Jodtabletten – Was sie im atomaren Ernstfall nützen

Neu erhalten jetzt alle Haushalte, die im 50 Kilometer-Radius um ein Atomkraftwerk liegen, in den nächsten Wochen Jodtabletten per Post. Sicher geschützt ist bei nuklearen Störfällen deswegen aber keiner.

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Helfen Jodtabletten bei atomaren Unglücken?

7:15 min, aus Puls vom 27.10.2014

Alle zehn Jahre erhält die Bevölkerung rund um die fünf Schweizer Kernkraftwerke kostenlos Jodtabletten, die sie im nuklearen Ernstfall auf Anweisung einnehmen können.

Bislang wurden nur die Haushalte innerhalb eines 20 Kilometer-Radius rund ums Kernkraftwerk beliefert. Dieser wurde jetzt erweitert: Auch Haushalte, die bis zu 50 Kilometer entfernt sind – das entspricht insgesamt 4,9 Millionen Einwohnern, vom Kind bis zum Greis – erhalten nun die Jod-Pillen.

Jedes Haushaltsmitglied erhält eine Tablettenpackung à 2x 6 Tabletten – doppelt so viele, wie im Katastrophenfall benötigt werden, um anderen aushelfen zu können.

Schützen können die Tabletten lediglich vor einer Einlagerung von radioaktivem Jod, das sich vom Unglücksort aus über die Luft verbreitet. Und der Zeitpunkt der Einnahme ist entscheidend: Nur wenn sie rechtzeitig, das heisst am besten vor Eintreffen der radioaktiven Wolke, eingenommen werden, können sie ihre Wirkung optimal entfalten.

Denn wenn dann radioaktives Material – über die Atemluft oder Nahrungsmittel, vor allem Milch, Fleisch oder Fisch aus kontaminierten Gegenden – in den Organismus gelangt, ist die Jod-Aufnahmefähigkeit der Schilddrüse durch das unbedenkliche Jod aus den Tabletten bereits ausgeschöpft. Das radioaktive Material kann sich in der Schilddrüse nicht einlagern und wird wieder ausgeschieden.

Effektiv für die kindliche Schilddrüse

Besonders für Junge, insbesondere Kinder, ist das bedeutsam. Denn Schätzungen gehen davon aus, dass ihr Erkrankungsrisiko für Schilddrüsenkrebs durch radioaktives Jod zehnmal über dem von Erwachsenen liegt. Dennoch: Menschen mit Schilddrüsenproblemen sollten bei nächstmöglicher Gelegenheit mit ihrem Arzt besprechen, ob sie im Notfall Jodtabletten einnehmen sollen oder nicht.

Bisherige Verpackung der Kaliumiodidtabletten

Bildlegende: Die alten Verpackungen können in Apotheken oder Drogerien zurückgegeben werden. Reuters

Vor allen anderen Stoffen, die während eines Atomunfalls in die Umwelt gelangen, schützen die Tabletten nicht.

Normale Jodtabletten aus der Apotheke oder dem Reformhaus schützen im Katastrophenfall übrigens kaum. Sie enthalten nur ein Tausendstel des Spurenelements, verglichen mit den offiziell verbreiteten Jodtabletten.

Trocken und dunkel lagern

Die Kaliumiodid 65 AApot Tabletten sollten in der verschlossenen Originalpackung dunkel und trocken bei einer Raumtemperatur von 15 bis 25 °C und ausserhalb der Reichweite von Kindern aufbewahrt und nur auf Anordnung der Behörden eingenommen werden.

Die alten Jodtabletten, die vor zehn Jahren verschickt worden sind, kann man nach Erhalt der neuen Packungen in der nächsten Apotheke oder Drogerie zurückgeben.

Für Haustiere ungeeignet

Haus- und Nutztiere weisen zwar ebenfalls eine Schilddrüse auf, die analog der des Menschen funktioniert. Da die Dosierung aber viel niedriger ist als beim Menschen (je nach Tierart 10 bis 1000-fach), wird von der Verabreichung von Jodtabletten an Tiere abgeraten. Selbst wenn die Tabletten zerkleinert werden, besteht die Gefahr einer Überdosierung.

Bei Strahlenalarm soll man sich möglichst rasch in den nächstgelegenen Schutzraum oder in einen Kellerraum begeben und alle Türen und Fenster schliessen. Dieser Grundsatz wird als Schutzmassnahmen auch für Tiere empfohlen: Katzen und Hunde sollen im Haus, falls möglich im Keller, behalten werden.

Website und Hotline

Auf www.kaliumiodid.ch sind weitere Informationen zur Neuverteilung verfügbar. Darüber hinaus ist zwischen 27. Oktober und 5. Dezember von Montag bis Samstag, 8 bis 18 Uhr, eine «Jodtabletten-Hotline» aufgeschaltet: Telefon 0848 44 33 00.

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