Zum Inhalt springen

Körper & Geist Operation am offenen Herzen

Vor noch 30 Jahren war die Bypass-Operation die einzige Therapie, die bei erkrankten Herzkranzgefässen zur Verfügung stand. Seit der Einführung von Stents gerät sie nun zunehmend aus der Mode – obwohl sie eigentlich für viele Herzpatienten die eindeutig bessere Option wäre.

Legende: Video Bypass – Die OP am offenen Herzen ist oft die bessere Lösung abspielen. Laufzeit 5:16 Minuten.
Aus Puls vom 08.04.2013.

Bei der koronaren Herzkrankheit sind die Herzkranzgefässe verengt. Die einfachere und schnellere Behandlung feiert wahre Siegeszüge: Nachdem der Kardiologe mittels Herzkatheter die Diagnose gestellt hat, eröffnet er die verengten Stellen in den Gefässen noch in derselben Sitzung mit einem Ballon und stabilisiert das Gefäss mit einem Stent. Das ist ein kleines Metallröhrchen, das danach im Gefäss belassen wird. Nach kurzer Zeit, ohne Narkose und Skalpell, ist der Eingriff vorbei und der Patient kann spätestens am nächsten Tag nach Hause.  

Bypass = Umleitung

Die Alternative klingt um einiges unattraktiver: Bei der Bypass-Operation eröffnet der Chirurg den Brustkorb des vollnarkotisierten Patienten und macht sich am offenen Herzen zu schaffen. Dabei versucht er nicht, die verengten Stellen zu eröffnen, sondern umgeht sie stattdessen (englisch Bypass = Umleitung, Umfahrung), indem er «Umleitungen» einbaut. Dazu verwendet er Gefässe des Patienten, die für ihn nicht überlebensnotwendig sind – am häufigsten ein kleines Brustwandgefäss. Dieses trennt er am entfernten Ende von der Brustwand ab und leitet es auf das Herz um. Und zwar so, dass es an der verengten Stelle vorbei führt und erst nach der Engstelle das Blut ins betroffene Herzkranzgefäss einspeist, so dass der Herzmuskel wieder genügend durchblutet wird. Alternativ kann auch eine Beinvene oder seltener eine Arm-Arterie komplett entnommen werden und als direktes Verbindungsstück zwischen Hauptschlagader und Herz dienen – wieder an den verengten Herzgefässen vorbei.

Mehrstündige Operation

Die Operation dauert mehrere Stunden und erfordert häufig den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine, die den Kreislauf übernimmt, während das Herz künstlich stillgelegt wird. Bestimmte Kliniken operieren jedoch auch am schlagenden Herzen. Das alles ist für den Körper ein beträchtlicher Stress. Die ersten ein bis zwei Tage nach der Operation liegt der Patient auf der Intensivstation. Nach rund ein bis drei Wochen Spitalaufenthalt ist eine mehrwöchige Rehabilitation notwendig und meistens zwei bis drei Monate Arbeitsunfähigkeit. Das Sterberisiko durch die Operation liegt bei 0.3 bis 0.5 Prozent, das heisst bei einem auf 200 bis 300 Patienten.

Stents manchmal sinnvoll

Trotz der Unannehmlichkeiten dieses Eingriffs ist er in vielen Fällen gerechtfertigt. Während ein Stent unbestritten die bessere Lösung ist, wenn zum Beispiel nur ein Gefäss an einer kleinen Stelle verengt ist, gilt das für andere Fälle nicht. Wenn zahlreiche Stellen in verschiedenen Herzkranzgefässen betroffen sind, und/oder die Verengungen sehr langstreckig sind oder an komplizierten Stellen (z. B. an Gefässgabelungen) liegen, wird es immer weniger sinnvoll, jede einzelne Engstelle mit je einem Stent zu versorgen. Aus der Anzahl und der Art der Gefässengstellen lässt sich ein Score erstellen. Je höher er sit, desto überlegener wird der Bypass. Erhalten Patienten mit hohem Score Stents, kommt es häufig zu erneuten Gefässverschlüssen an anderen Stellen, die zu weiteren Infarkten oder Stents führen. Die Versorgung durch den Bypass ist da gründlicher und abschliessender.

Bypass siegt bei vielen Engstellen

Das haben in den letzten Jahren diverse Studien belegt. Die neueste, die SYNTAX-Studie, ist soeben abgeschlossen worden: Über fünf Jahre beobachtete sie 1800 Patienten, die allesamt Engstellen in mehreren Herzkranzgefässen oder dem linken Hauptgefäss hatten, und von denen die Hälfte mit Stents und die andere Hälfte mit Bypass-Operation behandelt worden war. Die Resultate sind klar: Rund zwei Drittel dieser Patienten fährt mit der Bypass-Operation besser als mit Stents. Das bedeutet: Weniger erneute Eingriffe, weniger erneute Infarkte, und bei einem Drittel sogar deutlich besseres Überleben.