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Gesundheitswesen Drohnen für Spitäler – Medizinbereich als Türöffner?

Ungehindert durch die Luft, statt langsam durch den Stau. Schneller zu Laborergebnissen kommen, schneller Entwarnung geben, oder behandeln können – für einen «guten Zweck» drücken selbst Drohnenkritiker ein Auge zu – zum Nutzen des Patienten?

Legende: Video Drohnen für Spitäler – Medizinbereich als Türöffner? abspielen. Laufzeit 3:30 Minuten.
Aus Puls vom 06.11.2017.

Sie brummt, löst sich vom Boden und schwebt davon.

Schon seit einigen Monaten sind die Testdrohnen am Himmel über Lugano ein vertrauter Anblick für die Anwohner auf dem Weg zwischen den Spitälern «Ospedale Italiano» und «Ospedale Civico». Seit März testen der Tessiner Spitalverbund und dessen Logistikpartner, die Post, wie künftig Blutproben sicher und schnell von A nach B transportiert werden können.

Das Problem in Lugano: Jedes der zwei Spitäler hat eine Notaufnahme, aber in einem ist ab 17 Uhr das Labor nicht mehr besetzt. Während sechs Stunden werden die Notfallblutproben derzeit per Taxi von Spital zu Spital gefahren. Eineinhalb Kilometer Luftlinie nur, aber im Abendverkehr vergehen oft bis zu 25 Minuten, ehe das Material im Labor ist. Fünf- bis zehnmal pro Abend ist das Knowhow des Labors gefragt – zu selten und damit zu teuer, um beide Spitäler mit Labors zu bestücken, die rund um die Uhr geöffnet besetzt sind.

Drohne ab nächstem Jahr

Eine Drohne soll ab 2018 zunächst die abendlichen Transporte übernehmen und autonom zwischen den Spitälern pendeln. Was jetzt bis zu 25 Minuten dauert, dauert dann drei bis vier Minuten.

Ein konkretes Problem in Lugano, aber je nach Spital- oder Spitalverbundstruktur in ähnlicher Form in der ganzen Schweiz anzutreffen.

Drohnen als Lebensretter?

Für Spitaldirektor Luca Jelmoni ist der Transport der Blutproben in Lugano ein erster Schritt, um Abläufe effizienter und kostengünstiger zu gestalten. «Es ist eine bessere Dienstleistung für unsere Patienten. Es ist sicher, dass diese Proben innert einer gewissen Zeit kommen und wir wissen genau, wie lange das dauert. Es geht schneller, ist sicher auch von der ökologischen Seite besser», erklärt Jelmoni. «Wir bewegen eine Drohne, die zehn Kilo schwer ist. Mit dem Auto müssen wir um eine Blutprobe zu transportieren eineinhalb Tonnen bewegen.»

Hauptvorteil: das schnellere Ergebnis. Schnellere Ergebnisse heisst schnellere Entwarnung oder Behandlung. Der Zeitgewinn, ein einleuchtendes Argument, liessen sich nicht die meisten Notfallanalysen auch ohne spezialisiertes Labor direkt am Krankenbett durchführen – etwa bei Herzinfarkt und Schlaganfall – ganz ohne Drohnen.

Beim Stichwort «Drohnen» werden nach wie vor noch viele skeptisch. Der Markt für private Drohnen boomt, immer mehr Firmen proben und planen den kommerziellen Einsatz. Die Vorstellung vom Himmel voller Pizza- und Päcklidrohnen ist für nicht wenige abschreckend und die Akzeptanz für die brummenden Flugobjekte entsprechend gering.

Das Gesundheitssystem – der Türöffner zu einem neuen Markt?

Geht es um den guten Zweck, also um die Gesundheit, sieht das schon anders aus. «Wir sind in einem Gebiet tätig, wo es um medizinische dringende Anliegen geht und das hilft, dass die Drohne auch auf Akzeptanz stösst», erklärt Léa Wertheimer, Leiterin der Medienstelle bei der Post. «Das ist ähnlich wie bei einem Rega-Helikopter, der zwar auch Lärm macht, aber auf Akzeptanz stösst. Das haben wir auch da erlebt.»

Den technischen Möglichkeiten und Machbarkeiten für mehr Drohnenverkehr sind laut BAZL wenige Grenzen gesetzt. Anders aber sieht es mit der Akzeptanz von Drohnen bei der Bevölkerung aus.

Anpassen an neue Technologien

Kritiker fürchten, der Einsatz für den guten Zweck soll nur den Einstieg ins kommerzielle Drohnengeschäft erleichtern. «Die Post macht das, was sie schon immer gemacht hat. Sie versucht, sich den neuen Technologien anzupassen», hält Léa Wertheimer diesem Vorwurf entgegen. «Wir haben auch keine Postkutsche mehr, sondern Postautos. Da versuchen wir am Puls der Zeit zu bleiben, mit Technologien mitzugehen, und die Drohne ist eine solche Lösung.»

Allerdings eine Lösung, so sind sich Spitaldirektor Jelmoni und auch Labormediziner einig, die vorläufig für Spezialfälle wie in Lugano, wo kein eigenes Labor zur Verfügung steht und für Transporte in Speziallabors in Frage kommt. Für die grosse Masse der Proben wird vorläufig alles beim Alten bleiben.

Der Trend: Zentralisierung und Zusammenarbeit

Anbieter Post und der Tessiner Spitalverbund EOC sammeln mit diesem Schweizer Pilotprojekt erste Erfahrungen mit dem Einsatz von Drohnen im Spital- bzw. Laborbereich. Längst ist die Post aber in Verhandlungen mit weiteren Interessenten. Blutproben, Gewebeproben, Medikamente – all das kommt für den Lufttransport infrage. Interessiert sind Spitäler, Spitalverbunde und Labore.

Immer mehr Spitäler schliessen sich zusammen, wollen so Effizienz und Qualität für die Patienten erhöhen. Gemeinsam genutzte Labore, Medikamententransporte aus Zentrallagern etc. sind durch die Luft unabhängig und jederzeit durchführbar.

Nächste Projekte bereits in der Überlegung

Die Zeit- und Kostenersparnis kann je nach Einsatzfall beachtlich sein. Szenarien für die fernere Zukunft hat man sich, je nach Erfolg des Pilotprojektes, auch in Lugano schon überlegt. Keines der beiden Spitäler hat ein eigenes Labor für Untersuchungen von Gewebeproben – diese müssen nach Locarno.

«Worüber wir nachdenken, ist zum Beispiel zwischen Lugano und Locarno zu fliegen», so Luca Jelmoni. «Das sind dann nicht mehr eineinhalb Kilometer, sondern 20 Kilometer Luftlinie. Wenn ein Patient im OP liegt, unter Anästhesie, muss er warten, bis die Proben im Labor ankommen. Das dauert vielleicht 40 Minuten. Dann muss analysiert werden und er liegt immer noch im OP. Wenn wir eine Drohne schicken können, dauert das zehn Minuten, das heisst wir haben eine halbe Stunde gespart» – der OP ist schneller frei und mehr Patienten könnten operiert werden. Auch hier wird die Versorgung effizienter und schneller, aber die Qualität der medizinischen Versorgung nicht wesentlich besser.

Drohneneinsatz im Spitalbetrieb – das heisst vorläufig also vor allem Zeit- und Kostenersparnis für die Spitäler – verbunden mit einem enormen Imagegewinn für die Drohne.

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