Neue Gedichte - wie wir sie lesen, wie wir sie verstehen

  • Freitag, 12. Oktober 2007, 20:00 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 12. Oktober 2007, 20:00 Uhr, DRS 2
  • Wiederholung:
    • Sonntag, 14. Oktober 2007, 15:00 Uhr, DRS 2

Der Literaturkritiker und Schriftsteller Markus Bundi, der Schauspieler Hans-Peter Müller-Drossaart und DRS-2-Literaturredaktor Felix Schneider haben die zahlreichen Herbst-Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Lyrik gesichtet und ihre - wie immer subjektive - Auswahl getroffen.

Sie präsentieren unter anderem Gedichte von Sepp Mall (geboren 1955 in Graun/Südtirol), Felix Philipp Ingold (geboren 1942 in Basel) und Helmut Krausser (geboren 1964, lebt in Berlin) - und zwar vor Publikum in Frauenfeld, anlässlich der dortigen Lyriktage.

Beiträge

  • Sepp Mall

    KLEINES LIEBESLIED

    Ich habe dich / auswendig
    gelernt
    und wenn du weg bist
    sage ich dich auf

    Besser / du kommst bald
    ich mache lauter
    Fehler

     

    HAPPY BIRTHDAY (I)

    Argloses Beginnen
    : die Scheibe Brot / die an Schnee
    erinnert
    und an die Seele der Kindheit
    rutscht von der Hand / fällt
    in die Tiefe
    (die wir Zeit heissen)

    Und Tage / die mit-
    wirbeln / wie Krumen ins Offene
    : Maiandachten / voller Flieder-
    farben
    Haarbüschel / die ein Friseur
    zusammenkehrt alle paar Monate
    Und Winter aus klammen Fingern
    und dem blauen Geruch / von Tafeln
    Heften
    : hinab / in den Zeit-
    schacht

    Und du / schneidestein neues Jahr an wie Brot / wie Seelen-gebäck

  • Wilhelm Busch, Kurt Aebli, Andreas Neeser und Martin Merker

    ES IST HALT SCHÖN

    Es ist halt schön,
    Wenn wir die Freunde kommen sehn. -
    Schön ist es ferner, wenn sie bleiben
    Und sich mit uns die Zeit vertreiben. -
    Doch wenn sie schliesslich wieder gehen,
    Ist's auch recht schön. -

    Aus: Wilhelm Busch, Hundert Gedichte. Herausgegeben von Gudrun Schury © 2007 Aufbau Verlag Berlin.

     

    DIE MUSIK HAT EIN LOCH

    Selbstbildnis als freilaufendes
    Werkzeug
    ich bin fast so alt wie das Fernsehen denkt er
    ein Lachen spritzte
    durch den Raum
    im Himmel
    zog mich jemand
    nah an sich heran und sprach
    Monsieur es ist kein Zucker
    mehr da

    DIE BEIDEN AUGEN

    Die beiden Augen eines eingemauerten Zwergs habenmich angeschaut und

  • Felix Philipp Ingold

    NIMM'S

    wahr und lass
    hören was gemeiner
    Klee vom Duften
    weiss. Wie's rauscht wenn die Luft
    fruchtbar ins Feld
    fällt. Wenn ein süsses Volk
    plötzlich aufklart. Dort
    im Gegenlicht die sirrende
    Wolke! Fahrt
    ins Gewisse! Siehst
    wie Biest um Biest abdreht und
    einkehrt. Frechen Staub
    zu opfern. Was Waben - wie
    Buchstaben - frommt. Formt's
    doch den Honig
    zum Wort und gibt dir alles
    noch einmal zu denken.

     

    ARENA

    Klaut wem das letzte
    Wort den Tod. Verweigert sich
    dem Himmelblau das Blau des Himmels.

    Immer nicht der grossen
    Ouvertüre gefolgt! Statt dessen
    auf dem Kopf des Stinkefingers einen Schwengel

    (oder Schläger) coolins Ungewisse balanciert.Endlich mal ein Schritt der nicht

  • Helmut Krausser

    die einwohner der stadt bochum heissen bochumer nicht bochumiten nicht bochumonen nicht bochumulaner nicht bochumisten nicht bochumesi nicht bochumalteken nicht bochumiens nicht bochumiesen nicht bochumegassen nicht bochumaner nicht bochumenten nicht bochuminos nicht bochumiosen nicht bochumanten nicht bochumellen einfach nur bochumer.

    sehen sie mich nicht so entgeistert an. es stimmt.

    ich will dich mit gefletschten zähnen packen und erzwetschgen.möchte deine unterhosenpfirsichen und aprikosen,will orangen dich, melonen,mandarinen und bewohnen,datteln dich und kirschen, trauben,will dir schlaf und atem rauben,auch zwei ananasse härchenaus dem feigen stachelbeerchen.

Autor/in: Felix Schneider