Der blutige Preis des medizinischen Fortschritts

Der erste Weltkrieg forderte einen horrenden Blutzoll: Zehn Millionen liessen auf den Schlachtfeldern ihr Leben, doppelt so viele wurden verletzt. Das grosse Sterben und Leiden trug massgeblich zum medizinischen Fortschritt bei.

Schwarzweissaufnahme eines grossen Raums mit Stahlbetten, in dem sich Männern in weisser Krankenhauskleidung zu einem Gruppenbild formiert haben.

Bildlegende: Verwundete Soldaten in einem Deutschen Lazarett 1915. imago

So war der erste Weltkrieg die Geburtsstunde der plastischen Chirurgie. Neue Munition und neue Waffen führten zu neuen schweren Verletzungen. Riesige Granatsplitter hinterliessen empfindliche Verletzungen, nicht selten im Gesicht. Aber auch kleine Granatsplitter waren lebensgefährlich. Eine Infektion bedeutete regelmässig: Amputation. Was wiederum die Entwicklung von technisch ausgeklügelten Prothesen zur Folge hatte.

Der erste Weltkrieg war der erste moderne Krieg: Ärzte – auch Schweizer – zogen mit mobilen Röntgengeräten, Mikroskop und Reagenzglas ins Feld. Einige hatten zwecks medizinischer Versuche sogar Meerschweinchen im Gepäck. Auf diese Art wurde zum Beispiel die «Weilsche Krankheit» entdeckt, eine Art Gelbsucht. Nicht selten betrachteten Ärzte das Kriegsfeld als riesiges Labor: So waren Serum und Erreger des Starrkrampfs zwar bekannt. Nicht aber die ebenso wichtige Dosierung, welche die Ärzte erst im Krieg bestimmen konnten – glücklich, wer die richtige Dosierung bekam.

Im ersten Weltkrieg hat auch die Bluttransfusion ihren Siegeszug angetreten. Heute ist sie aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken. In der zivilen Welt damals weitgehend unbekannt, konnte das erst um die Jahrhundertwende gewonnene Wissen um die Blutgruppen im Feld angewendet werden. Zuvor war jede Transfusion ein Glücksspiel – das Tausende verloren.

Dank des Wissens um hygienische Bedingungen und erste Impfungen überlebten viele Soldaten am Leib, nicht immer aber an der Seele. Viele Soldaten kehrten als sogenannte «Kriegszitterer» schwer traumatisiert aus dem Krieg nach Hause zurück. Mit elektrischen Strömen, Dauerbädern und Liegekuren versuchte man sie zu kurieren. Im negativen Sinne haben wir auch aus der Psychiatrie des ersten Weltkriegs gelernt. Die Psychiatrie, damals eine rein naturwissenschaftliche Disziplin, hat sich – wenn auch langsam – entwickelt und die Erlebnisse des Soldaten in den Mittelpunkt des Heilungsprozesses gestellt. Es sollten noch Jahrzehnte vergehen, bis 1980 die «Posttraumatische Belastungsstörung» als Krankheit anerkannt wird.

Der «Doppelpunkt» thematisiert die Kriegsmedizin im ersten Weltkrieg und was wir dem Opfer der damaligen Generation alles heute noch verdanken.