Sexualerziehung: Alle wollen das Gleiche – nur anders

Die Volksinitiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» ist anfangs Jahr formell zustande gekommen. Seither kreuzen Befürworter und Skeptiker einer staatlichen Sexualerziehung ihre Klingen. Was für die einen Gründlichkeit ist, ist für die anderen Sexualisierung.

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Sexualaufklärung auch für Kindergärtler

74 min, aus Club vom 3.6.2014

Kinder bis 9 Jahre sollten in der Schule nur gerade vor Unholden gewarnt werden. Prävention gegen Kindsmissbrauch. In diesem Unterricht darf es allerdings nicht um Sex gehen. Dann zwischen 9 und 12 sollen Kinder auf freiwilliger Basis an einem Sexualunterricht teilnehmen dürfen.

Ab dem 12. Lebensjahr werden die Schüler schliesslich im Rahmen des regulären Biologieunterrichts ganz pragmatisch an die Prozesse menschlicher Fortpflanzung herangeführt. Das in aller Kürze sind die Bestandteile der Volksinitiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule».

Auf Seiten der meisten Fachleute provoziert die Initiative Kopfschütteln, bisweilen gar Entsetzen. Im Zusammenhang mit der Schulreform «Lehrplan 21» soll Sexualunterricht in Zukunft obligatorisch werden.

«Ein Holz-Penis hat im Kindergarten nichts verloren»

Schaut man sich indes die unterschiedlichen Standpunkte an, merkt man rasch: auch am Dienstagabend in der SRF Gesprächs-Sendung «Club» stehen sich keine Todfeinde gegenüber. Kaum jemand aus dem Interessenskreis der Schutzinitiative bestreitet die Notwendigkeit einer sexuellen Aufklärung von Kindern und Jugendlichen. Und auch Kindergarten-Fachleute halten Kunststoffgenitalien nicht zwingend für ein geeignetes didaktisches Instrument.

«Ein Holz-Penis hat im Kindergarten nichts verloren», sagt Pamela Lepri. Die Familienfrau, Kindergärtnerin und Sexualpädagogin rückt eine Sexualerziehung ins Zentrum, die tagtäglich stattfindet und sich meistens an den Fragen der Kinder orientiert und natürlich an deren Entwicklungsstand.

Sexuelle Orientierung für Kindergärtler uninteressant?

Der Vorgang an sich missfällt dem Initiativ-Komitee nicht. Das Kind habe ein Anrecht auf eine altersgemässe Aufklärung, ist Helene Koch-Schmutz überzeugt. Die Familienfrau und Mitglied des Befürworter-Komitees möchte nur sicherstellen, dass der diesbezüglichen Erhellung der Kinder und Jugendlichen vor allem innerhalb der Familie Rechnung getragen wird.

Dass demgegenüber vom Staat bestellte Fachleute Kinder und Jugendliche während der Schule unnötig «sexualisieren», ist für den Co-Präsidenten der Initiative zu vermeiden. Der baselstädtische SVP-Nationalrat Sebastian Frehner hält es für verfehlt, dass «ein vierjähriges Kind den Unterschied zwischen hetero- und homosexuell lernen muss.»

«Sex: ein Thema wie jedes andere»

Den Gegnern der Initiative missfällt die Aufladung des Themas mit moralischen Wertfragen. Für Jürg Brühlmann ist eine offene Sexualaufklärung ein Aspekt des staatlichen und familiären Bildungsauftrags. Der Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des Schweizerischen Lehrerverbands hält Sexunterricht für so selbstverständlich wie Medien-, Natur- und Umweltpädagogik.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Der Bundesrat sagt Nein zur Initiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule».

    Bundesrat: Sexualunterricht soll Sache der Kantone bleiben

    Aus Rendez-vous vom 9.4.2014

    Der Bundesrat will den Kantonen nicht vorschreiben, wie und wann Kindergartenkinder und Primarschüler aufgeklärt werden sollen und empfiehlt deshalb die Initiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» zur Ablehnung.

    Elisabeth Pestalozzi

  • Streit um Sexunterricht

    Aus Rundschau vom 2.4.2014

    Das Bundesamt für Gesundheit will die Sexualerziehung in Volksschulen forcieren. Ziel: Kinder und Jugendliche sollen über Sexualität und sexuell übertragbare Krankheiten besser aufgeklärt werden. Der Unterricht soll bereits im Kindergarten beginnen und für alle obligatorisch sein. Doch jetzt regt sich Widerstand mit einer eidgenössischen Volksinitiative.

  • Viele Jugendliche sind schon in Kontakt mit Sexting gekommen

    Aus SRF 4 News aktuell vom 21.10.2013

    Smartphones, WhatsApp oder Facebook haben es erst möglich gemacht: Dass sich Jugendliche - aus Jux oder Neugierde - nackt fotografieren oder filmen und diese Aufnahmen weiterverschicken. Viele vergessen, dass sie keine Kontrolle mehr über ihre Bilder haben.

    Roland Wermelinger

  • «Smartphones und Internet durchbrechen unseren Privatraum»

    Aus SRF 4 News aktuell vom 21.10.2013

    Die Jugendorganisation Pro Juventute warnt in einer neuen Aufklärungskampagne vor den Folgen von «Sexting». Hinter diesem Begriff verbirgt sich das Versenden von eigenen, intimen Fotos und Filmen. Urs Kiener ist Kinder- und Jugendpsychologe von Pro Juventute.

    Er erklärt, warum Sexting aus seiner Sicht gefährlich ist.

    Roland Wermelinger

  • Umstrittene Broschüre für Sexual-Erziehung

    Aus Rendez-vous vom 11.2.2008

    Eltern sollen ihre Kinder auch an ihren Geschlechtsteilen berühren. Dies rät eine Broschüre Eltern und Erziehenden von Kindern bis drei Jahren.

    Herausgegeben wurde das Büchlein von der Deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In Deutschland entfesselte die Broschüre einen Sturm der Entrüstung und wurde zurückgezogen. Der Kinderschutz Schweiz hält jedoch an der Broschüre fest.

    Elmar Plozza

  • Was tun gegen sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen?

    Aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 1.12.2007

    Eine Fachtagung in Aarau sucht Lösungen im Kampf gegen sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen. Im Fokus stehen dabei die Knaben als Täter.

    Evelyne Hänggi