Angehörige pflegen oder pflegen lassen?

Wer vor der Entscheidung steht, ob die Pflege und Betreuung einer angehörigen Person besser zu Hause oder im Heim erfolgen soll, sieht sich mit vielen Fragen konfrontiert.

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Pflege von Angehörigen – Daheim oder im Heim?

19 min, aus Puls vom 3.10.2016

Die Schweiz wird immer älter. Und so steigt auch die Zahl jener laufend, die Pflege und Unterstützung benötigen. Ein beträchtlicher Teil dieser Arbeit wird von Angehörigen geleistet. Aktuellen Schätzungen zufolge engagieren sich über 300'000 Menschen im erwerbsfähigen Alter in diesem Bereich – Pensionierte nicht eingerechnet.

Pflegende Ehepartner wenden pro Woche durchschnittlich 60 bis 99 Stunden dafür auf. Kinder, die sich um ihre Eltern kümmern, bringen es auf 25 bis 58 Stunden.

So befriedigend und erfüllend es sein kann, eine geliebte Person zu unterstützen: Die Kehrseite der Medaille sind negative Auswirkungen auf Familienlieben, Arbeit und die Gesundheit der Pflegenden. Nicht zuletzt hat die Wahl der Pflegeart auch erhebliche finanzielle Konsequenzen.

Vorbereitung lohnt sich für alle Beteiligten

Zeichnet sich ab, dass eine Person auf Unterstützung angewiesen ist, stellt sich bald die Frage «daheim oder im Heim?»: Soll die Betreuung und Pflege zu Hause erfolgen oder in einem Alters- oder Pflegeheim?

Kinder und Partner sind in dieser Situation hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl und Überforderungsangst. Oft gemachter Kardinalfehler: Die Entscheidung hinausschieben und darauf hoffen, dass sich die Sache dann schon irgendwie klärt. Wird der Pflegefall dann unverhofft zur Realität, stehen plötzlich lauter schwerwiegende Entscheidungen an. Nur wenn sich die Beteiligten rechtzeitig Gedanken machen und kompetent beraten lassen, besteht die Chance auf eine Lösung, die allen Ansprüchen bestmöglich gerecht wird.

Diese Fragen sollten Sie sich frühzeitig stellen und sie gemeinsam klären:

Pflege zu Hause

  • Welche Art der Betreuung und Pflege wünscht die Person?
  • Was bedeutet dies für meinen Alltag, mein Familienleben, meine anderen Engagements?
  • Welches sind meine Möglichkeiten und Grenzen?
  • Wer löst mich während der Ferien und in der Freizeit ab?
  • Welche Vereinbarungen lassen sich treffen, um meine Arbeit finanziell zu entschädigen?
  • Wie sieht die finanzielle Lage der betreuten Person aus? Was übernimmt die Krankenkasse, besteht Anspruch auf Hilflosenentschädigung, Ergänzungsleistungen etc.?
  • Wie muss/kann die Wohnung umgestaltet werden?

Meist wird die Pflege mit der Zeit psychisch und physisch immer anspruchsvoller. Dieser Belastung sind pflegende Angehörige auf Dauer nur gewachsen, wenn sie auf ihr eigenes Wohlbefinden achten.

Das können Sie dafür tun:

  • Lassen Sie sich helfen. Orientieren Sie sich frühzeitig über mögliche Unterstützungsmöglichkeiten wie Nachtbetten, Fahrdienste, Notrufsysteme, Alltagshilfen (WC-Aufsatz, Krankenbett etc.).
  • Teilen Sie die anfallenden Aufgaben innerhalb der Familie auf.
  • Arbeiten Sie mit den involvierten Fachpersonen (Ärzte, Therapeuten, Spitex, Sozialdienste etc.) zusammen.
  • Gönnen Sie sich Erholung: Machen Sie Ferien, treffen Sie Freunde, machen Sie lange Pausen.
  • Sagen Sie auch mal Nein.
  • Achten Sie auf Warnzeichen: Gefühle der Überforderung, Mutlosigkeit, Depressionen, Nervosität, Schlaflosigkeit, Rückenprobleme oder schmerzende Beine, neu aufgetretene oder wieder aufgetretene Beschwerden sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Sprechen Sie mit einem Arzt darüber.
  • Tauschen Sie sich in Selbsthilfegruppen mit anderen Menschen in Ihrer Situation aus.
  • Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Arbeitgeber und klären Sie ihn über Ihre Pflegetätigkeit auf. Er muss von Gesetzes wegen auf ihre Familienpflichten Rücksicht nehmen.

