unserem Publikum einen vertieften Einblick in eine Weltregion geben, den man sonst so als Tourist nicht bekommen würde. Es geht darum, das Verständnis für diese Region zu fördern, die auch für uns immer wichtiger wird. Niemand kann es sich leisten Asien zu ignorieren. Asien ist der Motor der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts.

Die Zusammenarbeit mit Journalisten vor Ort ist entscheidend

Dein Kerngeschäft sind die tagesaktuellen News, du bist häufig in Krisenregionen unterwegs. Wie war es für dich, für eine so lange und aufwändige Produktion zu arbeiten?

Es war eine neue Erfahrung für mich. Vor allem die Vorbereitung war für mich ungewohnt lange. Ich bin mir gewohnt, schnell loszuziehen und dann vor Ort zu schauen, was sich machen lässt. Ich lasse mich am liebsten voll und ganz auf das ein, was ich antreffe.

Bei einer Serie aber stemmen wir knapp sechs Stunden Programm. Die Vorbereitung haben die Produzentinnen Elvira Stadelmann für China und Myanmar und Andrea Pfalzgraf für Indien übernommen. Dabei hat Elvira vor dem offiziellen Start der Reise zwei Geschichten in China gedreht und Andrea war in Indien für drei Vorproduktionen.

Wir waren dabei immer in Kontakt und waren uns von Anfang an einig darüber, welche Geschichten wir erzählen wollten. Auch war es für uns immer klar, dass wir uns spontan auf Menschen und Geschichten vor Ort einlassen. Nur so kann man reisen.

Reporterin Barbara Lüthi und die Produzentinnen Andrea Pfalzgraf und Elvira Stadelmann in Indien.

Bildlegende: Reporterin Barbara Lüthi und die Produzentinnen Andrea Pfalzgraf und Elvira Stadelmann in Pyin Oo Lwin. SRF

Elvira Stadelmann hat als Produzentin das grosse Ganze überblickt. Ohne ihren unermüdlichen Einsatz würde es diese Serie nicht geben. Mit Kameramann Laurent Stoop hatten wir einen erfahrenen Mann im Team, der schon einige Reiseserien gedreht hat. Weiter war Marin Suter als Kameraassistent dabei. Daheim hielt Franziska Wellinger als Produktionsverantwortliche die Fäden zusammen. Hedi Bäbler und Andrea Pfalzgraf waren für den Vorschnitt der beiden Sendungen in Indien zuständig. Elvira Stadelmann und Editor Angelo Prinz haben aus unserer Reise dann diese Serie geschnitten.

Der Erfolg einer Produktion hängt aber ganz stark von den lokalen «Stringern» ab. Sie kennen das Land und die Geschichten und können ihre Sichtweise einbringen. In China zum Beispiel war mit Xifan Yang eine erfahrene Journalistin an Bord, und in Indien reiste Nupoor Kajbaje mit uns.

Armut und Unterdrückung bleiben die dringendsten Probleme

Rikschafahrer in Kalkutta

Bildlegende: Rikschafahrer in Kolkata. SRF

Welche Begegnung wird Dir unvergesslich sein?

Ich werde alle Begegnungen in Erinnerung behalten und die Menschen, die ich getroffen habe. Beeindruckt hat mich ein junges Mädchen in Darjeeling, im Norden Indiens. Ihre Nachbarin wollte sie in die Prostitution verkaufen, doch sie kam dahinter und entkam mit Hilfe ihres Vaters.

Beeindruckt hat mich auch der Rikschafahrer in Kolkata, der jeden Tag in der heissen, stinkenden Metropole zu Fuss Menschen durch den stockenden Verkehr zieht, um seine Familie zu ernähren. Er hat keine andere Wahl. Wir würden das keine Stunde aushalten.

Oder das junges Mädchen, das ich in einem Dorf in Indien traf. Das auf meine Frage hin, was sie denn einmal werden wolle, antwortete: «Polizistin, damit ich die Gewalt gegen Frauen in Indien stoppen kann.» Man kann sich denken, was dieses Kind bereits gesehen und gehört hat in seinem Leben.

Zur Reporterin

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Barbara Lüthi war fast acht Jahre China-Korrespondentin für SRF. Heute lebt sie mit ihren beiden Kindern in Hongkong. Sie ist Krisenreporterin und SRF-Korrespondentin für die Region Südostasien.

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