Dicke leben länger - wirklich?

Wer leicht übergewichtig ist, lebt laut Statistik länger als Schlanke. Allerdings ist er nicht unbedingt auch gesünder.

Übergewichtiger Senior blickt zufrieden in die Ferne

Bildlegende: Wohlgenährt in den Ruhestand Übergewicht und hohes Alter schliessen sich nicht aus. colourbox

Es scheint paradox: Menschen mit einem Body Mass Index zwischen 25 und 30 – also mit einigem Speck auf den Rippen – leben länger als Schlanke. Zu diesem Schluss kommen Forscher um Katherine M. Flegal von der US-Gesundheitsbehörde CDC. Ein erhöhtes Todesrisiko fanden die Wissenschaftler erst ab einem BMI von 35, was schon stark übergewichtig ist. Beispiel: Ein Mann von 1.80 Meter wiegt bei einem BMI von 35 stattliche 114 Kilogramm.

Katherine Flegal und ihre Kollegen haben gut hundert Einzelstudien ausgewertet – insgesamt analysierten sie damit Daten von fast drei Millionen Menschen. Trotz der riesigen Datenmenge können die US-Forscher keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Denn untersucht haben sie nur das Sterberisiko – nicht aber, wie gesund die Menschen waren. Andere Studien zeigen jedoch, dass Übergewicht das Risiko erhöht für Krankheiten wie Diabetes und Herzkreislaufleiden. Möglicherweise sind mässig Übergewichtige also weniger gesund als Schlanke, leben aber trotzdem gleich lang.

Kein Freibrief fürs Zunehmen

Was auf den ersten Blick widersprüchlich scheint, überrascht die Experten nicht. Schon früher gab es Studien, die zu ähnlichen Schlüssen kamen.

Über die Gründe können die Experten nur spekulieren. Möglich ist zum Beispiel, dass Übergewichtige einfach früher zum Arzt gehen als Schlanke - gerade weil sie sich über ihr Gewicht sorgen. Auch die Ärzte behandeln Dicke möglicherweise rascher, wenn sie zusätzlich noch Risikofaktoren aufweisen wie etwa Bluthochdruck.

Ein Teil des Effekts könnte gar ein Fehlschluss sein. Es komme nämlich darauf an, wie man die Vergleichsgruppe der Schlanken auswähle, schreibt der Mediziner Steven B. Heymsfield vom Pennington Biomedical Research Center in einem Kommentar zur Studie. Oft sind in dieser Vergleichsgruppe auch Super-Schlanke eingeschlossen mit einem BMI zwischen 18,5 und 22. Weil diese aber ein erhöhtes Sterberisiko haben, könnte das den Schutzeffekt für die Übergewichtigen fälschlicherweise als zu gross erscheinen lassen. Das niedrigste Sterberisiko weisen laut vielen Studien Mittel-Schlanke auf mit einem BMI zwischen 22 und 25.

Schützendes Übergewicht?

Trotzdem: Es gibt auch Hinweise,dass überschüssige Pfunde tatsächlich schützen könnten. Experten sprechen vom Übergewichts-Paradox. Gerade kürzlich wurde es in einer Studie der Berliner-Universitätsklinik Charité bei Schlaganfall-Patienten gefunden. Zwar weisen Übergewichtige ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko auf. Jedoch verkraften sie die Krankheit besser als Normalgewichtige: Sie werden weniger oft pflegebedürftig und sterben auch weniger häufig daran.

Ausserdem ist laut Studie ihr Risiko für einen zweiten Infarkt nicht höher als das Risiko von Normalgewichtigen. Das werfe die Frage auf, ob übergewichtige Schlaganfall-Patienten abnehmen sollten, wie es bis anhin geraten wird, sagt Studienautor Wolfram Döhner von der Charité: Die Erkenntnis seiner Studie «widerstrebt unserem eingehämmerten Mantra des Schlankseins als universellem Gesundheitsgaranten.»

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