Für die Medizin bis über die Schmerzgrenze hinaus

Mancher Arzt verschreibt sich der Forschung im wahrsten Sinne des Wortes mit Leib und Seele. Der eigene Körper wird dann zum Versuchsobjekt – manchmal mit fatalen Folgen.

Mann mit weissem Kittel zieht eine Spritze auf.

Bildlegende: Der Selbstversuch ist der ultimative Beweis für den Glauben an eine Theorie. Nicht immer geht das glimpflich aus. imago

Forscher sind schlaue Menschen, Experten in dem von ihnen erforschten Bereich – aber auch Experten punkto Risiken, die ihr aktueller Versuchsgegenstand in sich birgt. Aber der Ehrgeiz, der Idealismus, die Herausforderung, neue Erkenntnisse zu liefern, ist für manche Wissenschaftler so zwingend, dass ihr Forschertrieb auch vor dem eigenen Körper nicht Halt macht.

Ohne solchen Todesmut gäbe es einen guten Teil des medizinischen Wissens nicht – oder hätte erst sehr viel später seinen Durchbruch gefunden. Denn der heutige Forschungsapparat mit seinen Hightech-Labors war noch vor einem Jahrhundert Zukunftsmusik.

Deshalb überprüften Wissenschaftler bis weit ins 19. Jahrhundert ihre Theorien an Sklaven, Gefangenen, Familienangehörigen, und bisweilen an sich selbst.

Dank Cholera zur modernen Hygiene

Der deutsche Medizinier Max von Pettenkofer schluckte 1892 freiwillig eine immense Dosis Cholerabakterien, um seine Theorie zu beweisen, dass eine direkte Ansteckung von Mensch zu Mensch nicht möglich sei. Vielmehr müssten die Bakterien erst in den Boden gelangen, um infektiös zu werden. Der wagemutige Mediziner überlebte, womit die Annahme aus seiner Sicht belegt war. Auch wenn man mittlerweile weiss, dass dem nicht so ist, gab von Pettenkofer doch den Anstoss für die Sanierung der Städte und machte aus der Hygiene eine der ersten modernen Disziplinen der Medizin.

Pest und Malaria

Den britischen Arzt Andrew White beispielsweise konnten Malaria und Pest nicht schrecken. Seiner Ansicht nach mache der Kampf des Immunsystems gegen den Malaria-Erreger den Körper gleichzeitig immun gegen die Pest. Also infizierte er sich 1802 zuerst selbst mit Malaria, anschliessend entnahm er dem Pestgeschwür eines seiner Patienten Sekret und steckt sich auch mit dem Pest-Erreger an. Whites Theorie bewahrheitete sich nicht: Sechs Tage später war er tot.

Ein Schnelltest auf Syphilis.

Bildlegende: Heute gibt ein Syphilis-Schnelltest Klarheit über eine Infektion. Keystone

Auch für den schottischen Chirurgen John Hunter verlief sein Selbstversuch 25 Jahre zuvor nicht glimpflich. Er versuchte, zu belegen, dass die damals weit verbreiteten Geschlechtskrankheiten Syphilis und Tripper unterschiedliche Symptome der gleichen Krankheit sind.

Hunter brachte Eiter aus der Harnröhre eines Tripperkranken mit einem Skalpell in seinen eigenen Penis ein. Er entwickelte daraufhin die Symptome der Syphilis und betrachtete den Beleg für seine Theorie als erbracht, hatte aber übersehen, dass sein Patient mit beiden Krankheiten infiziert war. Der Irrtum flog erst 50 Jahre später auf. Hunter starb ein Vierteljahrhundert später an den Folgen seines Selbstversuchs.

Stinkende Brühen und heilsame Katheter

Mehr Erfolg hatten die Ärzte August Bier und August Hildebrandt in Kiel. Sie verpassten sich gegenseitig Ende des 19 Jahrhunderts eine Spritze mit Kokain-Lösung in den Rückenmarkskanal und stellten fest, dass Teile ihres Körper betäubt waren, während die Funktion an anderen Körperstellen völlig unbeeinträchtigt blieb.

Die Spinalanästhesie war geboren, die heute in vielen Fällen – wie beispielsweise Kaiserschnitten – Operationen ohne Vollnarkose ermöglicht.

Auch der Chirurg Werner Forssman nahm im Dienste der Wissenschaft grosse Risiken auf sich. 1929 schob sich der erst 25-jährige Chirurg aus Eberswalde bei Berlin einen Katheter durch die Armvene bis in die rechte Herzkammer. So «verarztet» spazierte er in die Röntgenabteilung und liess sich dort ein Beweisbild anfertigen.

Zwar waren bis dato bereits einige Versuche einer Katheterisierung durchgeführt worden, Kardiologen waren sich jedoch einig, beim Vordringen ins Herz die Herzwand zu verletzen. Dies hatte Forssman zwar nun eindrücklich widerlegt, doch statt Lobeshymnen auf seinen Pioniergeist und einer prompten Beförderung erhielt er die sofortige Kündigung seiner Klinik – nebst dem Ruf, verrückt zu sein.

Mit der Chirurgenlaufbahn war es daraufhin vorbei; desillusioniert wechselte in die Urologie und wurde schliesslich Hausarzt. 1956 wurde er jedoch entlohnt: Seine zahlreichen innovativen Ansätze fanden schliesslich im Nobelpreis die verdiente Anerkennung.

Bauchweh für die Wissenschaft

Einige Jahrzehnte später, in den 1980er-Jahren, erging es dem australischen Magen-Darm-Fachmann Barry Marshall nicht viel anders. Er bestritt die gängige Annahme, ein Übermass an Magensäure und Stress würde Magengeschwüre auslösen.

Porträtfoto des Forschers Barry Marshall.

Bildlegende: Barry Marshall scheute sich nicht, zum Beleg seiner Magengeschwür-Theorie eine stinkende Brühe mit H. Pylori zu trinken. Keystone

Er identifizierte stattdessen ein Bakterium, das die schmerzhafte Entzündung auslösen sollte: Helicobacter pylori. Ein daraufhin entwickeltes Antibiotikum heilte so einige Patienten. In Fachkreisen fand er damit aber keine Anhänger.

Deshalb wagte er im Selbstversuch die Probe aufs Exempel: Er trank ein stinkendes Gebräu mit Helicobacter-Bakterien, das er aus dem Mageninhalt eines Patienten gemixt hatte, und litt prompt an starken Bauchschmerzen und Übelkeit – einer Magenschleimhautentzündung. Durch die Einnahme seiner Antibiotika war er jedoch im Handumdrehen wieder fit.

Heute gehört der Helicobacter-Test zum Diagnose-Standard, wenn Patienten über Magenschmerzen klagen – auch dank des Wagemuts seines Entdeckers.

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