App in die Heia!

Das Smartphone begleitet uns nicht nur den ganzen Tag über, es soll auch nachts einen besseren Schlaf ermöglichen – Apps sei Dank. Schlafforscher sind skeptisch.

Mann unter einem Kissen blickt skeptisch zu einer enormen Liste von Smartphone-Apps hoch.

Bildlegende: Das Angebot an Smartphone-Apps rund ums Schlafen ist erdrückend. Colourbox/basf

Gut schlafen, genug schlafen: Das Thema beschäftigt uns wie noch nie, und doch schlafen wir heute weniger als früher – gemäss Erhebungen von Schweizer Schlafforschern im Schnitt eine halbe Stunde weniger als noch vor 30 Jahren. Mit verantwortlich für diese Entwicklung: das Smartphone, dessen vielfältige Möglichkeiten uns über Gebühr wach halten.

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet jene technische Errungenschaft, die uns ständig den Schlaf raubt, soll uns zu einem besseren, tieferen, erholsameren Schlaf verhelfen – Apps sei Dank, die sich die vielfältigen Möglichkeiten moderner Smartphones zunutze machen.

«Ratgeber»-Redaktorin Annette König hat sich mit dem riesigen Angebot auseinandergesetzt, das sich grundsätzlich in drei Gruppen einteilen lässt:

  • Apps, die helfen, besser einzuschlafen
  • Apps, die helfen, besser durchzuschlafen
  • Apps, die helfen, besser aufzuwachen

Besser einschlafen

Einschlaf-Apps setzen meist auf die Macht der Musik. Beruhigende Geräusche und Klänge sollen beim «Herunterfahren» helfen und den Zuhörer sanft in den Schlaf wiegen.

Annette Königs Favorit: Das Gratis-App «Relaxing Sounds of Nature lite», bei dem die Geräuschkulisse selber zusammengemischt werden kann: Zum Beispiel Vogelgezwitscher mit sanftem Flussgeplätscher aus dem Regenwald oder Meeresrauschen mit Panflötenklängen.

Besser durchschlafen

Schlafkiller Nummer eins: Lärm. Sei's das Schnarchen des Partners (oder das eigene), seien es Geräusche von anderswo – häufig lässt sich die Störquelle nach dem plötzlichen Aufwachen nicht mehr feststellen oder belegen. Da wünscht man sich eine Aufnahme, auf der nachzuhören ist, was einen denn da aus dem Schlaf gerissen hat

Annette Königs Fundstück in diesem Bereich heisst «Sleep Talk Recorder». Das App zeichnet nächtliche Geräusche wie Schnarchen, Sprechen etc. auf und verspricht ausserdem durch Auswertung des Smartphone-Bewegungssensors Rückschlüsse auf die Schlafqualität. Dafür darf das Smartphone natürlich nicht auf dem Nachttisch liegen, sondern muss ins Bett, am besten neben das Kopfkissen.

Besser aufwachen

Unsere Bewegungen beim Schlafen macht sich auch die dritte App-Kategorie zunutze, um uns im richtigen Moment zu wecken. Auch hier sollen die Bewegungssensoren die nötigen Informationen liefern, um den Weckimpuls während einer leichten Schlaf- oder Traumphase zu geben statt den erholsamen Tiefschlaf zu unterbrechen.

Annette König ist hier zum Beispiel auf den «Sleep Cycle Alarm» gestossen; das Prinzip ist aber bei den anderen Apps dieser Kategorie weitestgehend dasselbe.

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Der vermessen(d)e Mensch

13 min, aus Einstein vom 20.2.2014

Was bringt's?

Zahlreiche Apps vereinen die obengenannten und weitere mehr oder minder nützliche Funktionen in sich und bieten sich quasi als «Schweizer Taschenmesser» zur Schlafverbesserung an.

So populär die Nutzung von Smartphone-Apps zur Eigenbeobachtung und Verbesserung der Lebensqualität ist, so kritisch steht die Wissenschaft dem Trend gegenüber. Auf den Nutzen der Schlaf-Apps angesprochen, gibt sich Schlafforscher Christian Baumann, leitender Arzt an der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich, skeptisch: «So originell die Ansätze sind, sehe ich doch drei Probleme: Erstens sind wir am Morgen sowieso nicht im Tiefschlaf; da spielt es keine Rolle, wann der Wecker läutet. Zweitens lässt sich der Schlaf nicht zuverlässig allein auf der Basis der Bewegungen beurteilen.»

Und drittens zeige es sich in der Schlaf-Sprechstunde immer wieder, dass es gar nicht gut sei, sich zu intensiv mit dem eigenen Schlaf zu beschäftigen: «Man schläft dann tendenziell schlechter statt besser.»

Fazit: Gegen musikalische Einschlafhilfen und Lärm-Recorder ist nichts einzuwenden. Apps mit darüber hinausgehenden Messfunktionen nützen vor allem Leuten, die gerne Statistiken über sich selber sammeln.