Harsche Kritik am Grippemittel «Tamiflu»

Jahrelang hat ein Forschergremium mit der Pharmafirma Roche darum gerungen, Forschungsresultate zur Wirksamkeit des Grippemittels «Tamiflu» öffentlich zu machen. Nun kommen die Wissenschaftler zum Schluss: Seine Wirkung sei höchstens bescheiden, die Einlagerung durch Regierungen zu hinterfragen.

Eine Packung des Grippemittels Tamiflu.

Bildlegende: Das Grippemittel «Tamiflu» gerät in die Kritik. Keystone

«Tamiflu» verkürze bei Erwachsenen die Dauer von Grippesymptomen um lediglich 16 Stunden, schrieben die Wissenschaftler in der britischen Medizinzeitschrift «British Medical Journal» (BMJ). Die Resultate gäben Anlass, die Einlagerung des Medikaments durch Regierungen zu hinterfragen. Die Analyse zeige ein deutlich weniger positives Bild des Wirkstoffs Oseltamivir als jenes, das den Zulassungsbehörden, Politikern, Ärzten und der Öffentlichkeit präsentiert worden sei. Auch die Schweizer Regierung hat im Zuge des Schweinegrippe-Ausbruchs von 2009 «Tamiflu» eingelagert. Die Schweinegrippe verlief dann zwar glimpflicher als befürchtet, doch der «Tamiflu»-Hersteller Roche machte trotzdem Milliardenumsätze.

Unveröffentlichte Resultate

Bereits während der Schweinegrippe kam das unabhängige Expertennetzwerk Cochrane Collaboration, das mit systematischen Übersichtsstudien die Wirksamkeit medizinischer Therapien bewertet, zum Schluss: «Tamiflu» sei wahrscheinlich gar nicht so wirksam wie behauptet. Mit Sicherheit konnten es die Experten aber nicht sagen, denn Roche hatte einen beträchtlichen Teil der Studienresultate gar nie veröffentlicht. So könne man, kritisiert die Cochrane Collaboration, eigentlich gar keine zuverlässigen Aussagen zu «Tamiflu» treffen.

Roche versprach damals, die entsprechenden Studienprotokolle rasch zugänglich zu machen. Doch es folgte ein langes und zähes Ringen. Jahrelang hatte sich Roche unter Berufung auf das Geschäftsgeheimnis geweigert, die Daten öffentlich zu machen. Erst 2013 erhielten die Cochrane-Forscher sämtliche Informationen – und kommen in ihrer Auswertung nun zum Schluss: «Tamiflu» verkürzt zwar die Grippe um einen halben Tag, bei anderweitig gesunden Kindern um einen Tag. Es kann, präventiv eingenommen, Grippesymptome verhindern, doch Komplikationen wie Lungenentzündungen verhindere es nicht, noch müssten dank «Tamiflu» weniger Menschen ins Spital.

Dafür fanden die Wissenschaftler einen deutlichen Anstieg von Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen sowie ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme, Nierenprobleme und Kopfschmerzen. Die Cochrane Collaboration – und mit ihr die Fachzeitschrift «The Britisch Medical Journal» – ruft nun die Behörden weltweit auf, in Bezug auf «Tamiflu»-Lager für einen Pandemiefall über die Bücher zu gehen.

Pharma-Konzern meldet Zweifel an

Nur nichts überstürzen, ist die beschwichtigende Reaktion von Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit: «Jetzt zu sagen, die Studie der Cochrane Collaboration sei der letzte Schluss, halte ich für verfrüht. Man muss jetzt zuerst die die Details analysieren.»

Der Pharma-Konzern Roche jedoch zweifelt offen die Schlussfolgerungen der Cochrane-Experten über die Wirksamkeit und den Nutzen des Grippemedikamentes an. «Roche widerspricht entschieden den Schlussfolgerungen der Cochrane-Gruppe für akute Atemwegserkrankungen (Acute Respiratory Infections, ARI) aus ihrer Analyse zu «Tamiflu». Roche steht voll und ganz hinter der Qualität und Integrität der Tamiflu-Daten», teilt der Konzern in einer Stellungnahme mit. «Die Entscheidungen von weltweit 100 Zulassungsbehörden sowie die in der Anwendungspraxis gewonnenen Daten (Real-World-Evidenz) belegen, dass «Tamiflu» ein wirksames Arzneimittel zur Behandlung und Prävention der Influenza-Infektion ist», heisst es weiter.

Kritik übt Roche auch an der Datenlage der Cochrane-Studie. Nur 20 von 77 Studien seien in die Bewertung einbezogen worden. Daten aus der Anwendungspraxis seien ausgeschlossen worden. Dies führe zu einer Fehlinterpretation der Wirksamkeit und Sicherheit eines etablierten Influenza-Arzneimittels und widerspricht dem globalen Konsens im Gesundheitswesen, so Roche.

Nach dem Ringen um die Offenlegung Daten folgt also jenes um die Interpretation der Daten. Und das dürfte noch eine Weile weitergehen.