Augenlicht dank Eckzahn

Anfang diesen Jahres implantierte ein Arzt des Unispitals Basel einem fast erblindeten Mann Teile seines Zahns ins Auge und gab dem ersten Schweizer Patienten auf diese Weise das Augenlicht wieder.

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Sehen dank dem Eckzahn

4:14 min, aus Puls vom 20.8.2012

Es ist die Krux: Die Medizin versteht heute, wie das Auge funktioniert, und könnte viele Defekte auffangen – doch der Körper macht dabei vielfach einen Strich durch die Rechnung. Er wehrt sich gegen Fremdmaterial. In den 60er-Jahren suchte ein römischer Augenarzt nach einer Lösung des Dilemmas, und wurde im Mund fündig.

Bis heute hat sich die Methode bewährt, auch wenn nur ganz bestimmte Patienten dafür in Fragekommen und diese zwei langwierige Eingriffe über sich ergehen lassen müssen. Im ersten Schritt entnehmen Kieferchirurgen einen Eckzahn mitsamt einem Stück Kieferknochen. Die entstandene Lücke wird mit einem Stück Beckenknochen gefüllt. Der Zahn wird dann zugeschliffen und ein Loch in ihn gebohrt, in das die Optik eingesetzt wird. Diese „Eigenmaterial“-Prothese wird unter die Haut und den Muskel unterhalb des Auges gepflanzt, denn es wird nur ein Auge operiert. Dort bleibt das Knochen-Zahnstück während der nächsten drei Monate, Gefässe und Gewebe bilden sich an seiner Oberfläche. Aus der Innenseite der Wangen wird ein Stück Mundschleimhaut entnommen und auf das «Zahn-Auge» übertragen, von dem der Augenchirurg zuvor Verwachsungen entfernt hat. Die Schleimhaut wird das Implantat schützen und das Auge befeuchten.

In der zweiten Operation wird die Prothese wieder von unter der Haut entnommen. Der Augenchirurg klappt die Mundschleimhaut, die mittlerweile mit der Hornhaut verwachsen ist, wieder ein Stück weit hoch. Er entfernt Iris, Linse und Glaskörper aus dem Auge des Patienten, bohrt ein Loch in die Hornhaut und pflanzt die Prothese dort hinein. Dann klappt er die Schleimhaut wieder herunter, durch die durch ein kleines Loch die Optik blickt. Das Auge hat nun eine fixe Brennweite, das heisst, die Linse verändert sich nicht, sie passt sich weder an Entfernungen noch an Lichtverhältnisse an. Diese Einschränkung nehmen die meisten Patienten gerne in Kauf – zugunsten einer wiedergewonnenen Sehkraft.«Puls» sprach mit PD Dr. David Goldblum, Leitender Arzt der Augenklinik des Universitätsspitals Basel, über seine erste selbst eingesetzte Knochen-Zahn-Hornhautprothese

«Puls» : Herr Goldblum, was haben Sie sich gedacht, als Sie zum ersten Mal von der Idee gehört haben, Teile des Zahns ins Auge zu verpflanzen?
 PD Dr. David Goldblum : Die Idee ist genial, aber eigentlich auch naheliegend. Man hat in den 50er-Jahren begonnen, nach Materialien zu suchen, die es erlauben, einen Verbund verschiedener Materialien zu machen, die der Körper auch akzeptiert. Man hat alles Mögliche getestet – von Silikon und Teflon über Goretex. Die künstliche Linse ist aus Plexiglas. Es braucht etwas darum herum, damit sie im Auge befestigt werden kann und nicht abgestossen oder aufgelöst wird. Ich nehme an, der Erfinder der Methode, Benedetto Strampelli, hat sich in den 60er-Jahren überlegt: Was ist im Körper, was fast nicht vital ist, also nicht mit anderen Stoffen reagiert? Zähne sind so ein Beispiel – sie akzeptieren verschiedenste Füllungen, die sich gut einkleben lassen.

