Wenn Mann zu schnell kommt

Jeder fünfte Mann ist von vorzeitigem Samenerguss betroffen. Schuld daran ist der Serotoninspiegel im Hirn. Mit einem Antidepressivum kann man ihn steuern, doch es gibt auch andere Vorgehensweisen – Kreativität ist gefragt.

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Vorzeitiger Samenerguss

17 min, aus Puls vom 9.12.2013

Der vorzeitige Samenerguss (lat. Ejaculatio praecox; «vorzeitige Ejakulation») ist eine sexuelle Störung des Mannes. Ihm gelingt es nicht oder nicht mehr, den Zeitpunkt der Ejakulation selbst zu steuern.

Wann «früh» jedoch «zu früh» ist, ist nicht einheitlich definiert. Der «Durchschnittsmann» kommt 5,4 Minuten nach dem Eindringen – doch deutliche Zeitunterschiede in beide Richtungen können durchaus normal sein.

Definition

Ein Samenerguss gilt dann als vorzeitig, wenn alle drei Punkte erfüllt sind:

  • Die Ejakulation erfolgt immer oder fast immer vor oder innerhalb von etwa einer Minute nach Einführen des Gliedes.
  • Bei jeder oder fast jeder vaginalen Penetration fehlt die Fähigkeit, den Zeitpunkt der Ejakulation selbst zu kontrollieren.
  • Der schnelle Samenerguss wird psychisch zur Belastung. Ärger und Frustration wachsen, vielleicht beginnt man sogar damit, sexuelle Intimität zu vermeiden.

Besonders der letzte Punkt ist wichtig, denn der vorzeitige Samenerguss ist keine eigentliche Krankheit. Das heisst: Solange Betroffene und ihre Partner/innen gut damit zurechtkommen und keine tatsächliche Krankheit dem vorzeitigen Samenerguss zugrunde liegt, ist er kein Problem. Wohl aber, wenn sich in der Partnerschaft eine verminderte sexuelle Zufriedenheit breit macht und Partnerschaftskonflikte sich häufen.

Primär oder sekundär?

Man unterscheidet zwischen der lebenslangen (primären) und der erworbenen (sekundären) Form der Ejaculatio praecox.

Bei der lebenslangen Ejaculatio praecox kommt es von Beginn der sexuellen Aktivität an zum vorzeitigen Samenerguss – mitunter sogar selbst bei der Masturbation. Aktuelle Untersuchungen vermuten einen teilweise genetisch bedingten, veränderten Haushalt des Botenstoffs Serotonin im Gehirn als Ursache. Das Nervensystem besteht aus einem parasympathischen und einem sympathischen Teil. Der Parasympathikus ist unter anderem dafür zuständig, die Erregung anwachsen zu lassen. Hat sie ihren Höhepunkt erreicht, wird der Sympathikus aktiv: Er veranlasst, dass sich der Blasenhals schliesst, während sich der Schliessmuskel für die Harnröhre öffnet – der Orgasmus tritt ein. Das Zusammenspiel zwischen diesen beiden Systemen ist bei Patienten mit vorzeitigem Orgasmus aus der Balance geraten. Der Sympathikus löst den Parasympathikus zu früh ab, weil der Nervenbotenstoff Serotonin nicht lange genug im Synapsenspalt zwischen den einzelnen Nerven verweilt. Dadurch fliessen die Reize zu schnell von einer Synapse zur anderen.

Die erworbene Ejaculatio praecox hingegen ist meist die Folge einer Grunderkrankung. Sie tritt erst mit der Zeit auf nach einer Phase mit ganz normaler Ejakulation. Darum müssen folgende Krankheiten zuerst therapiert oder ausgeschlossen werden, bevor der vorzeitige Samenerguss an sich behandelt wird:

  • Balanitis (Eichelentzündung): Der Klassiker unter den Eichelentzündungen mit Rötung und Schwellung (Balanitis vulgaris simplex) entsteht durch Vorhautverengung, heftiges Mas­turbieren, zu wenig oder zu viel Hygiene.
  • Frenulum breve (verkürztes Penisbändchen): Entweder ist es angeboren oder Folge einer Eichelentzündung. Das zu kurze Bändchen verursacht schmerzhafte Einrisse beim Verkehr.
  • Urethritis (Harnröhrenentzündung): Meist wird sie durch Tripper und andere sexuell übertragbare Krankheiten ausgelöst. Verdächtige Zeichen: Schmerzen beim Urinieren, Ausfluss.
  • Prostatitis (Prostataentzündung): Betroffene müssen unter Schmerzen ständig urinieren. Aber auch beim Stuhlgang kann es schmerzen.
  • Schilddrüsenüberfunktionen können den vorzeitigen Erguss verursachen. Symptome: Herzklopfen, hoher Blutdruck und Schwitzen.
  • Neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder die Zerebralparese (Spastik) können Ejakulationsprobleme verschlimmern.
  • Psychische Probleme.

Beschnittene Männer leiden Studien zufolge übrigens genauso oft unter vorzeitigem Samenerguss wie jene, die eine Vorhaut besitzen. Sich beschneiden zu lassen, bringt also nichts.

Behandlung

Der Arzt wird zuerst mögliche Krankheiten ausschliessen und durch die Anamnese feststellen, ob es sich wirklich um einen vorzeitigen Samenerguss handelt. Denn viele Männer haben durch die Pornoindustrie ein falsches Bild von der Dauer des Liebesaktes.

Als beste Variante gilt laut der Europäischen und auch Amerikanischen Guidelines der Urologen eine medikamentöse Behandlung mit dem Wirkstoff «Dapoxetin». Es greift direkt in den Serotoninspiegel ein.

In der Schweiz ist seit 2013 das verschreibungspflichtige Medikament Priligy mit diesem Wirkstoff auf dem Markt. Es ist das einzig zugelassene Medikament für dieses Problem. Da es ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer ist, zählt es zu den Antidepressiva. Die Tablette wird bei Bedarf eingenommen, ein bis drei Stunden vor dem Geschlechtsverkehr. Dies schränkt die Spontanität ein. Weitere Psychopharmaka sind zwar nützlich und schneiden in Studien sehr gut ab, sind jedoch nicht speziell für die Ejaculatio praecox zugelassen. Man spricht daher von «Off-Label-Use».

Viele Betroffene greifen darum zuerst zu einem Lokalanästhetikum, das auf den Penis aufgetragen werden kann. Oft enthält es den Wirkstoff Lidocain, der die Empfindsamkeit des Penis reduziert. Wichtig ist dann der Gebrauch eines Kondoms, sonst ist die Partnerin ebenfalls durch das Lokalanästhetikum betäubt.

Andere Patienten profitieren wiederum von einer Verhaltens- und Sexualtherapie. In den Guidelines der Urologen schneidet diese Therapie aber schlecht ab und wird allenfalls als Ergänzung empfohlen.

Ein Ablaufmuster für jedermann?

Das Erfolgsrezept gibt es leider nicht. Falls dem vorzeitigen Samenerguss keine Erkrankung zugrunde liegt, können diese Schritte helfen:

  • Dialog in der Partnerschaft herstellen. Die Frau übernimmt eine wichtige Rolle, um Angst vor Misserfolgen abzubauen.
  • Es muss nicht immer «nur Sex» sein. Probieren Sie es mit streicheln, küssen, verwöhnen mit Dildos – seien Sie ein wenig kreativ.
  • Häufiger Geschlechtsverkehr kann dazu beitragen, die Ejakulation hinauszuzögern.
  • Selbstkontrolle des Mannes verbessern mit der Stop-and-go-Technik: Der Mann konzentriert sich ganz auf seine Gefühlswahrnehmungen und signalisiert seiner Partnerin, wenn er aufhören muss, sich zu bewegen. Dann herrscht einen Moment totaler Stillstand, bevor es wieder weitergeht. Die Squeeze-Technik: Wenn der Mann spürt, dass der Orgasmus kurz bevorsteht, drückt er den Eichelansatz zusammen und bremst so den Ejakulationsdrang.

Falls der Leidensdruck jedoch gross ist, sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

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