Pflege im Heim

Obwohl das Gros der Senioren am liebsten bis zum Lebensende in den eigenen vier Wänden bleiben würde, führt manchmal über kurz oder lang kein Weg am Umzug in ein Alters- oder Pflegeheim vorbei. Das Thema sollte deshalb möglichst früh besprochen werden, damit trotz Wartelisten eine Unterbringung im gewünschten Heim möglich ist.

Das Schweizerische Rote Kreuz empfiehlt auf seiner Website für pflegende Angehörige www.pflege-entlastung.ch, folgende Fragen zu klären:

  • Standort: Nähe zu Familie und Bekannten? Erreichbarkeit mit dem ÖV? Idealerweise ist das Heim nicht weit vom bisherigen Lebensort entfernt.
  • Heimtyp: klein oder gross, öffentlich oder privat? Umgebung? Betreuung und Langzeitpflege gewährleistet?
  • Ethische Aspekte: Leitbild, Mitbestimmungsrecht der Bewohner, Einbezug der Angehörigen, Qualifikation des Personals?
  • Ausstattung und Heimordnung: Lift, Aufenthaltsräume, Bibliothek, öffentliche Cafeteria, Raucherräume, Kellerabteil, Gästezimmer, Haustiere erlaubt?
  • Zimmer: Einzelzimmer, Möglichkeit, mit dem Partner zusammenzuleben, eigener Schlüssel, Einrichtung mit den eigenen Möbeln und Sachen, eigene Toilette, Telefonanschluss, Computer- und Internetzugang, Radio-TV-Anschluss, Notrufsystem, Vorschriften bezüglich des Rauchens?
  • Leistungen: Menüwahl, flexible Essenszeiten, Möglichkeit, im eigenen Zimmer zu essen, Platzwahl am Tisch, Getränkeauswahl, unbeschränkte Besuchszeiten, Coiffeur im Heim?
  • Aktivitäten/Angebote: Möglichkeit zur Ausübung von Hobbys, anregende Aktivitäten, Koch- oder Gartengruppen, Empfang der Angehörigen, Internetcafé, Gottesdienste, Heimseelsorge, Mitbestimmungsrecht?
  • Pflege und Betreuung: Pflege bei Krankheit und, falls Langzeitpflege notwendig wird, Möglichkeit, im eigenen Zimmer zu bleiben, freie Arztwahl, Einbezug der Angehörigen in die Betreuung?
  • Kosten: monatliche Auslagen, Fixkosten, Zusatzleistungen, Verrechnung der Pflegekosten?

Was kostet (mich) die Pflege?

Angesichts der ständig steigenden Pflegekosten bei gleichzeitig abnehmender Verzinsung der Altersguthaben fürchten viele Senioren und ihre Nachkommen um Erspartes und Vermögen. Immerhin kommen je nach Umfang der Pflegeleistungen mehrere zehntausend Franken jährlich zusammen – meist mehr, als an Einkommen vorhanden ist.

Grundsätzlich wird die Pflege im Alter durch die Betroffenen selbst mit ihrem Vermögen, den Renten aus AHV und Pensionskasse sowie durch die Krankenkasse finanziert. Reichen diese und allfällige weitere Einkünfte nicht aus, können Hilfslosenentschädigungen und Ergänzungsleistungen beantragt werden.

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Teure Pflegeheime: Müssen auch die Verwandten zahlen?

8:42 min, aus Kassensturz vom 10.12.2013

Ist die Finanzierung im Fall eines Heimeintritts noch einigermassen übersichtlich, wird es bei einer Pflege zu Hause schnell komplex. Je nachdem übernehmen Versicherung oder Krankenkasse Entlastungsangebote – oder nicht. Oder auch nur teilweise. Und wird eine Person für die Pflege angestellt, kommen arbeitsrechtliche Themen hinzu.

Auch für die Pflegenden selber stellt sich die Frage nach einer Kompensation des Verdienstausfalls durch die Pflegetätigkeit: Hier variieren die Leistungen je nach Kanton – und mitunter sogar je nach Gemeinde. Es lohnt sich also auch hier, das Thema rechtzeitig anzugehen und sich kompetent beraten zu lassen.

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