«Blutige Entlassung» zum Wohle des Patienten?

Am Kantonsspital Winterthur werden Patienten bereits wenige Tage nach grossen Operationen nach Hause geschickt. Von «blutigen Entlassungen» wollen die Ärzte dabei nicht sprechen. Sie verweisen auf ein neues Genesungskonzept.

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Kurzer Spitalaufenthalt

5:33 min, aus Puls vom 31.3.2014

Seit der Einführung der Fallpauschale 2012 wird vermehrt von «blutigen Entlassungen» berichtet: Spitäler schicken Patienten nur wenige Tage nach grossen Operationen nach Hause, um Kosten einzusparen. Dass solche Fälle vorkommen, behaupten nicht nur Patientenorganisationen. Darauf weist auch eine Umfrage unter Spitalärzten der Universität Zürich hin.

«Möglichst optimale Erholung»

Auch das Kantonsspital Winterthur schickt seine Patienten neuerdings nach grossen Darmoperationen früher nach Hause. Mit einer «blutigen Entlassung» habe dies allerdings nichts zu tun, verteidigt Stefan Breitenstein, Direktor am Departement Chirurgie, die Praxis.

Vielmehr sei der kürzere Spitalaufenthalt einem neuen Behandlungskonzept zu verdanken. «Die Geschwindigkeit ist aber nicht die Priorität des Konzepts, sondern die möglichst optimale Erholung», sagt Breitenstein.

Konzept aus 20 Elementen

Die möglichst optimale Erholung nach einer grossen Operation: Dazu müssen 20 Elemente strikt eingehalten werden – angefangen bei der Aufklärung der Patienten vor dem Spitaleintritt bis hin zur Nachkontrolle einen Monat später. Das neue Konzept nennt sich ERAS – «Enhanced Recovery After Surgery».

Was modern klingt, ist in Tat und Wahrheit lediglich die konsequente Umsetzung aktueller medizinischer Erkenntnisse zum Genesungsprozess. Anders ausgedrückt, in Winterthur will man alte Zöpfe abschneiden, beispielsweise beim Fasten. So beträgt die Fastenzeit vor einer Operation nur noch zwei Stunden. Nach der Operation sollen die Patienten möglichst schnell wieder essen und trinken.

Senioren profitieren besonders

Auch bewegen sollen sie sich möglichst rasch und intensiv: Ein Tag nach der Operation sind bereits fünf Spaziergänge im Spital vorgeschrieben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird auch der Katheter entfernt. Auch von Darmreinigungen, Drainagen und Magensonde wollen die Ärzte plötzlich nichts mehr wissen. Dass möglichst immer die Knopfloch-Chirurgie zum Einsatz kommt, versteht sich von selbst.

Das Ziel aller Massnahmen ist, die Belastung durch die Operation zu minimieren und die normale Alltagsbelastung aufrechtzuerhalten. So sind die Patienten rascher wieder auf den Beinen, der Spitalaufenthalt wird verkürzt, die Kosten werden gesenkt – und die Patienten sind erst noch zufriedener, ist in Studien zu lesen.

Insbesondere ältere Patienten profitierten vom Konzept, weil eine Operation für sie besonders belastend sei, sagt Breitenstein. Und: «Senioren finden sich zu Hause schneller wieder zurecht, wenn der Spitalaufenthalt möglichst kurz ist.»

Es müssen alle am gleichen Strick ziehen

Wenn bei diesem Konzept alle profitieren, warum wenden es nicht alle Spitäler an – insbesondere angesichts der hohen Kosten im Gesundheitswesen?

Der Knackpunkt liegt in der interdisziplinären Zusammenarbeit im Spital, also zwischen Pflegern, Ärzten, Physiotherapeuten und Ernährungsberatern und anderen Fachleuten, ist Breitenstein überzeugt. «Das Konzept fordert eine sehr enge Zusammenarbeit, in der auch gegenseitige Kritik nicht fehlen darf.» Doch allzu oft pflege jeder lieber sein eigenes Gärtchen.

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