Eltern sein trotz geistiger Behinderung

Auch Menschen mit einer kognitiven Einschränkung wünschen sich Kinder, einige werden auch Eltern. Unbestritten ist, dass Eltern mit solchen Einschränkungen vielfältige, auf ihre Lebenssituation angepasste, Unterstützung benötigen.

Frau mit Kinderwagen

Bildlegende: Ob ein Kind bei seinen behinderten Eltern aufwächst, entscheidet sich von Fall zu Fall. colourbox

«Sollen geistig behinderte Menschen selber Kinder haben dürfen?» Für die einen ist diese Frage unerhört und diskriminierend. Schliesslich ist Elternschaft in unserer Gesellschaft ein höchstpersönliches Recht, das grundsätzlich jeder Person offen steht; unabhängig davon, ob sie als behindert gilt oder nicht. Für die anderen hingegen ist diese Frage berechtigt. Schliesslich müsse man auch an das Kind denken, das die Eltern vielleicht gar nicht, oder zumindest nicht im richtigen Masse, betreuen können.

Fakt ist: Noch bis vor 30 Jahren wurden in der Schweiz Frauen zwangssterilisiert – auch Frauen mit kognitiven Einschränkungen. Oder ihre Kinder wurden abgetrieben. Heute sucht man andere Wege, wenn geistig Behinderte einen Kinderwunsch entwickeln oder wenn eine geistig behinderte Frau schwanger wird.

Können die Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden?

Ein Patentrezept gibt es nicht. Wohl aber den Konsens, dass Unterstützung von aussen für geistig behinderte Eltern unerlässlich ist. Denn eine Intelligenzminderung ist nicht nur durch eine deutlich unterdurchschnittliche Intelligenz definiert, sondern auch durch Einschränkung in der Kommunikation und in der sozialen Anpassung. Je nach Ausprägung ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, mehr oder weniger stark eingeschränkt – ebenso wie die Fähigkeit, die Befriedigung eigener Bedürfnisse zurückzustellen und die eigenen Gefühle zu kontrollieren. Das wiederum hat Auswirkungen darauf, inwieweit Bedürfnisse des Kindes wahrgenommen und befriedigt werden können.

Eine dauerhafte Begleitung dieser Familien ist deshalb wichtig. Betreute Wohngruppen oder soziale Dienste können eine solche unterstützende Funktion haben, vielfach übernehmen aber auch die frischgebackenen Grosseltern einen grossen Teil der Verantwortung – und das viele Jahre lang. Denn geistig behinderte Eltern brauchen ständig Hilfe dabei, sich auf den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes anzupassen.

Das Familienleben wird nicht unbedingt leichter, je älter das Kind wird. Mit dem Verständnis, dass die eigenen Eltern anders sind, beginnt für viele Kinder ein Wechselbad der Gefühle – von heftiger Ablehnung über extreme Verteidigung nach aussen bis hin zu Scham- und Schuldgefühlen. Auf der anderen Seite können kognitiv eingeschränkte Eltern ihre Kinder vielleicht ab einem gewissen Entwicklungsstand nicht mehr richtig fördern. Dann müssen Eltern, Kinder und Betreuer gemeinsam die Situation überdenken – eine Lösung kann dann beispielsweise sein, das Kind in ein Internat zu schicken, oder für das Kind sogar eine Pflegefamilie zu finden. Wenn diese Veränderung sanft und sensibel gestaltet wird, muss das kein Bruch in der Eltern-Kind-Beziehung sein.  

Immer mehr geistig Behinderte werden Eltern

Die Statistik zeigt: In der Schweiz waren in den letzten Jahren durchschnittlich 15 geistig behinderte Frauen pro Jahr mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt konfrontiert. Und es sind immer mehr geistig Behinderte, die Eltern werden. Im Vergleich zu nicht behinderten Eltern ist die Zahl jedoch immer noch gering: Nur zwei bis drei von hundert geistig behinderten Menschen werden im Laufe ihres Lebens Eltern. Und auf hundert Geburten kommen bei geistig behinderten Frauen noch immer knapp 90 Abtreibungen. Zum Vergleich: Bei Frauen ohne geistige Behinderung sind es weniger als 20 Schwangerschaftsabbrüche. Geistig behinderte Frauen haben im Durchschnitt auch mehr Totgeburten. Ein Grund dafür ist, dass diese Schwangerschaften häufig erst spät festgestellt werden und die Vorsorge deshalb nicht optimal sein konnte. Andererseits können die Eltern natürlich auch ihr genetisches Problem weitervererben, was ebenfalls zu Fehl- oder Totgeburten führen kann.