Stress – Messdaten lügen nicht

Dauergestresste spüren sich oft schlecht und merken nicht, wie belastet sie sind. Die Herzratenvariabilität gibt Aufschluss.

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Stressmessung - Der Belastung auf der Spur

8:34 min, aus Puls vom 14.12.2015

Es ist ein Phänomen: Menschen unter Dauerbelastung spüren sich oft selbst nur noch so schlecht, dass sie gar nicht mehr richtig einschätzen, wie belastet sie sind – und fühlen sich selbst vielleicht noch nicht einmal übermässig gestresst. Dennoch kann ihr Organismus bereits deutlich Signale senden. Diese sind mit der Herzvariabilität messbar – ein Verfahren, das auch im Institut für Arbeitsmedizin in Baden angewendet wird.

Das Prinzip: Anspannung und Entspannung werden durch Sympathikus und Parasympathikus gesteuert. Der Sympathikus ist der Bereich des Gehirns, der bei Stress arbeitet, der Parasympathikus dagegen bei der Entspannung. Beide wirken direkt auf Organe ein, kurbeln entweder deren Arbeit an oder beruhigen sie wieder. Das zeigt sich direkt auch am Herzschlag: Ist der Sympathikus aktiv, werden die Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen immer gleicher. Übernimmt der Parasympathikus, dann variiert die Zeit zwischen den einzelnen Herzschlägen deutlich. Demnach zeigt sich: Klopft das Herz monoton, ist der Mensch unter Anspannung, schlägt es variationsreicher, ist er entspannter.

Für die Ermittlung der Herzratenvariabilität trägt man 24 Stunden lang ein kleines Gerät am Körper, verkabelt mit Elektroden auf der Brust, das die Herzschläge aufzeichnet – etwa 100‘000 in der Aufzeichnungsperiode.

SRF: Herr Kissling, Sie messen regelmässig die Herzvariabilität Ihrer Patienten. Was bringt diese Untersuchung? Für wen eignet sie sich?

Dieter Kissling: Wir können so erkennen, ob Menschen in eine Stressfolgeerkrankung hineinlaufen. Sprich: ob der chronische Stress ihre Nerven kaputt macht, ob sie also körperlichen Schaden dadurch nehmen – und das sehr früh. Es gibt ganze Unternehmen, die ihre Mitarbeiter durchmessen lassen, um früh zu erkennen, ob jemand gefährdet ist und um die Menschen so zu befähigen, langfristig gesund zu bleiben.

Wenn die Messung einen schlechten Wert anzeigt: Wie lange dauert es, bis sich der Körper wieder erholt?

Monate! Wir machen deshalb Nachmessungen frühestens nach einem halben Jahr.

Warum dauert das so lange?

Das hat mit dem langfristigen chronischen Stress und dem über Jahre erhöhten Cortisolspiegel zu tun, von dem man ausgeht, dass er für den Abbau der Nerven verantwortlich ist. Bis diese dann wieder gebildet sind und ihre Arbeit wieder aufnehmen, vergeht eine lange Zeit.

Gibt es Berufsgruppen, die besonders gefährdet sind?

Einige sind tatsächlich bekannt dafür – Sozialberufe oder Lehrer mit einer hohen Emotionsarbeit, aber auch Ärzte oder Therapeuten. Aber prinzipiell leisten wir ja heute fast alle Emotionsarbeit, denn wir arbeiten mit anderen Menschen zusammen, und das ist gefährdend.

Warum? Sind wir Menschen so anstrengend?

Emotionen sind immer schwierig, denn sie berühren uns immer in unserer Persönlichkeit. Wenn ich eine Brücke berechne, ist das zwar intellektuell anspruchsvoll, nicht aber emotional.

Kann man lernen, mit dem Stress besser umzugehen?

Ja, das kann man. Es fängt schon damit an, dass wir immer das Schlimmste erwarten, das ist typisch für unser Verhalten. Ein Beispiel: «Wenn ich in einer Woche Notfalldienst habe, dann kommt sicher ein ganz schwerer Fall» – und das löst dann schon Stresssymptome aus. Das ist sehr krankmachend. Wenn man aber denkt: «Ich warte erst einmal ab was kommt, und eigentlich bin ich ja gut ausgebildet», dann habe ich während der Woche keinen Stress, bis ich dann tatsächlich Notfalldienst habe.

Haben Sie Tipps, wie man während des Tages immer wieder kurz entspannen kann?

Häufig arbeitet man ja vier Stunden am Stück durch. Warum nicht jede Stunde einfach eine fünfminütige Micropause einlegen, sich mit jemandem unterhalten oder die Gedanken schweifen lassen – sich also einfach aus dem bearbeiteten Problem für ein paar Minuten lösen? Man kann auch autogenes Training machen, fünf Minuten in die Versenkung gehen, meditieren oder eine Yogaübung praktizieren. Oder aber man gönnt sich einen 15-minütigen Powernap.

Bringt das wirklich etwas?

Wir sehen in unseren Messungen bei Menschen, die so einen Powernap machen, eine Parasympathikus-Erscheinung, d. h. ihr Erholungsnerv poppt direkt auf.

Und wie erholt man sich abends am besten?

Primär wichtig ist es, sich gedanklich zu distanzieren, denn viele nehmen ihre Arbeit im Kopf mit heim. Darüber hinaus sind Bewegung und soziale Kontakte sehr wichtig. Auch entspannen, zum Beispiel in der Badewanne, tut gut.

Aufnahme von Dr. Dieter Kissling.

SRF

Dr. Dieter Kissling ist Facharzt für Allgemeine Medizin und Arbeitsmedizin und leitet das Institut für Arbeitsmedizin (ifa) in Baden.

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