Und wie sauber sind Ihre Linsen?

Gut die Hälfte aller Schweizer Kontaktlinsenträger nimmt es im Umgang mit der Sehhilfe mit der Hygiene nicht so genau.

Seit sechs Jahren trägt Fabienne Stadler Kontaktlinsen. Ihre Brille kommt nur noch selten zum Einsatz: «Wenn ich am Morgen aufstehe, setze ich die Linsen direkt aufs Auge. Und am Abend nehme ich sie kurz vor dem Schlafen gehen wieder heraus», sagt die 21-jährige Frau.

Trotz der hohen Tragdauer hatte sie noch nie Probleme mit ihren Monatslinsen. Einmal im Auge, vergisst sie den Fremdkörper schnell. Die Studentin spürt praktisch nie eine Reizung, ein Kratzen oder andere störende Faktoren. «Wenn man Linsen so gut verträgt, wird man fahrlässig im Umgang», sagt Stadler.

Mit der Zeit leidet die Sorgfalt

Sie sei am Anfang noch vorsichtiger gewesen und habe die Hygieneregeln sehr Ernst genommen. Doch unterdessen wendet sie nicht mehr immer alle Regeln an. Oft wechselt sie die Monatslinsen erst nach fünf oder sechs Wochen aus. «Und zwischendurch wasche ich die Hände nur kurz mit Leitungswasser – ab und zu gar nicht», sagt Stadler. Auch den Kontaktlinsenbehälter ersetze sie nicht vorschriftsgemäss nach einem Monat.

Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstitut GfK nimmt es gut die Hälfte der Schweizer Kontaktlinsenträger mit den Hygieneregeln nicht so genau. In anderen Ländern wie den USA oder Kanada geht man sogar von bis zu 70 Prozent aus.

Kontaktlinsenspezialist Dr. Michael Bärtschi verwundern diese Zahlen nicht: «Meine Erfahrung aus dem Geschäftsalltag bestätigt das deutlich. Viele Kunden sind sich der Risiken zu wenig bewusst und halten sich nicht an die Hygieneempfehlungen der Fachleute».

Monats- und Jahreslinsen am heikelsten

Gerade bei Personen mit Monats- oder Jahreslinsen ist die Hygiene besonders wichtig, weil man die gleiche Linse immer wieder ins Auge setzt. Die Gefahr für Infektionen im Auge ist deshalb grösser als zum Beispiel bei Tageslinsen, die steril aus der Packung kommen und nur einmal verwendet werden.

Zwar sind die Infektionsraten im Verhältnis zur Anzahl Kontaktlinsenträger sehr tief, dennoch sollten Linsenträger Horn- und Bindehautentzündungen nicht unterschätzen. Reagiert ein Betroffener mit rotem und schmerzendem Auge nicht rechtzeitig, drohen bleibende Schäden wie zum Beispiel Sehunschärfe oder Vernarbungen der Hornhaut.

«Würden die Hygieneregeln eingehalten, gäbe es sicher weniger solche Infektionen, da meist Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien das Auge entzünden», sagt Bärtschi. Und diese Bakterien seien eben zum Beispiel im Kontaktlinsenbehälter, an den Händen und im Leitungswasser vorhanden.

«  Meine Erfahrung aus dem Geschäftsalltag bestätigt das deutlich: Viele Kunden sind sich der Risiken zu wenig bewusst. »

Michael Bärtschi
Optometrist

Der erfahrene Optometrist kann nachvollziehen, dass Kunden, die jahrelang Linsen tragen und bei denen nie etwas passiert ist, nachlässiger werden. Wenn seine Kunden bei ihm in der Nachbetreuung sind, versucht er ihnen jeweils die Risiken wieder vor Augen zu führen: «Der Kunde muss sich bewusst sein, dass er Linsen schon ‹übertragen› kann und den Behälter nicht regelmässig wechseln muss. Doch dann geht er ein erhöhtes Risiko ein.»

Schmutzige Hände machen am meisten Probleme

Studien aus dem Jahr 2008 zeigen, dass beispielsweise mangelnde Hygiene beim Linsenbehälter ein 3,7-fach höheres Risiko für Komplikationen bedeutet. Noch risikoreicher ist es, wenn Träger die Hände nicht waschen – das Risiko steigt nämlich um den Faktor 14,9. Und gerade mit dem Auge sei nicht zu scherzen, meint Bärtschi; «Rund 80 Prozent unserer Sinneseindrücke nehmen wir mit ihnen wahr!»

Fabienne Stadler ist sich der Risiken bewusst. Sie versucht so oft wie möglich, die Empfehlungen einzuhalten. Doch im Alltag sei das halt nicht immer so einfach, sagt die Linsenträgerin. «Wenn ich jeweils zur Kontrolle aufgeboten werde und mich der Optiker mit den Hygieneempfehlungen konfrontiert, versuche ich, die Tipps wieder vermehrt anzuwenden.» Bis jetzt blieb sie glücklicherweise von Komplikationen verschont.

