Gut leben mit der Lähmung

Eine Querschnittlähmung ist ein grosser Einschnitt – doch für viele wird das Leben im Rollstuhl schnell auch zum Alltag, erklären drei Menschen, die es wissen müssen.

Beatrix Blauel, Therese Kämpfer und Tim Shelton

Bildlegende: Die «Peers» Beatrix Blauel, Therese Kämpfer und Tim Shelton haben Ihre Fragen im «Puls»-Chat beantwortet. SRF

Ein Sturz, ein Verkehrsunfall, eine Erkrankung: Gründe für eine mehr oder wenige abrupte Lähmung gibt es viele. Jeder fällt erst einmal in ein Loch, wenn er feststellt, dass ganze Teile des Körpers urplötzlich gefühl- und bewegungslos sind. Doch die strenge Routine in der Reha hilft, wieder Fuss zu fassen im Leben und den Mut zu fassen, nach einem neuen Weg für sich zu suchen. Das haben auch die drei «Peers» erfahren, die im «Puls»-Chat Rede und Antwort gestanden haben. Beatrix Blauel, Therese Kämpfer und Tim Shelton sind alle drei querschnittgelähmt und beraten Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. Sie haben zwar das Gefühl in den Beinen verloren, nicht aber ihre Lebensfreude. Sie haben Fussgänger ausdrücklich dazu ermuntert, Fragen zu stellen, die sie Querschnittgelähmten schon immer einmal stellen wollten, sich aber vielleicht bislang nicht getraut haben. Einige der Antworten aus dem Chat finden Sie hier.

  • Frage von s. s., thalwil: Funktionieren bei querschnittgelähmten Frauen eigentlich Eierstöcke & Co. weiterhin ganz normal, also bekommen sie auch ihre Mens? Und können sie auch weiterhin Kinder bekommen und dann Wehen spüren?
    Antwort von Therese Kämpfer: In den ersten Monaten nach dem Unfall hat die Frau oft keine Menstruation mehr, die sich aber später wieder normal einstellt. Der ganze Zyklus funktioniert wieder, Frauen können Kinder bekommen und auch normal gebären, spüren aber meist die Wehen nicht.
  • Frage von S. L., Zürich: Sind eigentlich alle querschnittgelähmten Menschen auch inkontinent? Oder kommt, im Gegenteil, von selbst wegen der Lähmung keine Ausscheidung von selbst wieder raus? Wie funktioniert das dann?
    Antwort von Beatrix Blauel: Wenn der Schliessmuskel noch intakt ist, kann man mit Hilfe von Kathetern in die Blase einstechen. Beim Abführen gibt es Zäpfchen, die man eine halbe Stunde vorher einführt, um den Schliessmuskel zu lähmen. Dann kann man normal auf‘s WC sitzen und durch Darmmassage abführen.
  • Frage von S. B., St. Gallen: Mir kommen manchmal Leute, die erst kurze Zeit im Rollstuhl sind, fast unglaublich positiv vor. Fällt man nicht in ein Loch bei einem solchen Schicksal?
    Antwort von Therese Kämpfer: Das ist sehr individuell. Während der Rehabilitation ist der Patient nonstop mit Therapien beschäftigt und hat wenig Zeit zum Trauern. Das Loch kommt meist erst nach Austritt zuhause.
  • Frage von D. K., Basel: Warum haben viele Rollstühle keine Handgriffe hinten? Mit Griffen wäre helfen doch viel einfacher.
    Antwort von Tim Shelton: Das ist eine gute Frage. Die meisten Rollstuhlfahrer ohne Handgriffe hinten brauchen normalerweise keine Hilfe. Sie lassen die weg, um zu vermeiden, dass jemanden plötzlich von hinten kommt und beginnt zu stossen, ohne zu fragen. Das ist ein wirklich unangenehmes Gefühl.
  • Frage von D. O., Zwillikon: Wird es als hilfsbereit oder als herabwertend aufgenommen, wenn man jemanden darauf anspricht, ob man helfen könne, zum Beispiel bei Steigungen oder Tragen von Taschen...?
    Antwort von Therese Kämpfer: Ich schätze es sehr, wenn mir Hilfe angeboten wird, das ist einfach freundlich und nett. Ebenso schätze ich es, wenn der Mensch, der mir Hilfe anbietet auch akzeptieren kann, wenn ich keine Hilfe benötige. Aber fragen ist nie falsch.
  • Frage von D. O., Zürich: Kann man als Querschnittgelähmter noch Auto fahren, und wenn ja, wie funktioniert das?
    Antwort von Tim Shelton: Fast jeder Querschnittgelähmte kann Auto fahren. Je nach Behinderung und Bedürfnis wird das Auto umgebaut. Wir müssen natürlich Automat fahren, weil wir nicht mehr schalten können. Bei mir habe ich nur einen Hebel, der die Gas- und Bremspedale betätigt, und einen Steuerknopf auf dem Lenkrad. Aber ich bin mehrere Hunderttausend Kilometer gefahren in meinen 25 Jahren im Rollstuhl.
  • Frage von g. e., thun: Wenn ein Querschnittgelähmter z. B. an den Beinen operiert wird, die ja gelähmt sind, braucht es trotzdem eine Narkose, oder spürt der Gelähmte wirklich nichts?
    Antwort von Therese Kämpfer: Eigentlich könnte man tatsächlich ohne Narkose operieren. Trotzdem wird meist eine Narkose gemacht, da durch den Schmerz (der zwar nicht wahrgenommen wird) Spastiken (das sind unwillkürliche Muskelbewegung) ausgelöst werden können, was den Operateur in seiner Arbeit stört.
  • Frage von A. K., Langnau a.A: Wie ist es als Mutter im Rollstuhl?
    Antwort von Beatrix Blauel: Meine Kinder waren zwei und vier Jahre alt, als ich vom Kirschbaum stürzte. Ich selber konnte mich nie auch nur für kurze Zeit in ein Loch begeben. Die Kinder verlangten von mir so zu sein, wie die andern Mütter. Dank vielen Hilfsmittel, die man so hat, um in den Wald zu kommen oder mal Skibob zu fahren, glaube ich, ist es mir gut gelungen. Sie sind jetzt 13 und 15. Wir machen zusammen Sport und ich begleite sie überall hin. Jetzt können sie auch helfen bei Hindernissen. Es macht Spass.

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