Ritalin – Wundermittel im Kreuzfeuer

Laut neuer Zahlen des Apothekerverbands «Pharmasuisse» sollen im letzten Jahr erstmals weniger Packungen Ritalin gegen ADHS verkauft worden sein. Doch diese Angaben betrachten Experten skeptisch.

Roland Kägi, Kinderarzt und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS, sieht viele Fragezeichen hinter den Angaben des Schweizerischen Apothekerverbands Pharmasuisse, dass 2013 erstmals weniger Ritalin-Packungen verkauft worden seien als in den Vorjahren: «Wir wissen nicht, ob diese Packungen klein oder gross waren. Zwischen einer Kleinpackung mit 30 Tabletten und einer Grosspackung mit 90 oder 100 liegen natürlich Welten. Deswegen können wir daraus nicht auf eine Verschreibungszunahme oder -abnahme schliessen», äussert er sich gegenüber Radio SRF 2.

Medikament mit langer Geschichte

Immer wieder gerät das Medikament und die Verschreibungskultur in die Kritik. Derweil sollte der Wirkstoff Methylphenidat einstmals lediglich Manager auf Touren bringen und depressiven Hausfrauen den Tag verschönern: So wurde Ritalin in den 1960er-Jahren beworben. Schon bald überdachten die Pharma-Manager ihre Zielgruppe noch einmal: In Experimenten zeigte sich, dass das Medikament schwierige Kinder mässigt – wie und warum, war unklar.

Besonders effektiv erwies sich das Medikament bei zappeligen, unkonzentrierten Kindern, Kindern, die besonders impulsiv reagierten und so sozial und schulisch aneckten. ADHS nennt man dieses Krankheitsbild heute – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Fünf Prozent der Kinder sollen laut Fachliteratur betroffen sein. Immer häufiger fiel in den vergangenen Jahren die Diagnose, und immer zahlreicher stand dann auch in der Schweiz Ritalin, Concerta, Medikinet, Equasym oder Methylphenidat-Hexal auf dem Rezept. Die meisten der Kinder beginnen mit etwa zwölf, Medikamente einzunehmen – viermal mehr Jungen als Mädchen. Zwischen 2005 und 2008 hat sich ihre Zahl gemäss Bundesamt für Gesundheit um knapp 40 Prozent erhöht.

Allseits bekannt, alles andere als harmlos

Auch wenn ADHS oft in einem Atemzug mit Ritalin genannt wird, eine Medikamenteneinnahme ist für ADHS-Kinder nicht zwingend. Immerhin drei von vier Kindern und Jugendlichen mit ADHS schlucken nichts gegen ihre Störung. So geläufig heute über die Einnahme von Ritalin & Co. gesprochen wird: Es ist und bleibt ein Wirkstoff, der nicht harmlos ist.

Im chemischen Aufbau ist Ritalin der Partydroge «Speed» sehr ähnlich und fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Schon 20 Minuten nach der Einnahme beginnt der Stoff, seine Wirkung zu entfalten. Im idealen Fall beruhigt er übermässig zappelige oder unkonzentrierte Kinder. In anderen Fällen wirkt er nicht – oder aber es kommt zu Herzkreislaufproblemen und Herzrhythmusstörungen, zu schlaganfallähnlichen Symptomen, Einschlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Kopfweh. Darüber hinaus erhöht sich das Risiko für Suizide und Ticks. Die Stärke der Nebenwirkungen ist abhängig von der Dosis – und die hat sich im Laufe der Jahre um rund fünf Prozent erhöht.

Dass die Medikamente dennoch so häufig zum Einsatz kommen, spiegelt auch ein gesellschaftliches Dilemma wider: Eltern bangen um das Schicksal ihrer Kinder, wenn diese nicht reibungslos funktionieren. Lehrer kämpfen mit zu grossen Klassen, einem Lehrplan, den sie in immer kürzerer Zeit ihren Schülern vermitteln sollen. «Störenfriede» sind so für alle schlechter tolerierbar. Behörden sind durch schlechte Pisa-Resultate aufgeschreckt und geneigt, mehr Druck auszuüben, um im internationalen Vergleich konkurrenzfähig zu bleiben. Den Druck ertragen wiederum nur starke, unkomplizierte Kinder problemlos.

Häufung falscher Diagnosen?

Das Gesundheitssystem beugt sich diesem Druck. Das kürzlich neu erschienene und in Fachkreisen umstrittene Handbuch zu psychischen Krankheiten, das DSM-5, zeigt die Tendenz, Besonderheiten schneller als bisher als Krankheit einzustufen. Im Falle von ADHS besagt es, dass nun sogar Kinder unter sechs Jahren Medikamente dagegen bekommen können. Weil sich bei ADHS keine messbaren Veränderungen im Gehirn zeigen, müssen weiche Kriterien greifen – je weiter sie gefasst sind, desto häufiger fallen Diagnosen. Viele davon können angezweifelt werden, bemängeln Kritiker. Vielfach vermuten sie unter vermeintlichen ADHS-Patienten solche mit unentdeckten Teilleistungsstörungen. Kinder beispielsweise, die beim Lesen in der Schule nicht mitkommen, stellen irgendwann ab und werden zappelig und ungeduldig – und landen dann möglicherweise vorschnell in der ADHS-Ecke.

Der Pharmaindustrie kommt das entgegen. In den USA ist Ritalin schon lange ein Verkaufsschlager. 464 Millionen Dollar verdiente Novartis 2009 allein damit. Jeder zehnte Highschool-Schüler bekommt ein solches Medikament. In der Schweiz bezogen 2008 laut Bundesamt für Gesundheit zwischen 8 und 9 von 1000 Kindern bis zum Alter von 18 Jahren Methylphenidat. Während die einen davon ausgehen, dass der Zuwachs langsam zum Stillstand kommt, ist Kinderarzt Roland Käge anderer Meinung: «Mein Bauchgefühl sagt, dass die Ritalin-Verschreibung wahrscheinlich in den nächsten Jahren noch konstant zunehmen wird, weil einfach noch sehr viele nicht diagnostizierte ADHS zu diagnostizieren sind.» Patienten nach sorgsam gestellten ADHS-Diagnosen Ritalin zu verschreiben, befürwortet er durchaus, weil das Betroffenen das Leben enorm erleichtern könne.

Gegenwind kommt von der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Sie fordert vom Bundesrat, gegen die grosszügige Verschreibung von Ritalin vorzugehen. Der Bundesrat soll zudem in einem Bericht den Handlungsbedarf bei Ritalin aufzeigen.

So funktionieren Ritalin & Co.

Um Nervenreize von Nervenzelle zu Nervenzelle zu übertragen, braucht es Botenstoffe wie Dopamin. Transporter bringen sie von Nervenzelle zu Nervenzelle. Methylphenidat  blockiert diese Dopamintransporter, das Dopamin bleibt in der Synapse. In der Folge produziert die Nervenzelle weniger Dopamin – die Zappeligkeit nimmt ab, die Konzentration zu.