Hygieneregeln

  • Kontaktlinsen und Behälter nie mit Leitungswasser spülen
  • Vor jedem Kontakt mit Augen oder Linsen die Hände mit Seife waschen
  • Keine rückfettenden Seifen verwenden
  • Linsenmittel für jede Reinigung auswechseln
  • Kontaktlinsenbehälter regelmässig erneuern
  • Kontaktlinsen nicht länger tragen, als vom Hersteller erlaubt
  • Regelmässige Kontrollen bei einem Fachmann (mindestens einmal pro Jahr)

Kontaktlinsen im Überblick


Material
VorteileNachteile
TageslinsenweichKeine Pflege nötig.

Kaum Infektionsgefahr, da jeden Tag neue und sterile Linse.

Für gelegentliches Tragen besonders geeignet.

Hoher Tragekomfort.

Einschränkungen bei den Sehkorrekturen.

Teurer, wenn jeden Tag Linsen getragen werden.

Wochen- und Monatslinsen

weich
Optimal für Vielträger.

Hoher Tragekomfort.

Grosser Korrekturbereich.

Je nach Linsentyp Einschränkungen bei den Korrekturen.

Oft kein Dauertragen (Tag und Nacht) möglich.

Gewisser Pflege- und Hygieneaufwand.

Quartals- und Halbjahreslinsenweich
Genauere Korrekturen möglich, insbesondere bei den individuell angepassten Linsen.

Günstiger für Vielträger.

Keine Einschränkungen bei den Korrekturen.

Hoher Pflege- und Hygieneaufwand.

Verschmutzung nimmt mit der Zeit zu, dadurch leicht höhere Infektionsgefahr.

Oft kein Dauertragen (Tag und Nacht) möglich.

Jahreslinsenformstabil
Genauere Korrekturen möglich, insbesondere bei den individuell angepassten Linsen.

Günstiger für Vielträger.
Hoher Pflege- und Hygieneaufwand.

Verschmutzung nimmt mit der Zeit zu, dadurch leicht höhere Infektionsgefahr.

Kein Dauertragen (Tag und Nacht) möglich.

Formstabile Linsen benötigen ein bis zwei Wochen Angewöhnungszeit.

Orthokeratologie
(Nachtlinsen)
formstabil
Die Hornhaut wird in der Nacht so geformt, dass Sehhilfen am Tag nicht mehr nötig sind.

Belastung des Auges tagsüber ist kleiner, weil mehr Sauerstoffzugang möglich ist.
Erhöhte Aufmerksamkeit beim Tragen in der Nacht wegen Infektionsgefahr.

Angewöhnungszeit von ca. zwei bis drei Wochen.

Eine geringfügige Abnahme der Sehschärfe abends ist möglich.

Nur bis ca. -6 Dioptrien.

Dauertragen
Tag und Nacht
weich und formstabil (hoch sauerstoff-durchlässig)Bequemes Tragen 24 Stunden lang ohne Abnahme der Linsen vom Auge.

Kein Hygieneaufwand.

Geringere Infektionsgefahr durch schlechte Hygiene des Trägers, weil das tägliche Einsetzen und Herausnehmen wegfällt.
Erhöhte Aufmerksamkeit beim Tragen in der Nacht, da durch nächtliches Tragen eine erhöhte Infektionsgefahr besteht.

Regelmässige Kontrollen beim Optometristen (mind. 2 Mal pro Jahr). Ohne Kontrolle drohen bleibende Augenveränderungen (Neovaskularisationen, Entzündungen), und damit eine Unverträglichkeit.

Höhere Belastung des Auges, weil nachts weniger Sauerstoff ans Auge gelangen kann.

Werden ungeeignete Materialien verwendet, drohen Augenschädigungen.

Mehrstärken-Kontaktlinsen (multifokal und bivisuell)
weich und formstabilErmöglicht verbessertes bis scharfes Sehen in der Nähe, Ferne und in mittleren Distanzen.

Korrigiert Kurz- und Weitsichtigkeit / Altersichtigkeit.
Anpassung und Eingewöhnungszeit können durchaus mehrere Monate benötigen.

Erfolgreiche Anpassung sehr anspruchsvoll und variiert je nach Anpasser stark. Deshalb sollte man sich unbedingt von erfahrenen Optometristen beraten lassen.

Kosmetische Kontaktlinsen
weich und formstabilEinfache Veränderung oder Verstärkung der Augenfarbe.Dürfen oft nicht zu lange getragen werden, da Sauerstoffdurchlässigkeit teilweise niedrig ist.

Bei Bestellung im Internet Verwendung oft ohne Kontrolle durch Optometristen.

Sklerallinsen
formstabil
Medizinischer Einsatz bei Hornhauterkrankungen, nach Augenoperationen oder -unfällen.

Grosser Durchmesser. Liegt nicht auf der Hornhaut sondern auf der Bindehaut.

Für Linsenträger, bei denen der Tragekomfort oder die Sehschärfe mit normalen Linsen nicht mehr gewährleistet ist.
Hoher Hygieneaufwand.

Teilweise Einschränkungen der Tragezeit wegen des geringeren Tränenaustausches.

Dr. Michael Bärtschi arbeitet als Kontaktlinsenspezialist und Optometrist im familieneigenen Kontaktlinsenstudio. Am Universitäts-Augenspital Basel ist er Teil eines internationalen Forschungsteams.

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