«Erholung lässt sich nicht erzwingen»

Was kann und soll man sich von den Ferien erhoffen – und sollte man stattdessen nicht eher auf mehr Erholung im Alltag setzen? Tipps zu besserer Erholung und stressfreien Ferien von Psychologe und Urlaubsforscher Dr. Gerhard Blasche.

Sandstrand voller Liegestühle

Bildlegende: Wer sich von minutiös durchgetakteten Ferien ein Maximum an Erholung erhofft, wird damit wenig Erfolg haben. imago

SRF: Gesetzlich verordnete Ferien sind für uns in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit, historisch gesehen aber eine recht neue Erscheinung. Haben die Menschen früher denn gar keine Ferien gebraucht?

Dr. Gerhard Blasche: Die erste Berufsgruppe, die einen gesetzlichen Urlaubsanspruch erhielte, waren die Beamten am Ende des 19 Jahrhunderts. Die übrigen Arbeitnehmer mussten bis Anfang des 20 Jahrhunderts warten. Vor dieser Zeit nahmen sich die Wohlhabenden jedoch immer wieder Auszeiten für Reisen, die Jagd oder ähnliches. Auch verbrachte man den Sommer meist in einer Sommerresidenz.

Man muss jedoch bedenken, dass die Arbeit sich in den letzten 150 Jahren, seit der industriellen Revolution, erheblich verdichtet hat, wodurch erst das Thema Erschöpfung und Erholung aufkam. Die ländliche Bevölkerung hatte davor immer etwas zu tun, aber in Abhängigkeit von der Jahreszeit war das mal mehr und mal weniger. Auch wurden Feiertag exzessiv genutzt. Insofern gab es immer irgendwie arbeitsfreie Zeiten.

Ständig wird betont, wie wichtig es ist, die Arbeitszeit von der Freizeit zu trennen. Reicht es schon, das Smartphone konsequent zur Seite zu legen, oder braucht es dafür mehr?

Es hängt sehr von der Arbeit ab, wie wichtig es ist, Arbeitszeiten und Erholungszeiten zu trennen. Je belastender, fordernder die Arbeit ist, desto wichtiger ist es, sich hiervon bewusst Auszeiten zu nehmen. Dies betrifft insbesondere die mentale Ebene.

Erholung tritt erst dann ein, wenn der Geist zur Ruhe kommt, wenn man aufhört, sich gedanklich mit der Arbeit und den damit verbundenen Problemen weiter zu beschäftigen. Der Grund hierfür ist, dass Gedanken an die Arbeit (fast) im selben Umfang wie die Arbeit selber körperliche Stressreaktionen hervorrufen. Insofern ist es gut, nicht nur alles, was mit der Arbeit in Verbindung steht, zur Seite zu legen, sondern sich bewusst mit anderen Dingen zu beschäftigen, um letztlich «abschalten» zu können.

Dazu gehört natürlich auch, nicht erreichbar zu sein. In diesem Sinn ist Verreisen besser als zu Hause zu bleiben, vorausgesetzt, ich lasse das Smartphone offline.

Fast jedes Land hat eigene Regeln zu Arbeitszeiten und Ferien. Die Schweizer Bevölkerung hat sich an der Urne schon mehrfach gegen mehr Ferien oder kürzere Wochenarbeitszeiten ausgesprochen. Frankreich hingegen hat die 35-Stunden-Woche. Und in den USA gibt es dagegen gar keinen Anspruch auf bezahlte Ferien. Wirken sich diese Unterschiede statistisch messbar auf die Gesundheit der Bevölkerung aus?

Es gibt eines amerikanische Studie die zeigt, dass Personen, die gar keine Ferien machen, ein erhöhtes Risiko haben, an Herzkreislauf-Erkrankungen zu erkranken. Auch findet man, dass unzureichend empfundene Erholung am Feierabend oder am Sonntag die Gefahr steigert, eine Herzkreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Andererseits sind mir keine Zusammenhänge zwischen nationalen Urlaubsregelungen und Gesundheit bekannt.

«  Für die Erholung weitaus wichtiger als der (seltene) Urlaub sind Arbeitspausen und der Feierabend. »

Dr. Gerhard Blasche

Für die Erholung weitaus wichtiger als der (seltene) Urlaub sind Arbeitspausen und der Feierabend. Auch die Qualität der Arbeit spielt eine entscheidende Rolle. Die Folgen einer übermässig belastenden Arbeit können durch eine Woche mehr oder weniger Urlaub sicherlich nicht ausgeglichen werden.

Dazu kommen soziale Vergleichsprozesse: Wenn alle viel arbeiten fühle ich mich nicht benachteiligt, wenn ich auch viel arbeite, sondern vielmehr dazugehörig. Anders wäre das, wenn ich der einzige bin, der viel arbeitet, während alle anderen sich einen Lenz machen.

Viele Menschen hecheln von Urlaub zu Urlaub und wollen aus den zur Verfügung stehenden Ferienwochen jeweils das Maximum an Erholung herauspressen. Lohnt sich das? Oder gibt es bessere Strategien?

Erholung hat viel mit Nachgeben und Entspannung zu tun und lässt sich nicht erzwingen sondern nur herbeiführen. Das ist so wie mit dem Schlaf: Wenn ich schlafen muss, gelingt das meist viel schwerer, als wenn keine Verpflichtung besteht, ausgeschlafen zu sein.

Insofern geht es bei der Erholung um eine entspannte Geisteshaltung, um freie Zeit für sich zu haben und den Dingen nachgehen zu können, die Freude machen. Die tollste Reise oder die coolste Aktivität mag beeindrucken, ist aber nicht unbedingt erholsam.

Gibt es so etwas wie ideale Ferien?

Ideal ist, in den Ferien (weitgehend) Zeithoheit zu haben, von aussen herangetragen Verpflichtungen zu vermeiden und die Arbeit und alles was mit der Arbeit verbindet zur Seite zu legen, nicht erreichbar sein und den Dingen nachzugehen, die Freude machen. Naturerleben und körperliche Bewegung (in Massen) können die Erholung zusätzlich fördern.

Und gibt es auch No-Gos, die zuverlässig jeden Urlaub ruinieren?

Zum Frühstück (Arbeits-)Mails beantworten. Auf den Anruf des Chefs warten. Zu hohe Erwartungen an den perfekten Urlaub hegen. Mit Personen den Urlaub verbringen, mit denen man keinen Urlaub verbringen will. Für fünf Tage nach Hawaii fliegen...

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Ferien: (k)eine Selbstverständlichkeit

2:09 min, aus Puls vom 22.8.2016

Dr. Gerhard Blasche

Dr. Gerhard Blasche

Der Erholungsforscher führt in Wien eine psychologisch-psychotherapeutische Praxis mit Schwerpunkt Biofeedback und Psychotherapie und ist am Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien tätig. Am Montag, 22. August, ist er ab 21:05 Uhr im Gesundheitsmagazin «Puls» auf SRF 1 zu Gast.

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