Stents verhindern keinen Herzinfarkt

Stents sind heute in der Herzmedizin weit verbreitet. Chirurgen in den Schweizer Herzkatheter-Labors setzen sie routinemässig ein. Eine Auswertung von acht Studien mit über 7000 Patienten zeigt jedoch: Stents können Herzinfarkte nicht verhindern.

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Stents verhindern keinen Herzinfarkt

5:24 min, aus Puls vom 18.6.2012

Wenn ein Patient einen akuten Herzinfarkt erleidet, muss es schnell gehen. Je zügiger die Durchblutung wieder funktioniert, desto weniger bleibende Schäden trägt der Patient davon und desto besser ist seine Prognose.

Üblicherweise setzen Kardiologen dabei auf die sogenannte Ballondilatation. Dabei führen sie einen feinen Kunststoffschlauch, den Katheter, unter örtlicher Betäubung in der Leistengegend in eine Arterie ein. Der Herzkatheter ist mit einem kleinen Ballon versehen, der so herzwärts bis in das verengte Herzkranzgefäss geschoben wird. Dort dehnt sich der Ballon auf und erweitert so das verschlossene Gefäss, das Blut kann wieder fliessen. Meist setzen die Chirurgen zusätzlich ein feines, röhrenförmiges Metallgitter, den Stent, als Gefässstütze ein. «Bei akuten Herzinfarkten sind Stents lebensrettend», so Thomas Lüscher, Leiter der Kardiologie am Universitätsspital Zürich.

Stents verlängern das Leben nicht

Bei akuten Herzinfarkten sind Stents unbestritten sinnvoll. In Bezug auf Langzeitfolgen bringen sie aber keinen Vorteil. Ein jüngst veröffentlichter Artikel im renommierten Fachblatt «Archives of Internal Medicine» fasst acht Studien zusammen. Die Autoren werteten die Daten von über 7000 Patienten aus, die einen Herzinfarkt überlebt hatten oder an Angina Pectoris, einer eingeschränkten Durchblutung des Herzens, litten. Alle Teilnehmer erhielten Medikamente, ein Teil davon zusätzlich einen Stent.

Das Ergebnis: Nach vier Jahren war jeder elfte Teilnehmer gestorben, unabhängig davon, ob er einen Stent bekommen hatte oder nicht. Auch Herzinfarkte waren trotz der Stents nicht seltener.

Mehr Medikamente, weniger Stents

Der Grund: Ein Stent ist kein Heilmittel, er behebt die Ursachen der verstopften Gefässe nicht. Für die Ablagerung in den Arterien sind entzündliche Prozesse verantwortlich, die man medikamentös behandeln kann.

«Die Medikamente sind besser geworden. In Zukunft werden wohl mehr Behandlungen medikamentös durchgeführt und weniger Stents eingesetzt», prognostiziert Franz Wolfgang Amann, Kardiologe an der Klinik im Park in Zürich. Denn auch mit Stent hat man keinen Sicherheit, dass das Gefäss auf Dauer durchgängig bleibt : Oft wuchert der Stent nach einer gewissen Zeit durch Gewebe wieder zu, dann ist ein erneuter Eingriff nötig. Auch besteht eine erhöhte Thrombosegefahr.

Zusammenarbeit im Herzteam

Neben Stents und medikamentöser Therapie kommt in der Herzmedizin noch der Bypass zum Einsatz. In schweren Fällen sind Bypass-Operationen langfristig die bessere Methode. Sie sind allerdings verbunden mit einem grossen Eingriff.

In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis von Stents zu Bypass-Operationen stark gewandelt, zugunsten der Stents. Das Problem: «Werden bei einem Patienten mehrere Stents eingesetzt, besteht irgendwann die Gefahr, dass ich als Chirurg gar keinen Bypass mehr setzen kann», erklärt der Herzchirurg Therry Carrel vom Inselspital in Bern.

Um nicht eine Methode gegen die andere auszuspielen, wurden von Kardiologen und Herzchirurgen gemeinsam europäische Leitlinien geschaffen. Kernpunkt ist die Etablierung eines sogenannten Herzteams an den Spitälern: Kardiologen und Chirurgen, nach Bedarf zusammen mit anderen Spezialisten und Hausärzten, sollen gemeinsam darüber entscheiden, was für den jeweiligen Patienten die beste Behandlungsmethode ist.

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