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Körper & Geist Schweizer Kinder aus Spanien

Jon Aizpurua freut sich über seine «zuverlässigen und dankbaren» Patientinnen aus der Schweiz. Es ist der Kinderwunsch, der 300 Frauen aus der Schweiz pro Jahr in die Klinik nach Alicante treibt. In Spanien herrschen liberalere Gesetze als in der Heimat.

Eizelle, die künstlich befruchtet wird.
Legende: Mit Hilfe zum Kind: 300 Frauen aus der Schweiz begeben sich allein in Jon Aizpuruas Klinik nach Alicante. SRF
Legende: Video Jon Aizpurua über Schweizer Patientinnen abspielen. Laufzeit 00:43 Minuten.
Aus ECO vom 02.10.2014.

In der Schweiz ist es verboten, Eizellen einer anderen Frau einzusetzen. Ebenso dürfen ausserhalb des Mutterleibs erzeugte Embryonen nicht auf Defekte untersucht werden. Und: In-vitro-Fertilisationen müssen privat bezahlt werden. Drei von vielen Gründen, die geschätzte 600 Frauen aus der Schweiz Jahr für Jahr nach Spanien führen – die Hälfte davon in die Klinik von Jon Aizpurua.

«Sie sind uns wichtig», sagt Klinikchef Jon Aizpurua über seine Schweizer Patientinnen. «Sie begrüssen unsere Arbeitsweise, sie halten sich an unsere Regeln. Und sie sind sehr dankbar.» Seine Klinik in Alicante behandelt rund 1000 Patientinnen – sie stammen zu 90 Prozent aus dem Ausland.

Behandlungen in der spanischen Reproduktionsklinik kosten mit rund 3000 bis 5000 Euro etwa gleich viel wie in der Schweiz – vor allem, wenn man die Reisekosten dazurechnet.

Die Klinik besteht seit fünf Jahren, beschäftigt 35 Mitarbeiter und setzt rund sechs Millionen Euro pro Jahr um.

Neuer Wirtschaftszweig in Spanien

Für Spanien ist das Geschäft mit der In-vitro-Fertilisation zu einem kleinen Wirtschaftszweig geworden. Insgesamt gibt es rund 220 Kliniken, die sich auf Personen mit Kinderwunsch spezialisiert haben. Davon seien laut Aizpurua 20 «richtig gross, also industriell», und 20 bis 30 Kliniken hätten die Grösse seines Betriebes.

Legende: Video Jon Aizpurua über IVF in Spanien abspielen. Laufzeit 01:02 Minuten.
Aus ECO vom 02.10.2014.

Dass gerade Spanien, ein katholisches Land, sich in diesem Bereich so offen zeigt, ist für den Klinik-Direktor kein Widerspruch. Nach dem Ende der Franco-Diktatur Ende der 1970er-Jahre habe es eine «Explosion der Rechte» gegeben: «Man hat eine neue Verfassung verabschiedet, die so weitsichtig war und sich an die modernsten Länder Europas angelehnt hat, die die Familie und die Rechte von Kollektiven in den Vordergrund gestellt hat, so dass IVF nie ein Thema war, bei dem sich die Kirche quergestellt hat.»

Gesetzeslockerung in der Schweiz

In der Schweiz sind die Grenzen eng gesetzt. Noch. Aktuell sind Gesetzeslockerungen im Gange. Gene und Chromosomen-Struktur eines in vitro erzeugten Embryos sollen auf Defekte untersucht werden dürfen und «Egg Freezing» (siehe Kasten) für zehn Jahre erlaubt sein statt wie bisher nur für fünf. Beide Räte haben dazu Ja gesagt. Das letzte Wort hat aber das Stimmvolk, da die Erlaubnis der Präimplantationsdiagnostik (PID) eine Verfassungsänderung bedingt. Parallel dazu läuft eine parlamentarische Initiative mit dem Ziel, die Eizellspende in der Schweiz zu erlauben – ein Vorhaben, das im Grundsatz kaum umstritten ist.

Wenn diese Lockerungen in der Schweiz durchkommen, so stellt sich Jon Aizpurua auf bis zu 200 Schweizerinnen weniger ein. Grund zur Sorge sieht er darin aber nicht. Patientinnen «würden sehr wahrscheinlich sehr schnell aus anderen Ländern auch zu bekommen sein», sagt er. Konkret: Norwegen. Dubai. Russland.

«ECO Spezial» zum Thema Kind

«ECO Spezial» zum Thema Kind

Das Wirtschaftsmagazin «ECO» hat im Rahmen der Spezial-Sendung «Das Geschäft mit dem Kind» eine Schweizerin mit Kinderwunsch nach Alicante begleitet. In der Schweiz konnte man ihr nicht helfen, weshalb sie nach Spanien verwiesen wurde.

