«Die Globalisierung macht vor resistenten Bakterien nicht halt»

Prof. Reinhard Zbinden überblickt als medizinischer Mikrobiologe im Labor die Resistenzentwicklung der letzten 40 Jahre. Im Gespräch mit «Puls» beleuchtet er die Gründe für die Antibiotika-Krise und zeigt, welche Möglichkeiten zur Bewältigung zur Verfügung stehen.

SRF: Wie werden Bakterien resistent gegenüber Antibiotika?

Reinhard Zbinden: Bakterien sind ca. ein Tausendstel Millimeter gross und haben im Gegensatz zu den viel grösseren Körperzellen keinen Zellkern, aber ebenfalls als genetischen Informationsträger DNA. Bakterien können sich innert 20 Minuten teilen. Das heisst nach einer Stunde gibt es bereits acht, nach zwei Stunden 64 und nach zehn Stunden über eine Milliarde Bakterien.

Die Teilungsmaschinerie macht Fehler, so dass jede millionste Bakterienzelle sogenannte Punktmutationen, also Veränderungen der Nukleinsäuresequenz aufweist, welche eventuell eine Resistenz gegen ein Antibiotikum verleiht. Ein so durch Spontanmutation entstandenes Resistenzgen kann auf andere Bakterien übertragen und in deren Genom integriert werden. Im Extremfall können Pakete von Resistenzgenen über Plasmide zwischen Bakterien ausgetauscht werden.

Einmal resistent gewordene Bakterien können über Fernreisen und Nahrungsmittel zu uns kommen. Die Globalisierung macht vor den resistenten Bakterien nicht halt.

Wie gross ist das Problem der Antibiotika-Resistenzen in der Schweiz?

Die Schweiz liegt im europäischen Mittelfeld. Nordische Länder haben tendenziell weniger und südliche Länder mehr Resistenzprobleme. Es gibt bei uns ebenfalls Infektionen mit total resistenten Bakterien, die im Extremfall zum Tode führen.

Leider konnten die Bemühungen der letzten 40 Jahre die Resistenzproblematik nicht eindämmen. So waren zum Beispiel 1990 Gonokokken im Raum Zürich zu 99 Prozent auf Ciprofloxacin empfindlich – im Jahr 2000 nur noch zu 80 Prozent. Die momentan gefürchtete Carbapenem-Resistenz – Carbapeneme sind Reserveantibiotika – wird sich wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren so entwickeln wie die massive Resistenz gegenüber Cephalosporinen in den letzten zehn Jahren.

Wie kann verhindert werden, dass Bakterien Resistenzen bilden?

Das Auftreten von Resistenzgenen ist ein normaler Evolutionsprozess, der bereits vor Jahrmillionen eingesetzt hat. Pilze und Bakterien haben Stoffe entwickelt, um das Wachstum von Konkurrenten im eigenen Lebensraum zu unterdrücken. Alexander Flemming hat 1928 einen solchen Stoff – das Penicillin – entdeckt.

Durch den jahrzehntelangen Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin, aber auch in der Landwirtschaft haben wir die mikrobiologische Ökologie der Bevölkerung und Umwelt verändert. Resistente Bakterien sind nicht krankmachender als empfindliche Bakterien, aber sie werden durch das Antibiotikum selektioniert. Allein die Reduktion des Antibiotikaeinsatzes kann den Selektionsdruck mindern und so die Resistenzentwicklung verlangsamen.

Wie kann man sich vor resistenten Keimen schützen?

Wir tragen in und auf uns so viele Bakterien wie Körperzellen – 1013. Die meisten Bakterien sind unsere normalen Begleiter und schützen uns vor krankmachenden Bakterien.

«  Die momentan resistentesten Bakterien werden bei Reisen durch Besiedelung im Darm eingeholt. »

Wenn wir mit resistenten Bakterien aus Spital, Nahrung oder Umwelt besiedelt werden, kann im Falle einer Infektion mit diesem Bakterium ein einfaches Antibiotikum nicht mehr wirken und es müssen Reserveantibiotika eingesetzt werden, welche wieder noch resistentere Bakterien selektionieren – ein Teufelskreis.

Durch Händewaschen im Alltag, Händedesinfektion im Spital und korrekten Umgang mit Nahrungsmitteln kann man sich teilweise schützen. Die momentan resistentesten Bakterien werden bei Reisen durch Besiedelung im Darm eingeholt. Der Arzt sollte über Reisen informiert werden, damit im Spital und der Praxis Vorkehrungen getroffen werden können, um Übertragungen auf andere Patienten zu verhindern und bei Infektionen eine passende Therapie einzuleiten.

Wird man in Zukunft resistente Keime wieder bekämpfen können?

Prinzipiell werden wir in der Schweiz in den nächsten Jahren Infektionen meistens mit teuren Reserveantibiotika behandeln können. Das Hauptziel muss sein, die Antibiotikamenge im ökologischen System im Sinne eines «One Health»-Ansatzes zu senken, damit die empfindlicheren die resistenten Bakterien wieder verdrängen.

Neue Entwicklungen werden nur teilweise dazu beitragen, resistente Erreger zurück zu drängen. Man muss sicher mit einer Zunahme der Infektionen mit tödlichem Ausgang rechnen.

Gibt es bereits heute alternative Behandlungsmöglichkeiten im Kampf gegen resistente Keime?

Bakterien werden auch von Viren, also Bakteriophagen, befallen und können von diesen abgetötet werden. Die Phagentherapie – oder die Therapie mit Phagenbestandteilen – wird in den nächsten Jahren auch in der westlichen Welt Einzug halten. Zusätzlich werden vermehrt Laktobazillen als Probiotika gegen krankmachende Bakterien eingesetzt.

Im Extremfall kann die ganze Darmflora durch extern applizierte empfindliche Bakterien ersetzt werden. Es werden sicher auch neue Antibiotika und Ansätze entwickelt, die aber erst in mehreren Jahren verfügbar sein werden.

Reinhard Zbinden

Prof. Reinhard Zbinden im Labor

srf

Prof. Reinhard Zbinden ist Präsident der Eidgenössischen Fachkommission für biologische Sicherheit EFBS.

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