Wach und doch nicht wirklich da

Pro Jahr fallen in der Schweiz 60 bis 80 Menschen in ein Wachkoma – einen Zustand, irgendwo zwischen Wachsein und Bewusstlosigkeit.

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«Puls vor Ort» zum Thema Wachkoma

40 min, aus Puls vom 23.12.2013

Die Medizin macht ständig Fortschritte: Menschen sind nach schweren Unfällen, Schlaganfällen oder Herzinfarkten nicht mehr automatisch dem Tod geweiht, sondern überleben – oft aber mit schweren Folgen. Eine solche ist, wenn Patienten ins Wachkoma fallen, einen Zustand, der irgendwo zwischen Wachheit und Bewusstlosigkeit liegt.

Verantwortlich ist ein zeitweiser Sauerstoffmangel im Gehirn, durch den Hirnzellen absterben. Je länger der Sauerstoffmangel andauert, desto grösser der Schaden.

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Die vielen Facetten des Wachkomas

17 min, vom 13.12.2013

Ist die Grosshirnrinde betroffen, wo die wichtigsten Schaltzentralen für Wahrnehmung, Wachheit und Bewusstsein sitzen, kann ein Wachkoma folgen. Das Stammhirn dagegen, das Vitalfunktionen wie die Atmung oder Verdauung regelt, bleibt bei Wachkoma-Patienten intakt.

Ob und wann ausgefallene Funktionen wieder zurückkehren, ist ungewiss. Je länger das Wachkoma jedoch dauert, desto ungünstiger die Prognose.

Feine Reaktionen richtig interpretieren

Wachkoma-Patienten sind ein Spezialfall. Ihre Reaktionen können so fein sein, dass sie durch gängige Beobachtungssysteme leicht übersehen werden – das hat auch Marion Huber in ihrer Arbeit als Physiotherapeutin mit diesen Patienten so erlebt. Als sie nach vielen Berufsjahren begann, Psychologie und Neurowissenschaften zu studieren, wuchs die Idee, ein neues Beobachtungssystem für Wachkoma-Patienten zu entwickeln. Ihr BAVESTA-System (steht für: «Basler Vegetative State
Assessment») ist speziell auf Wachkoma-Patienten zugeschnitten. Systematisch können Betreuende erfassen, was welche Reaktionen in den Patienten auslöst oder ob sie sich verändern. Aufgrund dieser Beobachtungen lassen sich dann die nächsten Pflege- und Reha-Schritte besser definieren.

In der Forschungsversion ist BAVESTA seit fünf Jahren im Einsatz, allerdings nur im REHAB Basel. Es zeigte sich: Beurteilen zwei unabhängige Beobachter das gleiche Merkmal, ergeben sich zu 90 Prozent Übereinstimmungen – ein Zeichen dafür, dass das System sehr gut anwendbar ist. «Puls» hat mit Marion Huber gesprochen.

«Puls»: Was war der Anlass für die Entwicklung von BAVESTA?
Marion Huber: Als Physiotherapeutin bin ich mit bestehenden Beobachtungsinstrumenten immer wieder an Grenzen gestossen. Die Wachkoma-Patienten haben immer nur den tiefsten Wert erreicht und sich nicht verbessern können, oder die Assessments haben nicht das abgebildet, was ich für meine Arbeit gebraucht hätte. Daraus ergab sich dann die Idee, zusammen mit einer Expertengruppe des REHAB, ein neues zu entwickeln.

Worauf muss man dabei besonders achten?
Meine Grundidee bestand darin, auf folgendes zu schauen:

  • Was zeigen unsere Patienten für Verhaltensweisen?
  • Wie verändern diese sich?
  • Wie kann ich das in Worte fassen?
  • Können diese Verhaltensweisen auch in bestimmten Situationen wiederholt beobachtet werden?

Alle auf der Wachkomastation arbeitenden Personen des Kernteams haben damit angefangen, das, was wir bei unseren Patienten gesehen haben, aufzuschreiben. Da vieles auf Intuition zu beruhen schien, haben wir versucht, möglichst eine allgemeine Formulierung für die einzelnen Fähigkeiten zu finden. Dennoch ist und bleibt die Einschätzung, wie ausgeprägt sich eine Verhaltensweise zeigt, Teil der Intuition.

Warum ist BAVESTA wichtig?
Das BAVESTA zeigt, welchen Fähigkeitszuwachs die Wachkomapatienten haben. Da sie auf eine sehr subtile Weise reagieren, braucht es entsprechend feine Abstufungen der zu beobachtenden Verhaltensweisen. Zudem schult es das Auge der Betrachter auf eine sehr feine Art, um eben diese feinen, manchmal kaum sichtbaren Reaktionen zu erkennen. Das BAVESTA ist zudem das einzige Instrument, das alltägliche Geschehnisse wie Anziehen, Mobilisation oder Besuch von Verwandten mit in die Beobachtung einbezieht und emotionale Reaktionen der Patienten in die Beobachtung integriert. Das BAVESTA deckt durch das Abbilden der feinen Verhaltensweisen vor allem den minimalen Bewusstseinszustand sehr gut und früh auf und hilft bei der Unterscheidung zwischen dem Wachkoma und dem minimalen Bewusstseinszustand. Das ist insofern von Wichtigkeit, als wir im Wachkomabereich eine Fehldiagnoserate von bis zu 40 Prozent haben.

Für die Patienten bedeutet das, dass ihre Ressourcen noch stärker genutzt und sie noch intensiver gefördert werden können.

Marion Huber

Marion Huber

zhaw

Seit 2008 stv. Leitung Interprofessionelle Module an der ZHAW Gesundheit in Winterthur. Seit 2007 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am REHAB Basel, Zentrum für Querschnittgelähmte und Hirnverletzte, Schweizerisches Paraplegiezentrum.

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