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Körper & Geist Wenn Wunden nicht heilen

Chronische Wunden im Alter sind in der Pflege eine aufwendige und schmerzhafte Sache. Und die schlechte Botschaft vorweg: Ein Wundermittel gibt es nicht.

Legende: Video Wundheilung abspielen. Laufzeit 01:06 Minuten.
Aus Puls vom 28.11.2011.

Bei rund 30‘000 Menschen schliessen sich offene Stellen an den Unterschenkeln (Ulcus cruris) oder am Fuss (Diabetiker-Fuss) auch nach sechs bis acht Wochen nicht. Dann spricht man von einer chronischen Wunde.

Viele Betroffene leben bereits Jahrzehnte lang mit ihren wunden Stellen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Viele haben nie eine richtige Ursachenanalyse in einem dafür spezialisierten Wundzentrum gemacht, sondern sich lieber selbst verarztet oder ob der vielen verschiedenen Therapieanläufe resigniert.

Ursachenabklärung

Mit ein Hauptgrund, weshalb eine Wunde nicht mehr zuheilt: Sauerstoff- bzw. Nährstoffmangel. Die Gefässe sind aufgrund von venöser oder arterieller Durchblutungsstörungen unterversorgt, So stirbt das Gewebe ab oder kann sich bei einer Verletzung nicht mehr neu bilden. Das Resultat: Die Wunde verheilt nicht mehr.

Hinzu kommen mögliche Infektionen mit Keimen und Bakterien, die den Wundheilungsprozess ebenfalls beeinträchtigen können. Diese Ursachen können mittels spezifischen Behandlungen gelöst werden. In den ausgewiesenen Wundzentren arbeiten deshalb Gefäss-Spezialisten und Dermatologen eng zusammen. Bei «offenen Beinen» (Ulcus cruris) bedeutet das konkret das Tragen von Stützstrümpfen oder einen chirurgischer Eingriff zur Ausschaltung der erkrankten Venen oder evtl. zur besseren Durchblutung kranker Arterien.

Studien haben gezeigt, dass allein mit diesen Massnahmen die Rückfallhäufigkeit bei venös bedingten Wunden von 30 Prozent auf 10 Prozent im ersten Jahr gesenkt werden konnten.

Drei Phasen der Wundheilung

Der normale Wundheilungsprozess ist ein biologischer Prozess und beginnt schon ganz kurz nach der Wundsetzung.

Zuerst stellt sich die Gerinnung des Blutes ein, die das Ausbluten der verletzten Stelle verhindert. Blutplättchen dichten die verletzten Gefässe ab und verkleben sie. Unterstützt wird dieser Prozess von Eiweissen, welche Fibrin-Gewebe bilden, um die Wundränder zuletzt wirksam abzudichten.

  • Die 1. Phase der Wundheilung: Wundsekret bildet sich und hilft, Fremdkörper und Keime aus der Wunde herauszuschwemmen. Der Heilungsprozess wird stimuliert. Entlang dem Fibrin-Gerüst wandern die ersten Zellen ein die Granulozyten und die Makrophagen, eine Art Fresszellen. Sie räumen beschädigte Zellen und Gewebeüberreste ab und bereiten die Wunde für die eigentliche Aufbauarbeit vor.
  • Dann beginnt die 2. Phase. Erst wenn die Wunde gereinigt ist, kann die Zellteilung beginnen und vom Boden her Granulationsgewebe nachwachsen. Kleinste Blutgefässe wachsen in das neue Bindegewebe hinein und versorgen die Zellen wieder mit Sauer- und Nährstoffen.
  • In einer 3. und letzten Phase bilden sich neue Hautzellen an der Oberfläche, die die Wunde vom Rand bis zur Mitte bedecken, so dass eine geschlossene Decke entsteht.

Therapiestufen

  • Reinigung: Bei einer verzögerten Wundheilung ist die offene Stelle nicht von allen abgestorbenen Zellen (Nekrosen) oder Fibringewebe befreit. Dicke und harte gelbliche oder schwarze Beläge behindern den Heilungsprozess. Hier versuchen die Wundexperten mit verschiedenen Reinigungsmethoden (Debridement) nachzuhelfen. Am gebräuchlichsten ist das Abkratzen ambulant oder unter Narkose, wenn die Schmerzen zu gross sind. Aber auch Biochirurgie – der Einsatz von Wundmaden – kommt bei stark belegten chronischen Wunden vermehrt zum Einsatz.
  • Wundauflagen: Auch bei der Bildung von Granulationsgewebe oder neuen Hautzellen kann der Heilungsprozess ins Stocken geraten. Wundverbände mit einem feuchten Klima sollen helfen, dass sich ausreichend Granulationsgewebe bilden kann. Die schwierigste Aufgabe bei der Wundbehandlung ist allerdings auch dieser Punkt: Denn mit dem feuchten Klima wird auch das Erregerwachstum angeregt. Üblich sind Antiseptika und silberhaltige Wundauflagen. Konventionelle Wundauflagen sind aufwendig, da Wunde als auch Wundränder und umliegender Wundbereich unterschiedlich behandelt werden müssen. Deshalb sind Alternativen wie etwa der dafür neu entwickelte Wundspray in der Behandlung eine willkommene Alternative.
  • Ersatzhaut: Führen all diese Therapieformen nicht zum erwünschten Erfolg, bleibt nur noch die Verpflanzung von Haut. Entweder mit eigener Spalthaut, welche in einer Operation vom Oberschenkel entfernt wird oder mithilfe von im Labor gezüchtetem Hautersatz aus Zellkulturen («Tissue-Engineering»). Diese Zellkulturen stammen entweder aus patienteneigenen Haarzellen oder patientenfremden Zellen. Alle diese Therapien sind aufwendig bezüglich Zeit und Kosten, führen aber bei 50 bis 70 Prozent zu einem nachhaltigen Ergebnis, besonders wenn patienteneigene Zellen verpflanzt werden. Allerdings ist die transplantierte Haut weniger stabil, weshalb es an diesen Stellen auch häufiger zu Rückfällen kommt.

Allgemeine Tipps zur Wundbehandlung

Zum Arzt sollte man, wenn die Wunde stark blutet, oder wenn es sich um einen Menschen- oder Tierbiss handelt. Ausserdem auch, wenn die Wunde stark verschmutzt ist. Oberflächliche Schürfungen stellen hingegen kein Problem dar.

1. Wunde reinigen mit sauberem, möglichst sterilem Wasser. Wenn ablecken, dann immer nur die eigene Wunde.

2. Wunde mit einem handelsüblichen Desinfektionsmittel desinfizieren. Alkohol geht auch, tötet Bakterien aber erst ab 70% Konzentration ab.

3. Ein Pflaster stoppt die Blutung und schützt. Bei kleinen Wunden geht es auch ohne, bei chronischen, tiefen Wunden ist eine Wundauflage nötig.

4. Pflaster: Kompresse, saugend, wenn es stark blutet. Verband befestigen. Bei starker Blutung mit Druck verbinden. Ein Pflasterspray ist die Luxusvariante, hilft bei Wunden im behaarten Bereich. Nach 24 Stunden wechseln.

5. Pflege-Salbe auftragen, wenn Wundsekret austritt. Hilft, die Wunde feucht zu halten. Abkratzen der Kruste beschleunigt die Wundheilung.