Weltweit wagen sich nur etwa zehn Ärzte an die Osteo-Odonto-Keratoprothese heran. Wie sind Sie darauf gekommen?
 Ich habe als Assistenzarzt eine Patientin kennen gelernt, die so erfolgreich operiert worden war und dann auch die Gelegenheit gehabt, bei einer solchen Operation dabei zu sein. Ich war begeistert und überrascht von der Idee – und bin seither fasziniert von dieser Möglichkeit.

Der Eingriff wird nur sehr selten vorgenommen. Zum einen, weil er sich nur für bestimmte Patienten anbietet – mit Verätzungen beispielsweise oder Erkrankungen, die eine Hornhauttransplantation ausschliessen, weil das Auge nicht mehr mit Tränenflüssigkeit benetzt wird. Netzhaut und Sehnerv der Patienten dagegen müssen noch intakt sein. Zum anderen sind die mehrstündigen Operationen mit interdisziplinären Teams extrem aufwändig. Wie konnten Sie da für Ihren Eingriff die nötige Erfahrung sammeln?
 Ich bin über ein Jahrlang immer wieder nach Offenburg gefahren, um Professor Hille, der dort so behandelt, bei seinen Eingriffen zu assistieren. Das ist wie bei einem Piloten, der fliegen lernt: Bei meiner ersten eigenen OP Anfang des Jahres sass Konrad Hille die ganze Zeit neben mir, um mich zu unterstützen, falls nötig.

Wie nervös ist man als Arzt bei so einer komplexen Premiere?
 Während der OP war ich nicht nervös – eher aufgeregt vor Freude, dass man das doch so weit gebracht hat und dass man dem Patienten helfen kann. Die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient ist in solchen Fällen recht eng – das sind spezielle Patienten, die einem auch ans Herz wachsen. Das sind keine Routinefälle. Und ich war natürlich sehr gespannt, wie gut das Ergebnis am Schluss ist.

Jetzt, einige Monate, nachdem Ihrem ersten Patienten die Prothese eingesetzt wurde, sieht er auf dem operierten Auge wieder zu 80 Prozent. Die OP war damit ein Erfolg. Folgen weitere?
 Im September werde ich einen Mann operieren, eine Frau ist auf der Warteliste. Die Wartezeit kann relativ lang sein, das ist bisweilen auch das Problem: Man muss die OP-Pläne der verschiedenen Kollegen koordinieren, alle müssen Zeit haben und vor Ort sein. Dadurch können sich solche komplexen Eingriffe oft ziemlich verzögern.

Sie mussten für diese Methode auch Kollegen aus der Kieferchirurgie ins Boot holen. Wie verblüfft waren die von Ihrem Vorschlag?
 Die Kollegen kennen diesen Ansatz auch schon seit Jahren. Ich bin jeweils gemeinsam mit dem Kieferchirurgen PD Dr. Dr. Christoph Kunz nach Offenburg gefahren, damit wir beide die Technik lernen, jeder in seinem Fachgebiet. Ohne erfahrene Kieferchirurgen könnte ich das gar nicht machen. Für solche Eingriffe braucht es ein grosses Zentrum mit ausgezeichneten Kolleginnen und Kollegen verschiedener Fachrichtungen.

Bei allem Erfolg: Teile des Zahns im Auge zu haben klingt gewöhnungsbedürftig und schmerzhaft.
 Der Eingriff am Auge selbst ist für die Patienten erstaunlich wenig schmerzhaft. Die Patienten, die ich begleitet habe, hatten die meisten Schmerzen am Beckenrand, wo ihnen etwas Knochen entnommen wurde, um die entstandene Lücke im Kiefer zu füllen. Wenn das überstanden ist, kommt das eigentlich Geniale an der OP: Weil es sich um körpereigenes Material handelt, braucht es nach der Operation in der Regel ausser befeuchtenden Tropfen keine weitere Medikamente mehr.

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