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Alltag & Umwelt Freundlichkeit hilft Stotterern

Rund 80'000 Personen in der Schweiz stottern, und dies meist seit Kindesalter. Wer es nicht schafft, in jungen Jahren wieder flüssig zu sprechen, leidet meist ein Leben lang an den Knoten in der Zunge. Für die Betroffenen sind dann lebenslange Disziplin und hohe Konzentration bei Gesprächen nötig.

Stottern kommt in allen Kulturen und Sprachen vor. Prominentes Beispiel: Der britische König Georg VI., dessen Therapeut im Film «The King’s Speech» zu neuen Ehren kam. Alte Schriftstücke belegen, dass es aber schon vor 4000 Jahren stotternde Menschen gab.

Schwarzweiss-Foto des Monarchen in einer Uniform mit vielen Orden.
Legende: Berühmter Stotterer König George VI. von England auf einem offiziellen Hofporträt um 1940 gemeinfrei

Die Situation, mal ein Wort nicht zu finden oder an einem Wort hängen zu bleiben, kennen wir alle. Rund ein Prozent der Erwachsenen stottert aber chronisch – in der Schweiz also gegen 80'000 Personen.

Beim Stottern wird der Redefluss beim Sprechen in Form von Blockaden, Wiederholungen von Wortteilen oder Dehnungen gestört. Stottern ist häufig mit übermässiger Anstrengung beim Sprechen verbunden. Diese Verkrampfung äussert sich körperlich mit Zuckungen von Kopf, Armen oder Oberkörper.

Ein Stotternder weiss sehr wohl, was er sagen möchte, er ist aber oft nicht in der Lage, dies störungsfrei zu tun. Die Kontrolle über den eigenen Sprechapparat geht in diesem Moment verloren. Keine zwei Menschen stottern auf dieselbe Art und Weise. Wie schwer jemand stottert, ist meistens abhängig von den Wörtern, der Situation ganz allgemein, der Gefühlslage oder auch der körperlichen Verfassung.

Meist verschwindet es von allein

Das Stottern beginnt meistens ohne offensichtlichen Anlass im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Zuvor hat das Kind meist eine Zeitlang flüssig gesprochen. Fünf Prozent aller Kinder entwickeln in dieser Zeit ein sogenanntes Entwicklungsstottern.

Das ist kein Grund zur Besorgnis: Vier von diesen fünf Kindern verlieren das Stottern bis zur Pubertät wieder und sprechen flüssig. Und zwar ohne dass ärztliche Hilfe nötig wird. Bei Mädchen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Redeflussstörung wieder verliert, übrigens um einiges grösser.

Chronifizierung vermeiden

Bei Unsicherheiten ist eine logopädische Abklärung bei einer Fachperson sicher sinnvoll. Je eher ein Stottern, das chronisch werden könnte, behandelt wird, desto grösser ist die Chance, dass die Stockungen und Blockaden wieder weg gehen.

Heute werden auch die Eltern intensiv in eine logopädische Therapie einbezogen. Mit Hilfe von spielerischen Übungen soll das Kind vor allem wieder Freude am Sprechen bekommen und dabei positive Erlebnisse haben.

Auch die Familiensituation wird analysiert, da Stottern oft auch durch familiäre Faktoren beeinflusst wird. Die Geburt eines zweiten Kindes zum Beispiel kann, muss aber nicht, ein auslösender Faktor sein.

Hat sich das Stottern erst einmal chronifiziert, wird es den Stotternden ein Leben lang begleiten. Allein die Angst vor dem Stottern zu verlieren, kann aber einen sehr positiven Einfluss auf den Redefluss haben. In verschiedenen Kursen und Seminaren (unter anderem bei der Vereinigung für Stotternde und Angehörige) werden oft auch Atem-, Sprech- und Entspannungstechniken geübt. Es überrascht nicht, dass Stotternde im privaten, vertrauten Umfeld zu Hause und bei der Familie besser sprechen als in einer unpersönlichen, hektischen Umgebung mit Fremden.

Woher kommt das Stottern?

Stottern (Stammeln)

Bei Stotterern ist das Sprechen durch häufige Wiederholung oder Dehnung von Lauten, Silben oder Wörtern gekennzeichnet oder durch häufiges Zögern und Innehalten, das den rhythmischen Sprechfluss unterbricht. Stottern wird erst dann als Störung klassifiziert, wenn die Sprechflüssigkeit deutlich beeinträchtigt ist.

Die Ursachen des Stotterns sind bisher noch nicht ausreichend erforscht. Erklärungen wie «Kinder denken schneller als sie sprechen» oder «Kinder haben einen stotternden Menschen nachgeahmt» oder «Kinder sind eben nervös und wollen mit Stottern die Aufmerksamkeit auf sich ziehen» treffen gemäss Logopäden nicht zu.

Wissenschaftler vermuten, dass der gestörte Redefluss auf Funktionsstörungen im Gehirn zurückgeht. So fand man hirnanatomische Abweichungen bei Stotterern im Vergleich zu nicht stotternden Personen. Offenbar werden bei rechtshändigen Stotterern beim Sprechen andere Hirnregionen aktiviert als bei Normalsprechern.

Während Nicht-Stotterer beim Sprechen Gebiete in der linken Hirnhälfte aktivieren, sind es bei Stotterern Regionen in der rechten Hirnhälfte. Es bleibt aber die bekannte Frage nach dem Ei und dem Huhn: Was war zuerst? Ist die veränderte Hirnaktivität Ursache oder Folge des Stotterns?