«Egg Freezing»

Jon Aizpuruas Klinik friert pro Jahr von rund 150 Frauen Eizellen ein, um diese Jahre später wieder aufzutauen, zu befruchten und einzusetzen. Diese Patientinnen kämen vor allem aus der Londoner City und aus Zürich zu ihm. Sie machten zuerst Karriere – und würden sich dann zu gegebener Zeit dem Kinderwunsch zuwenden.

40 Kommentare

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  • Kommentar von D.K., Bern
    siehe ganz unten unter verwandte artikel. fürs wunschkind ins ausland. haetten diese eltern auf ihr glueck auch verzichten sollen, nur weil sie nicht einfach so schwanger wurden? obwohl letztendlich nur der zuckerstoffwechsel schuld war u. der medikamentoes einfach zu behandeln war? die who anerkennt sterilität als krankheit an. wann tut das unsere gesellschaft auch? wir reden hier nicht von der minderheit, die egohalber mit 60 mami werden will oder karriere vor familie stellt...
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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Wie gehen die"Machbarkeits-Freaks" nach der"Wunscherfüllung",wohl mit anderen,möglichen "Schicksalsschläge" um? Z.B.bei einem Unfalltod des Kindes oder Unfall oder Krankheit mit schwersten Behinderungs-Folgen?Langjährige,schwerste Erkrankungen mit Todesfolgen?Geistige u.o.körperliche Behinderungen?Verbrechen? Psychisch und physisch stabil genug,diese zu ertragen? Oder muss dann auch ein Heer dienstbarer"Geister"antraben,dass irgendwie bezahlt werden will? Wenn ja,von wem?
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    1. Antwort von D.K., Bern
      und wie viele natürlich gezeugte kinder werden abgetrieben, ohne dass es jemand erfährt? wie viele in ein heim abgeschoben?ich hätte mein kind auch mit behinderung nicht abgetrieben. unabhängig davon ob es natürlich oder mit hilfe gezeugt worden wäre. gerade weil es für nichts im leben eine garantie gibt. kw-behandlungen müssen selber bezahlt werden nur mal so zur info.
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  • Kommentar von Nathalie Zimmermann, Effretikon
    Hallo, ich bin ein Kommentarschreiber. Ich verstehe nicht ganz die Prozeduren und medizinischen Details hinter einem Eingriff, aber ich bin dagegen! Meine Gründe sind verschieden, aber sie lassen sich zusammenfassen mit "Frauen die nicht schwanger werden können, sollen nicht schwanger werden!". Ähnlich wie wir kranken Leuten nicht helfen wenn zum Beispiel ihre Leber versagt. Desweiteren gehe ich davon aus dass alle diese Frauen auf Sozialhilfe oder so angewiesen sind, einfach mal so.
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    1. Antwort von Ella, Winterthur
      Frau Zimmermann, ich verstehe Ihren letzten Satz überhaupt nicht. Können Sie bitte erklären, was Sie damit meinen?
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    2. Antwort von ZJ, Zürich
      Wenn Sie etwas nicht verstehen, dann informieren sie sich bitte bevor sie einen solchen Kommentar posten! Und die Sache mit der Sozialhilfe? Wenn Sie sich informiert hätten, dann wüssten Sie das eine Eizellspende 5000-10000 Franken kostet ohne Reise und Unterkunft. Somit ist es wohl eher den Besserverdienenden vorbehalten. Wenn wir das IVF hier in der Schweiz erlauben, können wir es wenigsten regulieren bzw kontrollieren. Denn eins ist sicher in Spanien geht die Show so oder so weiter...
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    3. Antwort von zioso, graubünden
      So viele "fragezeichen" hatte ich ja schon laange nicht nicht mehr bei einem kommentar wie bei diesem. Waren sie da noch nicht ganz wach? :D :D :D
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    4. Antwort von Paula S., Bern
      Solche Eingriffe mit kranken Menschen oder gar Organtransplantationen zu vergleichen hinkt doch sehr gewaltig. Das eine Leben existiert bereits (meist noch auf natürlicher Basis), anderes wird künstlich geschaffen. In meinen Augen ein ziemlich grosser Unterschied, kein Vergleich also. Aber daran sieht man auch, wie klein der geistige Horizont wird, wenn man selbst von künstl. Befruchtung etc. profitieren will. Ihr Kommentar lässt sich bereits mit wenig Aufwand komplett auseinander nehmen.
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