Umstrittene Cholesterinsenker

Eine aktuelle Studie stösst die Diskussion um den Einsatz von Statinen zur Cholesterinsenkung neu an. Der vorbeugende Nutzen der Medikamente für gesunde Menschen ist umstritten.

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Wer profitiert von cholesterinsenkenden Medikamenten?

22 min, aus Puls vom 7.3.2011

Rund 36 Prozent aller Todesfälle in der Schweiz sind auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen. Damit belegt diese Kategorie seit Jahrzehnten den ersten Platz in der Todesursachenstatistik. Deshalb kommt der Prävention von kardiovaskulären Ereignissen ein grosser Stellenwert zu. Dabei spielen die cholesterinsenkenden Medikamente – die sogenannten Statine – eine wichtige Rolle. Denn ein erhöhter Cholesterinwert im Blut gilt nebst Alter, Geschlecht, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit und Nikotinkonsum als einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

«Gutes» und «schlechtes» Cholesterin

Cholesterin ist aber nicht einfach «schlecht», es ist im Gegenteil ein wichtiger Bestandteil von Körperzellen und Ausgangstoff für Hormone und Vitamin D. Rund zwei Drittel der benötigten Menge an Cholesterin produziert der Körper in der Leber und einen Drittel nehmen wir über die Nahrung auf.

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«Nicht rauchen bringt am meisten»

2:52 min, vom 7.3.2011

Im Normalfall hält der Körper die Gesamtmenge an Cholesterin im Gleichgewicht, indem die Leber die Produktion drosseln kann. Beim Cholesterin muss immer auch zwischen «gutem» High density Lipoprotein (HDL) und «schlechtem» Low density Protein (LDL) unterschieden werden. Die beiden Proteinarten dienen dem Cholesterin als Transportvehikel im Blut. LDLs haben die Tendenz, das Cholesterin in den Arterienwänden abzulagern und damit die Arteriosklerose zu fördern. HDLs hingegen nehmen überschüssiges Cholesterin aus den Blutgefässen auf und transportieren es zum Abbau zur Leber.

Bei einem ungünstigen Verhältnis zwischen «gutem» HDL-Cholesterin und «schlechtem» LDL-Cholesterin werden in der Regel Statine verschrieben.

Statine auch in der Primärprävention

Diese Statine bringen v.a. Patienten einen grossen Nutzen, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben. In den letzten Jahren wurden die Präparate jedoch zunehmend auch in der sogenannten Primärprävention eingesetzt. Dabei werden Statine auch gesunden Patienten verschrieben, welche zwar noch keinen Herz- oder Schlaganfall erlitten haben, bei denen jedoch erhöhte Cholesterinwerte und allenfalls weitere Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes festgestellt wurden.

Die verschreibenden Ärzte stützen sich dabei auf die Schweizerischen Richtlinien der Arbeitsgruppe Lipide und Atherosklerose. Diese empfiehlt Menschen ohne weitere Risikofaktoren ab einem LDL-Cholesterinwert von 4.9 mmol/l eine medikamentöse Senkung des Cholesterinspiegels.

Neue Metaanalyse

Nun erschien Anfang 2011 die Cochrane-Metaanalyse von 11 Einzelstudien der vergangenen 15 Jahre, welche den Nutzen von Statinen für gesunde Menschen untersuchten. Dabei zeigte sich, dass 1000 Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten aber ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung während einem Jahr Statine einnehmen müssen, um statistisch einen Tod zu verhindern. Kritiker stellen deshalb den präventiven Einsatz von Statinen bei gesunden Menschen in Frage, denn Aufwand und Ertrag stehe in keinem vertretbaren Verhältnis.

Viele Kardiologen sind in diesem Punkt anderer Meinung. Denn aus ihrer Sicht gebe es genug Studien, die den Nutzen von Statinen in der Primärprävention beweisen. Die Cochrane-Metaanalyse zweifelt die Aussagekraft dieser Studien jedoch an. Denn die Studien, welche den Statinen eine positive Rolle in der Primärprävention zusprechen, sind fast ausschliesslich von den Herstellerfirmen der Statine finanziert worden. Dabei bestehe die Gefahr, dass der Nutzen der Medikamente übertrieben dargestellt wird, so der Vorwurf der unabhängigen Autoren der Cochrane-Studie. Sie empfehlen deshalb, Statine bei Menschen mit einem geringen Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko nur zurückhaltend einzusetzen.