Hightech-Armprothese - Nicht nur optisch nahe an der Hand

Dank Hightech kommen moderne, durch Nervenimpulse gesteuerte Prothesen der echten Hand erstaunlich nahe. Vorläufiger Höhepunkt einer jahrtausendealten Entwicklung.

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Nicht nur optisch nahe an der Hand

4:15 min, aus Puls vom 16.1.2012

Als erster Schweizer trägt Albert Wattenkofer eine Prothese namens «Michelangelo Hand». Während die meisten Prothesen in einer zangenartigen Bewegung lediglich Daumen und Zeigefinger zusammenführen können, hat die Hightech-Prothese aus Österreich vier bewegliche Finger und einen unabhängig davon positionierbaren Daumen und kommt damit dem natürlichen Bewegungsmuster einen grossen Schritt näher.

Hirnimpulse werden von Elektroden aufgenommen

Die Technik setzt auf die verbliebenen Muskeln – und darauf, dass das Gehirn weiterhin die Information gespeichert behält, wie sich die Hand vor der Amputation bewegen liess. Sendet das Gehirn den Befehl, die verlorene Hand zu bewegen, reagieren die verbliebenen Muskeln darauf. Endete die Information bislang am Stumpf, nehmen nun Elektroden die Impulse auf und geben sie an die Prothesenhand weiter. Die Hand wird also nicht durch reine Gedankenkraft gesteuert, sondern nutzt den Effekt, dass das Gehirn weiter Impulse an einen Körperteil sendet, selbst wenn dieser nicht mehr existiert.

Auch die Optik und Beweglichkeit kommen der Natur sehr nahe – geräuschlos funktioniert die Prothese jedoch nicht. Zwei Antriebe schnurren, wenn Albert Wattenkofer seine Hightech-Hand einsetzt. Einer gewährleistet Greifbewegungen und -kraft, einer bewegt den Daumen. Ausser dem Daumen sind auch Zeige- und Mittelfinger aktiv angetrieben. Der Ringfinger und der kleine Finger bewegen sich passiv mit. Sieben verschiedene Greifmöglichkeiten sind so gegeben. Auch das Armgelenk ist beweglich.

Lediglich abends trennt sich Wattenkofer von seiner neuen Hand. Dann kommt der Akku an die Ladestation, tankt neue Energie – und ist spätestens nach 3,5 Stunden wieder einsatzbereit.  

Zehenprothesen und eiserne Fäuste

Schon seit Jahrtausenden ersetzen Prothesen fehlende Gliedmassen. Anfang 2011 entdeckten Forscher bei einer ägyptischen Mumie aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. eine Zehenprothese, deren deutliche Abnützungsspuren belegten, dass sie im Alltag tatsächlich den grossen Zeh ersetzte. Eine andere Mumie, 300 Jahre später bestattet, nahm ihre Handprothese aus Harz und Gewebe mit ins Grab.

Bis ins Mittelalter hinein wurden die Hand- und Armprothesen aus Holz und Eisen je nach Anwendungszweck eingesetzt. Götz von Berlichingen, der «Ritter mit der eisernen Hand» beispielsweise trug Kampfprothesen, die ihm als Raubritter hilfreich waren. Weitere, sehr viel schönere «Sonntags-Prothesen» kamen bei feineren Anlässen zum Einsatz. 

Doch erst die vielen Kriegsversehrten des Ersten und Zweiten Weltkriegs zwangen zu innovativeren Lösungen als den Seemanns-Haken. Erstmals wurden Prothesen jetzt beweglich. Die «Fischer-Hand» von Konrad Biesalski nutzte nach dem ersten Weltkrieg die verbliebene Kraft des Stumpfes, um eine Art Zange zu bewegen. Der «Sauerbruch-Arm» (benannt nach seinem Erfinder Ferdinand Sauerbruch) war ein Meilenstein der Prothetik – aber so teuer, dass sie nur Wenigen zur Verfügung stand. Die Prothese war über einen durch den Muskel platzierten Bolzen mit dem verbliebenen Oberarmstumpf verbunden und nutzte so die verbliebene Muskulatur, um die Prothese zu bewegen. Bekanntester Patient: Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der das misslungene Attentat auf Hitler verübte.

Fortschritt, aber kein Ersatz

In der 50er-Jahren kamen die fremdkraftbetriebenen Prothesen auf – neue Hoffnung keimte auf, die jedoch bald getrübt wurde: Auch sie können die Funktionalität der gesunden Hand nicht komplett ersetzen. Immerhin: Die «Michelangelo»-Hand kommt diesem Ideal einen Schritt näher, auch wenn sie ihren Preis hat: Gut 50‘000 Franken. Im Fall von Albert Wattenhofer übernahm die Suva diesen Preis für mehr Freiheit.

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