Die späten Folgen einer frühen Infektion

Das Zika-Virus steht im Verdacht, für Missbildungen bei Neugeborenen verantwortlich zu sein. Das könnte nur die Spitze des Eisbergs sein: Möglicherweise löst es auch Schäden aus, die sich erst Jahre später bemerkbar machen.

Schwangere Frau wird in einem Spital in Bolivien behandelt.

Bildlegende: Das Zika-Virus wird mit Missbildungen bei Babys in Verbindung gebracht. Die könnten nur die Spitze des Eisbergs sein. imago

Das Zika-Virus verbreitet sich nach wie vor in Lateinamerika: Über 30 Länder sind betroffen, von Brasilien im Süden bis Mexiko im Norden. Noch ist nicht eindeutig bewiesen, dass das Virus für die Missbildungen von Neugeborenen verantwortlich ist, die mit Mikrozephalie, also zu kleinen Köpfen geboren werden. Aber die Hinweise verdichten sich. Und nun befürchten Forscher sogar, dass auch manche Ungeborene, die bei der Geburt normal erscheinen, schwere Schäden durch Zika davontragen könnten – Schäden, die jetzt nicht festzustellen sind, sich aber in Jahren auswirken werden.

Lehrbeispiel Rubella-Virus

Beginnen wir diese komplexe und heikle Geschichte bei einem anderen Virus: dem Rubella-Virus, das Röteln verursacht.

Diese Kinderkrankheit hat eine dunkle Seite: Steckt sich eine schwangere Frau mit dem Rubella-Virus an, kommt es oft zur Katastrophe, sagt der Neurobiologe Urs Meyer von der Universität Zürich: «Das Rubella-Virus kann über die Plazenta in den Fötus eindringen. Meistens führt dies dazu, dass die Mutter das Kind verliert. Und wenn das nicht passiert, können am Kind starke Fehlbildungen auftreten» – Herzfehler oder Schwerhörigkeit beispielsweise.


Spätfolgen des Zika-Virus

8:36 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 05.03.2016

Diese Schäden sind offensichtlich, und so kennen Ärzte den Zusammenhang mit einer Rubella-Infektion im Mutterleib schon länger. Weil schon seit langem weltweit fast alle Menschen im Kindesalter gegen Rubella geimpft werden, sind heute die meisten Frauen gegen eine Infektion geschützt, wenn sie schwanger werden.

Erst in den letzten Jahrzehnten sind weitere Auswirkungen des Rubella-Virus deutlich geworden, die sich erst Jahre nach der Geburt zeigen – und bei denen es darum viel schwieriger war, einen Zusammenhang zwischen einer Infektion im Mutterleib und der späteren Erkrankung herzustellen. «Eine Rubella-Infektion während der Schwangerschaft kann ein Risikofaktor für Verhaltensstörungen bei den Nachkommen sein. Im Fachjargon nennt man das Hirnentwicklungskrankheiten, zu denen ADS, Schizophrenie und Autismus zählen», sagt Urs Meyer.

Untersucht haben Forscher zum Beispiel die Spätfolgen einer Rubella-Epidemie in den 1960er-Jahren in den USA. Ein Fünftel aller Menschen, deren Mütter damals während der Schwangerschaft infiziert worden waren, zeigte 40 Jahre später Symptome von Schizophrenie – der normale Anteil in der Bevölkerung liegt 20 Mal tiefer.

«  Wahrscheinlich reicht es nicht, während der Schwangerschaft infiziert zu sein, damit das Kind autistisch oder schizophren wird »

Urs Meyer
Neurobiologe

Schizophrenie und das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADS gehen auf subtile Veränderungen im Gehirn zurück, nimmt die Wissenschaft an. Eine Rubella-Infektion im Mutterleib könnte diese Veränderungen einleiten, sagt Urs Meyer. Wichtig aber sei: Damit später eine Krankheit entstehe, brauche es weitere Faktoren. «Wahrscheinlich reicht es nicht, während der Schwangerschaft infiziert zu sein, damit das Kind autistisch oder schizophren wird. Da müssen mehrere Faktoren zusammenspielen», so Urs Meyer. Zum Beispiel traumatische Erlebnisse in der Jugend – etwa Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.

Experimente, die Urs Meyer an Mäusen durchgeführt hat, stützen diese Vermutung: Er infizierte die Labortiere während der Schwangerschaft und beobachtete danach ihre Jungen. Wenn sie normal aufwachsen konnten, verhielten sie sich auch als Erwachsene normal.

Grippevirus mit Langzeitrisiken

Wurden die jungen Mäuse in der Pubertät aber grossem Stress ausgesetzt, zum Beispiel Elektroschocks, so verhielten sie sich als erwachsene Tiere in Verhaltenstests auffällig – sie waren ängstlicher als junge Mäuse, die im Mutterleib ohne Infektion heranwuchsen. Die Tiere, die einer doppelten Stressbelastung ausgesetzt wurden, zeigten also Hinweise auf eine Art von psychischer Erkrankung.

Es braucht demnach wohl weitere Stressfaktoren, damit nach einer Infektion im Mutterleib Langzeitfolgen auftreten. Mittlerweile aber sind sich viele Forscher ziemlich sicher, dass diese verhängnisvolle Kaskade nicht nur durch das Rubella-Virus ausgelöst werden kann, sondern auch durch andere Erreger, zum Beispiel das Grippevirus.

Dabei muss das Grippevirus nicht einmal ins ungeborene Kind gelangen, sagt Urs Meyer: «Wenn während dieser Infektion gewisse Entzündungsfaktoren wie Zytokine von der Mutter vermehrt ausgeschüttet werden, können diese über die Plazenta in die fetale Zirkulation gelangen und da die Hirnentwicklung massgeblich beeinflussen.» In Finnland haben Forscher denn auch beobachtet, dass Menschen, die während einer Grippe-Epidemie 1957 geboren wurden, später eine erhöhte Schizophrenie-Rate aufwiesen.

Besorgte Forscher

Aber was heisst das nun alles in Bezug auf das Zika-Virus? Forscher wie Urs Meyer sind über die Parallelen zwischen Zika- und Rubella-Virus besorgt: «Wahrscheinlich ist das Zika-Virus von der Pathologie her sehr ähnlich wie das Rubella-Virus und kann in schlimmen Fällen zu Mikrozephalie führen – aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Bei den wenigsten Infektionen wird es tatsächlich zu diesen Missbildungen kommen; bei den meisten Infizierten wird es viel subtiler sein.»

So subtil, dass man den Neugeborenen heute nichts anmerkt. Aber bei einigen von ihnen könnten Stressfaktoren wie besonders einschneidende Lebensereignisse Jahre später eine Störung wie ADS oder eine Krankheit wie Schizophrenie auslösen.

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