Psychotherapien – Die Qual der Wahl

Gegen viele psychische Störungen ist Psychotherapie das Mittel der Wahl. Doch seit es sie gibt, bekämpfen sich die verschiedenen psychotherapeutischen Schulen. Gegen Depressionen sind alle gleich effektiv, zeigt eine Untersuchung des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.

Wer an einer Depression leidet, braucht professionelle Hilfe. Doch welche? Unter dem Stichwort «Psychotherapie» reihen sich im Telefonbuch mehrere tausend Treffer untereinander. Darunter sind Therapeuten, die beispielsweise die sogenannte «kognitive Verhaltenstherapie» praktizieren. Sie soll dysfunktionale Gedankengänge verändern. Andere Therapeuten bieten «psychodynamische Therapien» an, innerhalb derer schwierige Kindheitserfahrungen und andere Konflikte der Vergangenheit eine wichtige Rolle spielen. «Es ist schwierig, sich im Psychotherapie-Dschungel zu orientieren», gibt Hansjörg Znoj, Professor für klinische Psychologie an der Universität Bern, zu.

Keine besser als die andere

Hansjörg Znoj hat nun zusammen mit Kollegen vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern alle zugänglichen Studien zum Erfolg verschiedener psychotherapeutischer Interventionen gegen Depression unter die Lupe genommen. Zu sieben Therapierichtungen gab es genügend kontrollierte Studien, darunter zur kognitiven Verhaltenstherapie und zur psychodynamischen Therapie. Die Psychoanalyse konnte wegen mangelnder Studienzahl nicht untersucht werden.

Das Ergebnis: Keine Intervention erwies sich als klar überlegen. Zwar waren die Resultate für einige Therapierichtungen robuster als für andere. Doch einer einfachen Unterstützung durch Hausarzt oder Familie waren sie alle vorzuziehen.

Sonderfall Depressionen

«Es ist ein weiteres Mal deutlich geworden, dass Psychotherapie wirkt», sagt Hansjörg Znoj. «Weil die Erfolgsquote der einzelnen Therapien sich so ähnelt, muss man weniger Angst haben, an einen falschen Therapeuten zu gelangen - sofern der geprüft ist, Psychologie oder Medizin studiert hat plus eine Psychotherapie-Weiterbildung nachweisen kann.»

Allerdings gilt das nur für Depressionen. Bei anderen Störungen sind einzelne Therapieansätze deutlich erfolgreicher als andere. Gegen Ängste beispielsweise sind Verhaltenstherapien allen anderen Therapien überlegen.

Was wirkt an der Psychotherapie?

Dennoch stellt sich die Frage: Wenn bei der Depression alle Therapien trotz zum Teil völlig anderer Grundlagen und Techniken etwa gleich gut wirken, was ist es dann, was hilft? «Das ist eine zentrale Frage in der Psychotherapieforschung», sagt Hansjörg Znoj. «Ein Faktor ist sicher die Qualität der Beziehung des Therapeuten zum Patienten, von der der Erfolg stark abhängt.»

Spezifische Techniken der verschiedenen Psychotherapieschulen helfen also wohl eher den Therapeutinnen und Therapeuten, eine gute und hilfreiche Beziehung zu ihren Patientinnen und Patienten herzustellen. Diese Beziehung dürfte dann den Grossteil der heilenden Wirkung ausmachen – Psychotherapieschule hin oder her.

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