Schlaganfall: Zeit ist Hirn

In der Schweiz erleiden jährlich bis zu 15'000 Menschen einen Hirnschlag. Die Symptome treten plötzlich auf, das Risiko zu sterben oder eine schwere Behinderung davonzutragen ist gross. Entscheidend ist, dass Betroffene innert weniger Stunden Hilfe bekommen.

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Schlaganfall: Zeit ist Hirn

18 min, aus Puls vom 31.1.2011

Rund 80 Prozent der Hirnschläge sind die Folge verstopfter Hirnarterien, ausgelöst durch Blutgerinnsel. Solche Gerinnsel entstehen oft im Herzen oder in einer Halsschlagader. Wenn sich ein Gerinnsel löst, wird es durch die Blutbahn ins Gehirn geschwemmt. Hier verstopft es eine Hirnarterie und blockiert den Blutfluss. Das betroffene Areal ist plötzlich mangeldurchblutet, die Hirnzellen erhalten zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe. Sie werden inaktiv, was sofortige Symptome auslöst (vgl. unten). Wird die Blutversorgung nicht rasch wieder hergestellt, sterben die Nervenzellen ab. Das bedeutet: bleibende Schädigungen.

Risikofaktoren für Blutgerinnsel, die ins Hirn gelangen können: Herzrhythmus-Störungen (Vorhofflimmern) und verengte Arterienwände (Arteriosklerose), bedingt durch Diabetes, Rauchen, Bluthochdruck und Veranlagung.

20 Prozent der Hirnschläge entstehen durch eine Hirnblutung. Dabei platzt eine Hirnarterie, und ausfliessendes Blut schädigt das Hirngewebe. Von Hirnblutungen sind vor allem Personen unter 45 Jahren betroffen.

Welche Symptome sind alarmierend? Was ist typisch?

Alle Hirnschlag-Symptome treten plötzlich auf. Betroffene müssen nicht bewusstlos sein. Sie haben oft keine grösseren Schmerzen und nehmen die Symptome selbst nicht richtig wahr. Der Hirnschlag kann sich auch im Schlaf ereignen.

  • LÄHMUNGEN in einer Körperseite. Eine Gesichtshälfte, ein Mundwinkel, ein Arm, oder ein Bein können plötzlich gelähmt sein. Oft fehlt das Gefühl für Wärme, Kälte, oder Druck in betroffener Körperhälfte (Gefühlsstörung); es ist, als wäre sie nicht vorhanden (Wahrnehmungsstörung).
  • SEHSTÖRUNGEN. Beide Augen sehen z.B. nur noch die Hälfte oder drei Viertel des Sehfeldes, möglich sind auch Doppelbilder oder eine gestörte Blickrichtung (Herdblick, Blicklähmung).
  • SPRACHSTÖRUNGEN. Undeutliche, schwer verständliche Sprache oder Probleme, Gesagtes zu verstehen.
  • SCHLUCKSTÖRUNGEN. Sie sind lebensgefährlich, akut wegen Erstickungsgefahr, später wegen drohender Lungenentzündungen.
  • UNGESCHICKLICHKEIT. Plötzliche Unfähigkeit, gewohnte Handgriffe auszuführen. Betroffene können z.B. keine Knöpfe mehr schliessen oder das Telefon nicht mehr bedienen.
  • UNWOHLSEIN. Plötzliche Kopfschmerzen, Schwindel, Gangunsicherheit

Sofortmassnahmen beim akuten Hirnschlag

Von grösster Bedeutung ist eine rasche, gezielte Behandlung. Das bedeutet bei verdächtigen Symptomen:

  • Sofort Notruf 144 kontaktieren: Oft halten die Betroffenen selbst diese Massnahme für unnötig. Wichtig ist, dass Angehörige trotzdem handeln – lieber einen «Fehlalarm» riskieren als rasche Hilfe verpassen. Die Sanität wird möglichst ein Spital mit Hirnschlagzentrum ansteuern (vgl. unten).
  • Betroffene sollten nichts essen und nichts trinken, auch wenn sie danach verlangen (mögliche Schluckstörungen).
  • Anstrengungen vermeiden. Jede Anstrengung kann sich nachteilig auswirken. Betroffene seitlich lagern.
  • Wer allein ist: Bei verdächtigen Symptomen Hilfe holen, sich nicht ins Bett legen. Wer einschläft, verliert wertvolle Zeit.

