Medikamentenengpass – Notstand in der Allergiebehandlung

Seit letztem Herbst bestehen Lieferengpässe bei den Allergie-Präparaten des französischen Herstellers Stallergenes. Tausende Allergiker in der Schweiz müssen nun ihre Desensibilisierungstherapien aussetzen oder anpassen.

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Wirkstoffmangel in der Immuntherapie

6:15 min, aus Puls vom 8.2.2016

Per Brief erreichte im Dezember die Botschaft die Ärzte und Patienten in der Schweiz: Die Produkte der französischen Firma Stallergenes, Alustal, Phostal, Staloral, Alyostal und Oralair fehlen für die spezifische Immuntherapie. «Leider ist ein Grossteil dieser Produkte im Augenblick nicht lieferbar», heisst es in der Mitteilung. Grund ist ein von der französischen Gesundheitsbehörde auferlegter Produktionsstopp. Nach der Umstellung des eigenen IT-Systems sind Stallergenes-Präparate falsch etikettiert und ausgeliefert worden. Diese Sicherheitslücke hat schliesslich die Produktion lahm gelegt. Bis heute.

Anpassung an Therapie

In der Folge sind über die Wochen und Monate auch in der Schweiz die noch vorrätigen Präparate für die Allergie-Behandlung ausgetröpfelt. Eine neue, noch nie dagewesene Situation für die Allergologen in der Schweiz.

Schnell und pragmatisch mussten Lösungen gefunden werden. Peter Schmid, Allergologe am Universitätsspital Zürich, beschreibt die möglichen Szenarien: «Anfangs haben wir die Dosis für die Therapie reduziert oder die Intervalle für die Spritzen verlängert, um möglichst lange Allergiemittel zur Verfügung zu haben.» Mit diesem Vorgehen alleine, konnten die Allergologen den Lieferengpass aber nicht bis heute überbrücken. «Also haben wir, wo es vertretbar war, die Therapie frühzeitig abgebrochen», ergänzt der Allergologe. Anstatt vier Jahre Therapie gab es plötzlich nur noch drei. So viele müssen es im Minimum sein, um die erwiesene Wirksamkeit der Allergie-Immuntherapie tatsächlich zu erreichen.

Patienten, die erst einen Teil der nötigen Therapiezeit hinter sich haben, können auf ein Konkurrenzprodukt umsteigen. Eine solche Umstellung ist allerdings mit neuen Arztbesuchen, mehr Spritzen und möglichen Nebenwirkungen während der Aufdosierung verbunden.

Aufschub oder Stillstand

Sicher aber die bessere Lösung, als gar keine Alternative zu haben. Gerade bei Kindern sind die spritzenfreien Therapien mit Tabletten oder Tropfen sehr beliebt. Für diese sogenannte sublinguale Therapie gibt es allerdings im Moment kein Produkt bei einer Baumpollen-Allergie, auf das die Allergiker hätten ausweichen können. Bei der Therapie von Gräser-Allergien kann auf die Tabletten Grazax umgestellt werden – im Gegensatz zu Oralair, das Wirkstoffe gegen Wiesenknäuelgras, Gewöhnliches Ruchgras, Deutsches Weidelgras, Wiesenrispengras und Wiesenlieschgras enthält, enthält Grazax als Wirkstoff nur den Extrakt von Wiesenlieschgras-Pollen.

Für Patienten, die eine sublinguale Therapie bevorzugen, bedeutet der Lieferunterbruch im Moment im schlimmsten Fall also Stillstand in der Allergie-Therapie, Aufschub bis zur nächsten Saison oder eine Therapie mit reduzierten Wirkstoff-Extrakten.

Ansprechpartner

Für Fragen zur Umstellung stehen die Fachärzte für Allergologie und Immunologie insbesondere auch den behandelnden Ärzten zur Verfügung. Und auch über die aha!infoline werden weiterführende Fragen beantwortet.

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