Angehörige von Demenzkranken besser vor Depression schützen

Ein Ehemann, der seine demenzkranke Gattin pflegt, ist einer grossen psychischen Belastung ausgesetzt. Recht häufig erkrankt auch er, zum Beispiel an einer Depression. Eine britische Studie zeigt nun, wie dieser Gefahr mit einer Art Coaching begegnet werden kann.

Erschöpfte Frau blickt traurig und müde in die Kamera.

Bildlegende: Zu Hause fühlen sich Demenzkranke am wohlsten. Aber die Belastung für die pflegenden Angehörigen ist enorm. imago

Die meisten Demenzkranken in der Schweiz, etwa 66'000 Menschen, wohnen zu Hause. Dort, in ihrer vertrauten Umgebung fühlen sie sich in der Regel am wohlsten. Aber die Belastung für den pflegenden Gatten oder die pflegende Gattin ist gross, sehr gross. Die Folge: Die Angehörigen erkranken an einer Depression oder Angstzuständen oder gar beidem zugleich.


Angehörige von Dementen vor Depressionen schützen

4:58 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 22.11.2014

Wie vielen das passiert, ist für die Schweiz nicht bekannt, aber für England gibt es Zahlen. Dort leiden etwa 40 Prozent der pflegenden Angehörigen an einer Depression oder an Angstzuständen, sagt Gill Livingston, Professorin für Psychiatrie am University College in London.

Die psychischen Erkrankungen der Angehörigen führen häufig dazu, dass die Dementen in ein Pflegeheim müssen, was in der Regel nicht im Interesse der Betroffenen ist – und: die Betreuung im Heim treibt die Gesundheitskosten in die Höhe.

Präventives Coaching hilft

Das muss nicht sein, sagte sich Gill Livingston. Sie entwickelte eine Art Coaching-Programm, das pflegenden Angehörigen helfen soll, ihr eigenes Leben möglichst selbstbestimmt zu meistern. Denn dies sei häufig das Problem. Der pflegende Lebenspartner, selbst eine alte Person und vielleicht nicht auch mehr ganz gesund, stellt die eigenen Bedürfnisse zurück, ist rund um die Uhr für die andere Person da, reibt sich auf – bis zum psychischen Zusammenbruch.

Das Coaching mit dem Namen START («strategies for relatives» – Strategien für Verwandte) besteht aus insgesamt acht Sitzungen, die verschiedenen Themen gewidmet sind. Junge Psychologen und Psychologinnen besuchen die Angehörigen und helfen ihnen, das Verhalten ihrer dementen Partner besser einzuschätzen, geben Tipps, wie sie sich verhalten sollen, etwa wenn die demente Person ausfällig werden sollte.

Sie lernen aber auch, auf sich selbst zu achten. «Zentral ist, dass die Betreuenden in ihren Alltag immer wieder kleine Freuden einbauen. Das kann eine Tasse Kaffee mit der Nachbarin sein, oder auch ein Spaziergang im Park», erklärt Gill Livingston.

Das Coaching funktioniert. In einer auf zwei Jahre angelegten Studie, die kürzlich im Fachmagazin «Lancet Psychiatry» veröffentlicht wurde, zeigte Livingston, dass das präventive Coaching die Zahl der Depressionen und Angstzustände senkt. Besonders stark sei der Rückgang bei den Depressionen gewesen. Bei pflegenden Angehörigen, welche im Start-Coaching mitgemacht haben, sei die Wahrscheinlichkeit zu erkranken nur ein Siebtel im Vergleich zu jenen, die im britischen Standardprogramm betreut wurden.

Praxis bestätigt Studie

«Diese Ergebnisse bestätigen andere Studien und decken sich mit den Erfahrungen, die wir in unserer täglichen Arbeit machen», sagt Samuel Vögeli, Leiter der Beratungsstelle der Alzheimer-Vereinigung im Kanton Aargau. Auch er und sein Team stellen immer wieder fest, dass betreuende Angehörige von ihrer Situation überfordert sind und Depressionen entwickeln. Deshalb hat er die Problematik in sein Beratungs-Konzept aufgenommen.

Diese «Zugehende Beratung» biete Angehörigen von Dementen ein niederschwelliges, vielfältiges Hilfsprogramm an, darunter etwas ähnliches wie das englische Start-Coaching. Auch hier geht es darum, den stark belasteten pflegenden Angehörigen zu helfen, krankmachende Gefühle und Gedanken zu vermeiden.

Laut der britischen Studie soll das präventive Coaching gar kostenneutral sein. Doch hier meldet Stefan Felder, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Basel Zweifel an. Der Aufwand für das Coaching falle auf jeden Fall an, das bekomme man nicht gratis, sagt er. Und er warnt, «ein solches Angebot wird unter Umständen auch von Leuten in Anspruch genommen wird, die es eigentlich gar nicht bräuchten.» Auch das würde die Kosten in die Höhe treiben.

Für die Betreuenden wird zu wenig getan

Samuel Vögeli, sagt hierzu, die «Zugehende Beratung» stosse tatsächlich auf grosse Nachfrage, und er betont, dass diese tatsächlich nicht von allen Betreuenden benötigt wird. «Generell wird in der Schweiz aber viel zu wenig für die betreuenden Angehörigen getan», kritisiert er. So könne die «Zugehende Beratung» bis jetzt nur in kleinem Rahmen über eine Stiftung finanziert werden. Er hofft nun, dass der Kanton Aargau das Programm in seine offizielle Demenz-Strategie aufnimmt.

«Alzheimer hautnah»

«Alzheimer hautnah»

Das Gesundheitsmagazin «Puls» hat den Alltag des Ehepaars Baumann in einer mehrteiligen Serie begleitet und eindrücklich aufgezeigt, was die Erkrankung der Frau für Ehemann und Umfeld bedeutet.

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