Heilungschancen und Folgen

Der Hirnschlag ist immer noch die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für eine Behinderung im Erwachsenenalter. Drei Monate nach dem Schlaganfall ist etwa ein Viertel der Betroffenen gestorben. Etwa 40 Prozent bleiben behindert und brauchen im Alltag Hilfe. Nur rund ein Drittel (ca. 35 Prozent) hat kaum oder keine Beeinträchtigungen. Drei bis sechs Monate nach einem Hirnschlag ist das Ausmass der bleibenden Schädigungen meistens absehbar.

Wo und wie wird ein Schlaganfall behandelt?

In den letzten Jahren haben rund zwölf grössere Spitäler, vor allem Universitäts- und Kantonsspitäler, spezielle Schlaganfall-Zentren eingerichtet, sogenannte «Stroke Units». Hier stehen Fachpersonen und die nötige Infrastruktur rund um die Uhr zur Verfügung. Schlaganfall-Zentren gibt es in: Basel, Bern, Zürich, Luzern, Aarau, St. Gallen, Münsterlingen, Genf, Lausanne, Sion, Lugano.

Das Ziel jeder Behandlung ist, verstopfte Hirnarterien wieder zu öffnen. Das muss innerhalb weniger Stunden geschehen. Nur dann besteht die Chance, dass im betroffenen Hirnareal keine grösseren Schäden zurückbleiben.

  • Medikamentöse Auflösung des Gerinnsels – Lyse: Spezielle Medikamente werden in eine Armvene gegeben (intravenöse Lyse). Diese Behandlung erspart etwa 15 Prozent der Patienten eine grössere Behinderung, wenn sie innerhalb von drei Stunden erfolgt. Sie ist eine relativ einfach durchzuführende Standard-Behandlung und wird oft sofort eingeleitet, um die Zeit bis zu weiteren Therapien zu überbrücken.
    Das Zeitfenster erweitert sich auf rund sechs Stunden, wenn man die Medikamente direkt ins verstopfte Gefäss spritzt (intraarterielle Lyse). Diese Methode ist zudem wirksamer, wenn grössere Gefässe verstopft sind. Der Aufwand ist allerdings grösser. Es braucht Hirngefäss-Röntgengeräte und einen spezialisierten Neuro-Radiologen, der die Medikamente durch einen Katheter gezielt ins betroffene Gefäss spritzt.
  • Mechanische Entfernung von Gerinnseln und Stenting: Verschiedene Verfahren helfen, Gerinnsel mechanisch aus Hirngefässen zu entfernen. So kann man sie mit Spezialinstrumenten zertrümmern, absaugen oder herausziehen. Mechanische Verfahren haben den Vorteil, verstopfte Gefässe rascher wieder zu eröffnen als die rein medikamentöse Behandlung. Zudem ist die Gefahr für Komplikationen (Hirnblutungen) geringer.
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Prof. Heinrich Mattle über die neuen Hirn-Stents

1:52 min, vom 31.1.2011

Einen kombinierten Ansatz prüft seit rund einem Jahr das Berner Inselspital im Rahmen einer internationalen Studie: Dabei dehnt ein Stent, ein feines Drahtgeflecht, für fünf Minuten die betroffene Hirnarterie. Gleichzeitig umfängt der Stent das Gerinnsel, so dass es heraus gezogen werden kann. Stenting gehört heute zur Standard-Behandlung verengter Herzkranzgefässe oder Halsschlagadern. Stents auch in Hirngefässen einzusetzen ist neu.