Auf den Spuren der mediterranen Ernährung

Die mediterrane Ernährung ist ein Mythos. Kein anderer Ernährungsstil erfreut sich seit Jahrzehnten solcher Beliebtheit. Entstanden ist der Mythos in den Bergdörfern Kretas. Eine Spurensuche.

Innert Minuten scheint das ganze Dorf zu wissen, dass Leute vom Schweizer Fernsehen angekommen sind. Von allen Seiten kommen ältere Männer zum Dorfcafé geschlurft. Wir sind auf der Suche nach Männern, die vor über 50 Jahren an der berühmten Seven-Countries-Studie teilgenommen haben. Sie war 1970 zum Ergebnis gekommen, dass die kretischen Bergbauern älter werden als die Menschen in anderen Ländern und viel seltener an Herzversagen sterben.

Falls es noch Überlebende gibt, müssen sie inzwischen hochbetagt sein. Denn damals untersuchten die Forscher Männer zwischen 40 und 59 Jahren. Die Anwesenden im Café diskutieren laut. Der Priester weiss von einem, der dabei war. Doch der ist letztes Jahr gestorben.

Mann mit Bart an einem Tisch mit Tellern und Esswaren.

Bildlegende: Nikos Psilakis hat die kretische Küche mit seinen Büchern international bekannt gemacht. SRF

Inmitten der Männer sitzt Nikos Psilakis, auf ihn reden sie ein. Er hat uns hierher geführt, er will für uns Studienteilnehmer finden.

Kreta im Wandel

Der 60-Jährige ist in Kreta ein bekannter Mann. Der Radio- und Fernsehjournalist hat auch Bücher geschrieben, unter anderem über Olivenöl und über die kretische Küche. Damit haben er und seine Frau Maria vor 20 Jahren so etwas wie eine kleine Renaissance der traditionellen kretischen Küche eingeläutet.

«In den 80er-Jahren ging die Tradition der kretischen Küche verloren», sagt Nikos Psilakis. Damals schwappten Fastfood und Fertiggerichte auch auf die grösste Insel Griechenlands über. Zwar konnten sich die bekannten amerikanischen Fastfood-Ketten nicht durchsetzen, aber die schlechten Essgewohnheiten blieben.

Auch wenn sich viele tatsächlich – wie Nikos Psilakis meint – immer mehr auf die Traditionen zurückbesinnen, bleibt die Tatsache, dass die Kreter heute stark unter Übergewicht leiden. Gemäss Studien sind ein Drittel der Kinder und die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig.

Auch in den Bergdörfern trifft man auf mollige Kinder und beleibte Frauen und Männer. Auffällig schlank sind nur die alten Männer. Und von denen scheint es viele zu geben: Ein knappes Dutzend ist inzwischen im Café. Und offenbar wären es noch mehr, doch viele sind jetzt, gegen Mittag, noch bei der Arbeit. Hier in den kretischen Bergdörfern gehört es für die ältere Generation dazu, auf den Feldern und in den Gärten zu arbeiten, so lange es die Gesundheit zulässt.

Alter Mann mit Schnurrbart und Kappe

Bildlegende: Der 97-jährige Yanis Stefanakis ist immer noch täglich bei der Feldarbeit anzutreffen. SRF

Schon der Autor der Seven-Countries-Studie, Ancel Keys, schrieb 1970 staunend: «Während wir diese Studie durchführten, war es nicht ungewöhnlich, Männer von 80 bis 100 und mehr zu sehen, die mit der Harke auf den Feldern arbeiteten.»

Olivenöl, Olivenöl, Olivenöl

Die Alten in den Bergdörfern leben – und essen – noch fast wie vor 50 Jahren. Ausser dass sie mehr Fleisch essen. «Damals gab es höchstens einmal pro Woche Fleisch, oder sogar nur alle zwei Wochen», erzählt uns Yanis Stefanakis, der inzwischen im Dorfcafé eingetroffen ist. Der 97-Jährige ist der Held des Tages: Er war tatsächlich damals bei der Studie dabei. Und er erzählt, dass man früher alles gegessen habe, was der Garten hergab: viel Früchte, Gemüse und Hülsenfrüchte.

Und natürlich viel Olivenöl, Schnecken und wildwachsendes Gemüse. Yanis Stefanakis erzählt auch gerne, wie er damals zur Arbeit ins nächste Dorf rannte, acht Kilometer hin und zurück. Für einen Weg brauchte er eine Stunde.

Kein Wunder, dass es bei so viel Bewegung genug Kalorien braucht. Die nahmen die kretischen Bergbauern damals wie heute vor allem in Form von doppelt gebackenem Vollkornbrot aus Gerste zu sich, und – in grossen Mengen – Olivenöl. Einen Deziliter Olivenöl verbraucht im Durchschnitt jeder Kreter täglich, 35 Liter pro Jahr. Das ist mehr als jedes andere Volk der Welt. Auch mehr als andere Völker am Mittelmeer.

Von Mittelmeerdiät will Nikos Psilakis selbst auch darum nicht wirklich sprechen. Zu viele Unterschiede gibt es zwischen den Ernährungsweisen rund ums Mittelmeer. Und die kretische Ernährung hat definitiv nichts zu tun mit Pasta und Pizza.

Doch das Resultat der Seven-Countries-Studie war eindeutig positiv, die traditionelle kretische Ernährung schien den Männern gut zu tun. Der amerikanische Ernährungswissenschaftler Ancel Keys, der die Studie anstiess, führte das vor allem auf die Ernährung zurück. Bald wurde «Kreta» durch «Mittelmeer» ersetzt und der Mythos der Mittelmeerdiät war geboren.

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