Konfliktort Pflegeheim

Das Pflegeheim als neues Zuhause ist eine kostspielige Angelegenheit – die pflegerischen und menschlichen Umstände sollten also stimmen. Doch es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Pflegeheim in der Kritik steht.

Vier- bis fünfstellige Beträge zahlen die betagten Bewohner für ihr Wohnen und Leben im Pflegeheim pro Monat – zwischen 5000 und 14'000 Franken, je nach Heim und Kanton. Und so bezieht sich der Grossteil der Klagen, die bei der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter eingehen, auf die Kosten. Die sind seit der Einführung der neuen Pflegefinanzierung im Jahr 2011 nochmals angestiegen.

Belastend ist die Umstellung nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die Pflegenden. Sie müssen seither jeden Handgriff dokumentieren und tragen deshalb einen kleinen Computer von Patient zu Patient, um ihre Tätigkeiten genau zu erfassen. Die Daten spiegeln dann den Pflegeaufwand eines Patienten wider, woraus sich die Pflegestufe errechnet.

Dieses Berechnungsmodell ist für alle Bewohner gleich – egal, ob sie in einem teuren Seniorenheim mit Seesicht residieren oder sich in einem günstigeren Pflegeheim das Zimmer mit einem anderen Bewohner teilen.

Teure Betreuung und Unterkunft

Einen Grossteil dieser Pflegekosten übernehmen die Gemeinden oder Krankenkassen. Den grossen Unterschied für den alten Menschen machen die Betreuungskosten – darunter fällt alles, was nicht unmittelbar mit der medizinischen Versorgung oder der Körperpflege zu tun hat. Über sie erzielen die Einrichtungen ihren Gewinn.

Ebenfalls massiv können die Hotelleriekosten sein, hier spielen die Lage des Pflegeheims, die Küche etc. mit hinein.

Viele Pflegeheime gewähren heute ihren Bewohner mehr Selbstbestimmung – sie können beispielsweise aufstehen, wann sie möchten oder essen, wann ihnen danach ist. Das erfordert jedoch auch einen grösseren organisatorischen und personellen Aufwand als einheitlich durchgetaktete Stationen.

Anspruchsvoller Spagat

Der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit gegenüber den Bewohnern ist gross. «Das ist höchst anspruchsvoll. Die Finanzen kann man im Griff haben, obwohl sie sehr knapp sind. Mehr können wir nicht mehr sparen, sonst leidet die Qualität darunter. Dazu ist aber auch das Emotionale sehr wichtig – und das Personal professionell und wertschätzend zu führen», sagt Anna Ravizza, Leiterin der Residenz Au-Lac in Biel.

Mal im Kanton Baselland, mal im Freiburgischen: Wie schwierig es ist, die verschiedenen Ansprüche zu befriedigen, zeigen die regelmässigen Fälle von Beschwerden über vernachlässigte Bewohner, von Pflegenden über unzumutbare Arbeitsbedingungen oder von Heimleitern über Sparvorgaben des Kantons.

Ist es das fehlende Geld oder das zu wenig gut ausgebildete Personal, das ein Pflegeheim zu einem Konfliktherd macht? Sind es gar die anspruchsvollen Angehörigen und Bewohner? Oder anders gefragt: Ist ein Alters- und Pflegezentrum letztlich einfach ein Unternehmen, das Profit abwerfen muss – auf wessen Kosten auch immer?

Im «Forum» diskutieren Gäste über mögliche Gründe und erklären, was ein gutes Alters- und Pflegeheim ausmacht.

Gäste im «Forum»

  • Anna Ravizza, Leiterin Residenz Au-Lac, Biel/Bienne
  • Michèle Wirth, Pflegeassistentin
  • Dr. Albert Wettstein, unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (uba)
  • Beat Ringger, Verband des Personals öffentlicher Dienste (vpod)