Arthrofibrose – Das unsichtbare Wuchern nach der Knieoperation

Tausende Knieoperationen werden jährlich in der Schweiz durchgeführt. Bis zu zehn Prozent der Operierten handeln sich dabei bleibende Scherereien mit inneren Narben ein.

Man kennt das Problem gut aus dem Bauchraum: Oft kommt es dort nach Operationen zu überschiessender Vernarbung – und zwar nicht aussen auf der Haut, sondern im Bauchinneren. Diese Narben verursachen später Komplikationen und können erneute Operationen notwendig machen.

Dass diese Komplikation ebenso oft nach Operationen von Gelenken entsteht, ist Ärzten noch nicht so lange klar. Nebst der Schulter ist auch das Knie häufiger Ort solcher Bindegewebswucherungen, vor allem nach grösseren Operationen wie Knieprothesen und Kreuzbandoperationen, wie sie in der Schweiz sehr häufig durchgeführt werden.

Weder Vorbeugung noch Früherkennung

Leider fehlt es jedoch an Forschung, wie man diesen Narben vorbeugen kann, geschweige denn, wie sie zu behandeln sind. Eines der Hauptprobleme: Es existiert kein Test zur Früherkennung von Patienten, bei denen innere Narben drohen.

So muss der Chirurg zuwarten, bis die Arthrofibrose so ausgedehnt ist, dass der Patient Schmerzen hat und das Knie nicht mehr richtig beugen kann.

Zu dem Zeitpunkt sind die Narbenstränge schon so dick, dass Chirurgen nur noch zu einer der folgenden zwei Methoden greifen können:

  • Gewaltsames Durchbeugen des Knies unter Vollnarkose (zerreisst die Narbenstränge)
  • Erneuter Griff zum Skalpell und Herausschneiden der Narbenstränge.

Zwar kommt es vor, dass der Patient danach Ruhe hat, allerdings bilden sich durch die erneute Gewebetraumatisierung ebenso häufig neue Narben. Ein Teufelskreislauf beginnt, dem Arzt und Patient mehr oder weniger ohnmächtig gegenüberstehen.

Schonend statt mit Druck behandeln

Eine Forschergruppe der Klinik am Rosengarten in Bad Oeynhausen kam zu neuen Erkenntnissen: Mechanischer Stress, also forcierte Bewegungen im Gelenk, bringt die Zellen zu vermehrter Bindegewebsproduktion.

Ausserdem zeigte sich im Laborexperiment, dass Stresshormone an der Entstehung der Bindegewebswucherungen mitbeteiligt sind. Das Team um den Orthopäden Philipp Traut hat deshalb ein Behandlungskonzept entwickelt, das vor allem auf beruhigende Massnahmen wie Osteopathie, Akupressur oder Fussreflexzonenmassage setzt, um im Körper das Gleichgewicht zugunsten des beruhigenden Nervensystems zu verschieben.

Ebenso verzichtet man auf jegliche forcierte Bewegungsmassnahmen und lässt den Patienten in Eigenbestimmung nur so viel bewegen, wie er möchte. Das Credo: möglichst wenig Druck erzeugen – das beeinflusst sowohl die psychische als auch die Gewebekomponente.

Die Methode steht im krassen Gegensatz zu gängigen Praktiken. Nach einer Knie-OP ist vielerorts ständiges Beugen und Strecken auf einer speziellen Maschine unter Ausschaltung des Schmerzempfindens der Standard. Ebenso gilt es in der Physiotherapie, möglichst schnell einen bestimmten Bewegungsumfang zu erreichen, der gängigen Lehrmeinung folgend, dass ständige Bewegung dem Entstehen von Narbengewebe vorbeugt.

Zwar räumen die meisten Orthopäden ein, dass diese Bewegung möglichst schonend und schmerzfrei erfolgen soll – auf einen völligen Verzicht mag man trotzdem nicht setzen.

Langer Leidensweg

Paul Stutz steht vor dem Spital Eingang und schaut zum Journalisten.

SRF

Bereits sechsmal musste sich Paul Stutz nach dem Einsatz einer Knieprothese operieren lassen. Das Problem: Die übermässige Bildung von Narbengewebe trat bei ihm immer wieder auf. Die Folge: ständig Schmerzen und eine schlechte Beweglichkeit. «Puls» begleitet drei Jahre lang Stutz‘ Kampf für ein beschwerdefreies Gehen.

Sendung zu diesem Artikel