Weisheitszähne kommen als letzte und gehen oft als erste wieder

Weisheitszähne brechen meist erst zwischen 17 und 21 Jahren durch. Da für diese letzten vier Backenzähne häufig zu wenig Platz vorhanden ist, raten viele Zahnärzte, sie aus prophylaktischen Gründen zu ziehen. Und das, obwohl wissenschaftliche Langzeitstudien dazu fehlen.

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Wann müssen Weisheitszähne wirklich raus?

12 min, aus Puls vom 23.1.2012

Schätzungsweise die Hälfte der über 30-jährigen Schweizerinnen und Schweizer haben keine Weisheitszähne mehr. Eine Untersuchung des Zahnärztlichen Instituts der Universität Basel zeigt auf, dass rund 60 Prozent der – an sich vollkommen gesunden – Weisheitszähne aus rein prophylaktischen Gründen entnommen wurden. Aus Platzgründen beispielsweise. Oder weil einen Zahn, der nur ein Stück weit herausragt, eine Kappe aus Schleimhaut bedeckt. Solche Zähne sind schwer zu reinigen und werden deshalb leichter kariös und brüchig.

Ob allerdings ein Weisheitszahn tatsächlich Probleme bereiten wird, wenn er im Mund bleibt, kann niemand mit Gewissheit sagen. Nicht einmal, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist. Obwohl das Ziehen von Weisheitszähnen zu den häufigsten Eingriffen an den Zähnen gehört, existieren keine epidemiologischen Langzeitstudien.

Ein Relikt aus uralter Zeit

Am menschlichen Gebiss hat sich im Laufe der Evolution kaum etwas geändert: Bereits das Gebiss des Urmenschen Homo Erectus vor rund 1,9 Millionen Jahren zählte 32 Zähne. Und immer schon kamen die hintersten vier Backenzähne als letzte heraus. Deshalb auch ihr heutiger Name: Weisheitszähne.

Früher machten sie Sinn: Die Weisheitszähne mussten die harte, rohe, nicht selten mit Steinen durchsetzte Nahrung zermahlen. Im Laufe der Evolution verkleinerte sich der menschliche Kiefer jedoch zunehmend; heute mangelt es oft an Platz für die Weisheitszähne.

Entzündungen sprechen für eine Entfernung

Weisheitszahnkeime mineralisieren bei etwa 14-Jährigen versteckt im Kiefer zu Kronen. Zwischen 17 und 21 Jahren wachsen die Wurzeln und die Zähne brechen durch. Nicht immer kommt es überhaupt zum Durchbruch: Häufig bleiben die Weisheitszähne auch aus Platzmangel im Kiefer stecken. Normalerweise entstehen auch in einem solchen Fall kaum Probleme. Kommen die Zähne aber nur zum Teil heraus, kann das zu Entzündungen, Abszessen oder vertieften Zahnfleischtaschen führen, die nur schwer oder gar nicht gereinigt werden können.

Wiederholte Entzündungen von Zahnfleisch und Knochen sprechen klar für die OP - genauso wie Karies an versteckten Stellen, die der Zahnarzt nicht konservativ behandeln kann. Auch wenn die Lage eines Weisheitszahns den Nachbarzahn gefährdet, ist ein Eingriff nötig. Gesunde Weisheitszähne, die genügend Platz haben, können aber selbstverständlich im Mund bleiben.

Doch nicht jeder Weisheitszahn lässt sich einfach ziehen oder herausoperieren. Je älter der Patient ist, desto schwieriger wird es, denn der Kieferknochen wird im Alter zunehmend spröder. Dadurch kann es zu Komplikationen kommen, denn der Eingriff schwächt den Kieferknochen vorübergehend.

Besonders problematisch sind die unteren Weisheitszähne: Ihre Wurzeln liegen nahe am Nerv und können sich mit ihm verhaken. Entfernt man den Zahn nicht vorsichtig genug, kann das den Nerv verletzen und im Extremfall zu einer teilweisen Taubheit der Lippe führen. Deshalb sollten Weisheitszähne, wenn man sich zu einer Entfernung aus prophylaktischen Gründen entschliesst, immer möglichst vor dem 25. Lebensjahr gezogen werden – bevor die Wurzeln tief gewachsen sind und die Knochenbeschaffenheit schlechter wird.

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So wird ein Weisheitszahn entfernt

4:25 min, vom 23.1.2012

Kein Fall ist wie der andere

Für jeden Patienten sollte der behandelnde Arzt individuelle Empfehlungen aussprechen, die unbedingt durch Röntgenaufnahmen gestützt werden. Der Patient sollte zudem erfahren, weshalb genau der Zahnarzt die Entfernung empfiehlt und welche möglichen Risiken ein solcher Eingriff mit sich bringen kann. Schliesslich benötigt der Patient mindestens 24 Stunden Zeit, die Entscheidung zu überdenken. Im Zweifelsfall empfiehlt es sich, eine Zweitmeinung einzuholen. Die Entscheidung liegt schlussendlich alleine beim Patienten.

Wie für jede Operation gilt auch hier: Je mehr Eingriffe ein Fachmann durchführt, desto mehr Erfahrung hat er. Das heisst, Weisheitszähne sollten vom Spezialisten entfernt werden. Zahnärzte flicken Zähne, Kieferorthopäden nehmen Zahnkorrekturen vor – Weisheitszähne dagegen ziehen Oral- oder Kieferchirurgen.

Wer sich entscheidet, sich von einem oder mehreren Weisheitszähnen zu trennen, sollte zudem wissen: Ob mit Zange oder operativ, die Entfernung eines Weisheitszahns hinterlässt ein Loch, das sich im Heilungsprozess langsam wieder durch Knochen schliesst. Normalerweise wird ein Patient für zwei Tage krankgeschrieben. Denn Schmerzen, Nachbluten und Infektionsgefahr sind mögliche Folgen des Eingriffes. Eine Woche lang sollte der Patient auf feste Nahrung verzichten.

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