Roboterbeine für Gelähmte

Exoskelette verhelfen Soldaten zu mehr Ausdauer und Kraft: Sie rennen länger und können schwerere Lasten heben. Welche Vor- und Nachteile motorisierte Bewegungshilfen in der Therapie von Querschnittgelähmten haben, wird derzeit am Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil untersucht.

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Exoskelett für Paraplegiker

4:42 min, aus 10vor10 vom 24.4.2015

In Hollywood-Blockbustern wie «Edge Of Tomorrow» oder «Elysium» gehören sie völlig selbstverständlich zum militärischen Alltag: Exoskelette, motorisierte Bewegungshilfen, die Soldaten im Kampfeinsatz zu übermenschlicher Kraft und Ausdauer verhelfen, ohne dabei ihre Beweglichkeit einzuschränken.

Auch wenn weltweit mit Hochdruck an der Entwicklung solcher Aussenskelette gearbeitet wird: Was auf der Leinwand schon völlig plausibel daherkommt, funktioniert in der Realität erst ansatzweise. Und während es bei den diversen militärischen und zivilen Projekten in erster Linie darum geht, die motorischen Fähigkeiten normal beweglicher Menschen zu steigern, verfolgt ein derzeit im Paraplegiker-Zentrum Nottwil getestetes Gerät ein anderes Ziel: Querschnittgelähmte wieder aufrecht stehen und gehen lassen.

Hart erarbeitete Mobilität mit engen Grenzen

Der Umgang mit dem Hightech-Trainingsgerät ist mit einigem Aufwand verbunden. Zwei Helfer müssen den bionischen Gehroboter erst einmal auf seinen Benutzer anpassen und dem Patienten beim Anziehen helfen. Ab dann übernehmen die Motoren des 100'000 Franken teuren «Ekso GT»: Der Mensch geht nicht mit dem Roboter – der Roboter geht mit dem Menschen. Die Herausforderung für den querschnittgelähmten «Passagier»: Mit Hilfe von Krücken das Gleichgewicht halten und durch Verlagerung des Oberkörpers den Gehrhythmus vorgeben. Eine schweisstreibende Herausforderung.

Die hart erarbeitete Mobilität hat allerdings klar umrissene Grenzen: «Mehr als zwei Prozent Gefälle liegen nicht drin», erklärt Physiotherapeut Renzo Lanzani. Treppensteigen oder Kurvenlaufen sind ebenfalls kein Thema, ebenso wenig wie sich selber vom Boden erheben. Nach einem Sturz käme man ohne fremde Hilfe nicht mehr auf die (Roboter-)Füsse.

Für langjährige Rollstuhlfahrer ist der aktuell getestete Gehroboter noch keine Option. Zu gross ist das Verletzungsrisiko der geschwächten Muskeln, Sehnen und Gelenke. Erwin Zemp, Lebensberater der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung und seit 38 Jahren im Rollstuhl unterwegs, ist aber zuversichtlich, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird: «Das ist der Anfang einer Revolution. Wenn man die Computertechnik vor 30, 40 Jahren mit einem aktuellen Smartphone vergleicht, bin ich zuversichtlich, dass wir auch bei den Exoskeletten bald grosse Fortschritte erleben.»

Augenhöhe hilft dem Selbstwertgefühl

Die internationale Studie, an der das Paraplegiker-Zentrum Nottwil teilnimmt, verfolgt aber auch weniger offensichtliche Ziele: «Der wichtigste Punkt, den wir studieren, ist der Einfluss der Therapie auf die Spätkomplikationen einer Lähmung», betont der Schweizer Studienleiter Michael Baumberger, Chefarzt Paraplegiologie und Rehabilitation am SPZ.

Konkret wird untersucht, ob und wie sich der Gehroboter auf Herz, Kreislauf, Blase, Darm und die Lebensqualität der Patienten auswirkt – für Aussenstehende unsichtbare Problembereiche einer Querschnittlähmung, die den Betroffenen im Alltag noch deutlich mehr zu schaffen machen als die Art der Fortbewegung.

Welches Potenzial diesbezüglich im Gehroboter steckt, zeigt die Aussage einer Testperson: «Es ist interessant, einmal auf Augenhöhe mit den Therapeuten zu sein – und zu sehen, dass man sie teilweise überragt.»

Europaweite Studie

Seit Anfang Jahr wird in neun führenden Rehabilitations-Zentren Europas der Nutzen des Ekso GT in der Therapie querschnittgelähmter Patienten geprüft. Die klinische Studie umfasst an die 70 Studienteilnehmer und dauert voraussichtlich 30 Monate. Erste Ergebnisse werden schon 2016 erwartet.

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