Haare ausreissen gegen Haarausfall?

Das Ausreissen von Haaren veranlasst das Immunsystem, den Tumor-Nekrose-Faktor Alpha zu entsenden. Dieser wiederum regt den Haarfollikel an, neue Haare wachsen zu lassen – zumindest bei Mäusen.

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Haare ausreissen gegen Haarausfall

0:34 min, aus Puls vom 22.6.2015

Das Experiment von Cheng-Ming Chuong tönt absurd und doch funktioniert es. Der Forscher von der University of California berichtet im Fachjournal «Cell», dass er Mäusen gezielt Haare ausgezupft hat. Genauer gesagt: Er hat jeweils 200 Haare vom Rückenfell der Tiere in bestimmten Mustern ausgerissen.

Die Stellen blieben, wie erwartet, nicht kahl, die Haare wuchsen nach – aber nicht nur die etwa 200 ausgerissenen, sondern bis zu 1200 Haare. Die Haarfollikel wurden offenbar durch die Zupferei veranlasst, mehr Nachschub zu produzieren, als eigentlich notwendig gewesen wäre.

Auf der molekularen Ebene konnten Cheng-Ming Chuong und sein Team zeigen, dass die Haarfollikel Stresssignale aussenden. Dazu stossen sie Entzündungsproteine aus. Diese wiederum bringen die Immunzellen des Körpers dazu, zur gerupften Region zu wandern. Dort geben sie weitere Botenstoffe ab, unter anderem den Tumor-Nekrose-Faktor Alpha, der die Haarfollikel dazu anregt, neue Haare wachsen zu lassen.

Tests an Menschen stehen noch aus

Eine solche Kommunikation wird bei Biologen «Quorum sensing» genannt. Wenn Bakterien oder Einzeller beispielsweise eine bestimmte Populationsgrösse haben, also sozusagen in eine Art Bevölkerungsstress geraten, dann stossen sie entsprechende chemische Signale aus, die ein weiteres Wachstum der Population verhindern. Dies sei bei seinem Experiment umgekehrt der gleiche Fall.

Es kommt aber auf die Grösse der Region an, die gezupft wird. Wenn die Forscher 200 Haare aus einem Areal von sechs Millimetern Durchmesser auszupften, passierte nichts Aussergewöhnliches. Die Haare wuchsen normal nach. Sobald die Wissenschaftler aber die Region verkleinerten, begann im Anschluss das plötzliche Spriessen der Haare.

Ob diese Erkenntnis auch für den Menschen gilt, will der Forscher nun in weiteren Versuchen testen. Bis dahin sollte man also auf jeden Fall keinen Selbstversuch starten.

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