Veranlagung plus viele Faktoren

Stotternde Menschen haben vermutlich eine Veranlagung zum Stottern. Stottern entsteht in einer Zeit, in der sich das Kind körperlich, geistig, emotional und sprachlich schnell entwickelt. Wieso und auf welche Weise es dabei bei einigen Kindern zum Auftreten von Stottern kommt, ist bis heute unbekannt. Viele Einflüsse aus dem körperlichen, dem psychischen, dem sprachlichen und dem sozialen Bereich können bei der Entstehung eine Rolle spielen.

In der weiteren Entwicklung des Stotterns wächst die Anstrengung beim Sprechen und das Kind versucht, Stottern zu vermeiden. Es können negative Gefühle und Einstellungen gegenüber dem Sprechen entstehen. Teufelskreise aus Angst und Vermeidung sowie aus Anstrengung und Frustration erhalten dann das Stottern aufrecht oder verstärken es noch. Das Stottern automatisiert sich zunehmend und kann – je länger es andauert – desto schwieriger verändert werden.

Tipps für den Umgang mit Stotterern

  • Lassen Sie den Stotterer ausreden, unterbrechen Sie ihn nicht und sprechen Sie ihm keine Worte oder Sätze vor. Diese gut gemeinte Hilfe kann einen Stotterer in seinem Stolz verletzen.
  • Schauen Sie nicht weg. Im Gegenteil – schauen Sie dem Stotterer in die Augen und lassen Sie ihn spüren, dass Sie ihm zuhören. Ein freundliches Gesicht hilft dem Stotterer auf seinem Weg hin zu einem kontinuierlichen Redefluss.

Welttag des Stotterns

Seit 1998 ist der 22. Oktober «International Stuttering Awareness Day». Mit Aktionen und Veranstaltungen soll Aufmerksamkeit geschaffen werden für die Schwierigkeiten, die Stotternde bewältigen müssen und für die Fakten zur Sprechbehinderung Stottern, über die es noch immer zahlreiche Vorurteile gibt.

International Stuttering Association

6 Kommentare

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  • Kommentar von Sonja Zemp, Zürich
    Ob jemand flüssig spricht oder nicht, ist nicht das Wichtigste. Einer meiner Chefs stottert auch und trotzdem ist er einer der besten im Betrieb. Ich mag ihn, weil er ein feinfühliger, einfühlsamer und sehr sympatischer Mensch ist. Ich denke, es muss ihn sehr viel Mut und Kraft kosten, mit dieser Einschränkung im Beruf "seinen Mann zu stehen". Dafür bewundere ich ihn sehr, denn er stellt sich dem Problem und spricht mit uns trotzdem viel. Das ist wirklich bewundernswert!
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  • Kommentar von T. Schnyder (Selbstbetroffener), Zürioberland
    Aufgrund der bisherigen Kommentare scheint es mir wichtig zu betonen, dass kein Kausalzusammenhang zwischen Singen und Verlieren des Stotterns besteht. Die Kinder gehören wohl eher zu den 4 Kindern, welche das Stottern wieder verlieren (siehe Artikel). Was ich wiederum wichtig finde ist, dass stotternde Kinder gefördert werden und sich in dem entwickeln können,was ihnen Freude bereitet (also u.a. auch zu singen). So entwickelt das Kind Stärken und Selbstbewusstsein, was das Sprechen begünstigt.
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  • Kommentar von Franz Josef Neffe, Pfaffenhofen
    Stottern erweist sich als Sprechhindernis. Der Stotterer möcht mit der Stimme nach vorn und macht mit seiner Persönlichkeit einen Rückzieher, ist es in "Die Befreiung von Stottern durch Autosuggestion" auf den Punkt gebracht. Wer sich so innere Zerreißproben beschert, geht schlecht mit seiner PERSÖNLICHKEIT um. Betroffene betreiben unbewusst höchst ungünstige AUTOSUGGESTION. COUÉs kleines, weltberühmtes Buch beschreibt praxisbewährt, wie man den Fehler korrigiert. Guten Erfolg! Franz Josef Neffe
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    1. Antwort von Bruno Herzog, Oberkulm
      Wir hatten mal einen Pflegebuben aus einer zerrütteten Familie. Wenn er aufgeregt war stotterte er am Anfang auch bei uns. Da er gerne sang, schlug ihm meine Frau vor zu singen was er sagen möchte, wenn er etwa mit Nachbarkindern ein Problem hatte. Auf diese Weise konnte er sich problemlos äussern und mit der Zeit ging das Stottern ganz weg.
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    2. Antwort von Hans Hartmann, Republic Dominicana
      B.H.@ Wenn du nicht reden kannst dann singe es halt, heisst es im Volksmund. Auch wir haben ein Maedchen ein Jahr bei uns aufgenommen. Sechs Jahre alt. Blieb oft bei einem Wort haengen, verkrampfte sich und gab auf. Singen konnte sie fliessend . Kaufte dann ein Karaoke. Habe selten so eine Freude gesehen,taeglich wurde nun gesungen.Die Haenger wurden seltener und wenn lachten wir und sagten: "Singe es" Heute ist sie eine junge Frau in der USA und spricht fliessend.
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    3. Antwort von Hans Hartmann, Republic Dominicana
      Nachtrag: Als Laie denke ich es koennte mit der Atemtechnik zusammenhaengen. Singen setzt eine andere Atmung voraus als Reden.
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