«Rückenweh gehört zum Leben wie Schnupfen»

Die Zahl ist beeindruckend: Vier von zehn Personen in der Schweiz leiden an Rückenbeschwerden. Physiotherapeut Hannu Luomajoki mahnt trotzdem – oder gerade deshalb – zu mehr Gelassenheit.

Genau in diesem Moment leiden vier von zehn Personen in der Schweiz an Rückenschmerzen. Die gute Nachricht: Meistens sind es harmlose Muskelverspannungen oder Abnützungserscheinungen, die das Altern spätestens ab 40 mit sich bringt. Rückenschmerzen sind ein teures Volksleiden. Rund 3,3 Milliarden Franken fehlen jährlich wegen Absenzen, Arztbesuchen oder Behandlungskosten.

Das müsste so nicht sein, meint Hannu Luomajoki, Physiotherapeut und Professor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW – und mahnt zu mehr Entspanntheit im Umgang mit Rückenproblemen. Denn ein Teil des Problems sei, dass das Kreuz in den letzten Jahren so in das Zentrum des Interesses der Gesellschaft, der Medien und der Medizin geraten sei – obwohl sich am Rücken an sich ja gar nichts verändert habe. «Der Rücken ist nicht besonders fragil – das ist eine feste Struktur aus Knochen und Muskeln. Und ich denke nicht, dass der Rücken in den letzten Jahren plötzlich fragil geworden wäre, sondern ich bin sicher, dass er seit 100 oder 1000 Jahren die gleiche Struktur hat», wendet der gebürtige Finne ein. Verändert hätte sich vielmehr, wie wir mit dem Rücken umgehen. «Sobald es ein bisschen zwickt, denken wir, wir hätten schlimme Probleme, laufen zum Spezialisten und dort werden teure Untersuchungen gemacht. Man gerät in eine medizinische Maschinerie, die in den allermeisten Fällen gar nicht nötig wäre», sagt Luomajoki.

Nach zwei, drei Wochen ist Rückenweh in 90 Prozent der Fälle weg

Das schmeckt wahrscheinlich nicht jedem. Damit nicht genug: Hannu Luomajoki rät zur Überprüfung der eigenen Einstellung: «Ich denke, Rückenweh gehört zum Leben wie Schnupfen. Wenn es nicht jedes Jahr kommt, dann eben jedes zweite Jahr, aber: So wie es kommt, geht es auch wieder. Nach zwei, drei Wochen ist es in 90 Prozent der Fälle weg – egal, ob man etwas dagegen macht oder nicht.» Anders sieht es aus, wenn Rückenweh chronisch wird, also nach sechs Wochen immer noch nicht nachlässt, die Schmerzen ausstrahlen, Lähmungserscheinungen oder Kraftlosigkeit auftreten oder die Gehstrecke, die sich ohne Rückenprobleme zurücklegen lässt, immer kürzer wird. Dann sollte in jedem Fall ein Arzt einbezogen werden.

Für alle anderen gilt, so unangenehm ein schmerzender Rücken ist: Selbst bildgebende Darstellungen des Rückens sind nur sehr bedingt aussagekräftig und haben oft eher einen negativen Effekt, indem sie Patienten ohne Grund verängstigen. Denn selbst wenn das Röntgenbild eine Diskushernie, also einen Bandscheibenvorfall darstellt: Röntgenbilder von Menschen ohne Probleme unterscheiden sich oft nicht von denen von Patienten, die schmerzgeplagt sind. Jeder ab 40 hat Abnützungserscheinungen oder Bandscheibenschäden, die man in den Bildern auch sieht – das muss deswegen aber noch lange keine grossen Probleme bereiten. Vielmehr kann so ein Teufelskreis aus Verunsicherung, Ängstlichkeit, noch weniger Bewegung und noch mehr Rückenproblemen entstehen.

Patienten sollten deshalb fragen, ob die Diagnose gefährlich sei und einen Einfluss auf ihr Verhalten haben müsse. Gute Ärzte sollten laut Hannu Luomajoki dann beschwichtigen und auf normale Alterungsprozess hinweisen.

Bewegen – aber richtig

Wichtig sei in jedem Fall Bewegung – aber die Richtige. «Wir treffen aber immer wieder auf Leute, die trainieren, und trotzdem Rückenweh haben. Dann muss man schauen: Trainieren sie einseitig – vielleicht nur Brustmuskeln und Bizeps, aber nicht den Rücken und Bauch? Da findet man oft muskuläre Ungleichgewichte, die man dann ganz gut mit Tipps korrigieren kann.» Wer sich lieber draussen bewegt, sei mit Laufen oder Nordic Walking gut beraten – oder sogar mit Joggen, solange er keine Probleme habe. «Schwimmen dagegen ist gut, wenn der Rücken schon weh tut. Andererseits kräftig das Schwimmen den Rücken aber nicht sehr stark» – und sei deshalb nur bedingt zu empfehlen. Zu Sportarten mit abrupten Bewegungen wie beim Squash würde Luomajoki nicht raten – aber auch nichts verbieten, was Spass macht und gut tut. Denn unterm Strich zähle die Abwechslung: Wer in der Arbeit viel sitzt, soll seinen Arbeitsweg möglichst aktiv gestalten oder bei der Arbeit aufstehen und Wege zu Fuss zurücklegen – und Sport treiben, wann immer es sich anbietet.