Wie ein Virus der Welt eine Lektion erteilt

Das Sars-Virus tauchte 2003 wie aus dem Nichts auf. In Windeseile verbreitete es sich in Asien und sorgte in Hongkong und Peking für Panik. Auch die Schweiz rüstete sich für die Lungenseuche. Das Schlimmste wurde verhindert, doch die Seuchenbekämpfung ist seither nicht mehr die gleiche.

Hongkong im Frühling 2003 ist ein gespenstischer Ort: Die Strassen leergefegt, die Läden geschlossen. «Die Stadt war wie ausgestorben», erinnert sich die deutsche Journalistin Lu Yen Roloff, die damals in Hong Kong studierte. Wer sich trotzdem auf die Strasse wagt, trägt eine Gesichtsmaske, die Apotheken verkaufen Rekordmengen an Desinfektionsmitteln, und die Menschen bunkern Vorräte. «Es herrschte Panikstimmung», sagt Roloff.

Am 12. März 2003 schlägt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm. In Hongkong, China und Vietnam sei eine rätselhafte Lungenseuche aufgetaucht. Ursache unbekannt. Die Gesundheitsbehörden der betroffenen Ländern arbeiten fieberhaft. Klinische Proben werden an Viren-Labors rund um den Globus geschickt. In Rekordzeit, nach nur vier Wochen, gelingt es den Forschern, den Erreger zu identifizieren: Es ist ein bisher unbekanntes Virus aus der Familie der Coronaviren, eine grosse Gruppe, zu der auch viele gewöhnliche Erkältungsviren gehören. Die Krankheit wird Sars getauft - «Severe Acute Respiratory Syndrome», das schwere akute Atemwegssyndrom.

Weltweit bereiten sich die Spitäler auf Sars vor – auch in der Schweiz. Er habe nicht immer gut geschlafen zu jener Zeit, sagt der Infektiologe Christian Ruef, der damals am Universitätsspital Zürich die Isolierzimmer für allfällige Sars-Patienten einrichtete. «Anfangs tappten wir im Dunkeln. Erst mit der Zeit wuchs das Wissen über den Erreger, und es wurde klar, dass es keine eigentliche Behandlung für die Patienten geben würde», sagt Ruef. «Um so wichtiger war es, jede Übertragung zu verhindern.»

Die Schweiz blieb verschont

Am Flughafen Zürich mustern Grenzärzte die ankommenden Passagiere aus Asien. Kommt jemand hustend, mit glasigen Augen aus dem Flieger, wird er untersucht. Doch das Sars-Virus ist perfekt an die Globalisierung angepasst: Weil die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit zwei bis zehn Tage beträgt, können auch scheinbar Gesunde die Krankheit in die Welt verschleppen. Betroffen ist ausserhalb von Asien vor allem Kanada, aber auch in Deutschland und England tauchen Sars-Fälle auf.

IR-Aufnahme 2004 auf einem Flughafen in Taiwan

Bildlegende: Weltweit wurden Flugreisende mit Infrarotaufnahmen überwacht. Wer Fieber hat, ist potenziell mit Sars angesteckt. Keystone

Die Schweiz hat Glück: Zwar gibt es zwischen März und Mai 26 Verdachtsfälle, doch bei keinem dieser Patienten kann das Sars-Virus nachgewiesen werden. In der Schweiz gibt es also keinen einzigen Sars-Fall. Doch die Angst damals vor einer Einschleppung der Seuche ist gross. So erlässt der Kanton Zürich  für die Uhrenmesse Anfang April ein Arbeitsverbot für asiatische Aussteller.

Drei Monate später, am 5. Juli 2003, erklärt die WHO die Sars-Krise für beendet. Die traurige Bilanz: 8000 Kranke in 30 Ländern, 800 Tote. Und doch: Die Welt ist mit einem blauen Auge davon gekommen. Es hätte sehr viel schlimmer kommen können. Ja, Sars hätte sich derart stark verbreiten können, dass die Menschheit das Virus nie mehr hätte zurückdrängen können. «Sars war das erste Virus, wo die Weltgemeinschaft, insbesondere die Wissenschaft, zusammengestanden ist und gesagt hat: ‹Das können wir nur gemeinsam lösen!›», sagt Christian Griot, Direktor des Instituts für Viruserkrankungen und Immunprophylaxe. «Beim Ausbruch der Schweinegrippe sechs Jahre später hat diese Erfahrung dann geholfen. Auch damals ist man wieder zusammengestanden und hat sich geholfen.»

Die Welt hat dazugelernt

Sars hat die Welt verändert. Das gilt auch für China, das am Anfang der Epidemie eine höchst unrühmliche Rolle spielt. Denn die ersten Sars-Fälle treten bereits Ende 2002 in Südchina auf. Doch die Behörden spielen die Vorfälle herunter. Erst im Februar informiert China die WHO. «Die Parteifunktionäre haben wie gewohnt reagiert», sagt Peter Achten, Journalist in Peking. «Sie wollten alles Unangenehme unter dem Deckel halten. Um ihre Karriere zu fördern und um die Menschen nicht in Angst und Schrecken zu versetzen.»

Als das Ausmass der Sars-Krise in China publik wird, herrscht Panik, und der Gesundheitsminister muss im Nachgang zurücktreten. Doch China habe die Lektion gelernt, sagt Peter Achten. Heute arbeite das Land mit der WHO viel besser zusammen. Ausserdem sei der Umgang mit der Hygiene viel besser geworden.

Coronaviren bleiben im Fokus

Wo die nächste tödliche Seuche ihren Anfang nimmt, kann heute niemand sagen. Seit einigen Monaten beobachten Seuchen-Experten erneut einen Erreger aus der Gruppe der Coronaviren mit Argusaugen. Dieser hat vor allem im Nahen Osten Menschen infiziert. Bis jetzt haben sich bekanntermassen 14 Menschen angesteckt, und acht sind gestorben. «Im Moment sieht es nicht so aus, als ob das eine neue Sars-Krise gibt», sagt Christian Griot. «Aber man muss das Virus weiter beobachten.» Woher das neue Virus stammt, weiss man noch nicht.