Die Kraft des Chorsingens

Chorgesang hat eine besondere Wirkung auf die Sänger: Das gemeinsame Singen fördert positive Gefühle und wirkt entspannend. 100 «Puls»-Zuschauer folgten einem Aufruf und gründeten einen Chor, um die Kraft des Chorsingens zu erproben und am Schweizer Gesangfest in Meiringen teilzunehmen.

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Der Puls-Chor am 13.06.2015 in der Michaelskirche Meiringen

13 min, vom 15.6.2015

Chorgesang hat eine fast magische Wirkung auf die Singenden. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die 100 Sängerinnen und Sänger des Puls-Chors. Sie haben es gewagt, im Rahmen einer Sondersendung einen Projektchor zu gründen.

Im April 2015 trafen sie sich zum ersten Mal mit dem Ziel, nach nur zehn Proben mit ihrem Repertoire am Schweizer Gesangfest in Meiringen teilzunehmen. Schon am Ende der ersten Probe war zu spüren, dass im Chorgesang eine besondere Kraft stecken muss: überall leuchtende Augen und strahlende Gesichter.

Es lohnt sich also, die eigene Singstimme wieder einmal erklingen zu lassen. Übrigens gilt die Ausrede «Ich kann nicht singen!» für die wenigsten Gesangsmuffel: Lediglich etwa vier Prozent der Bevölkerung haben eine genetisch bedingte Amusie – ihr Gehirn kann zum Beispiel Melodien nicht wiedererkennen.

Positive Wirkung auf die Psyche

Chorgesang ist ein Randgebiet der Wissenschaft, doch es gibt einzelne Studien zur Wirkung auf Körper und Geist. Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Bessere Laune, Entspannung Chorgesang hebt die Stimmung und entspannt. Es verringert körperlichen und psychischen Stress. Es hat eine grössere Wirkung als beispielsweise gemeinsames Plaudern.
  • Bessere Kooperation Gemeinsamer Gesang verbessert die Bereitschaft, sich bei der Bewältigung von Aufgaben gegenseitig zu unterstützen.
  • Höherer Oxytocin-Spiegel Oxytocin gilt als Bindungshormon und wird durch Berührungen und psychische Faktoren angeregt. Chorgesang kann die Ausschüttung von Oxytocin ankurbeln.
  • Schmerz- und Angstlinderung Gemeinsamer Gesang stärkt Menschen, die an einer chronischen oder unheilbaren Krankheit leiden. Es gibt deshalb Singkreise, Kliniken und Heime, die gemeinsamen Gesang zu therapeutischen Zwecken anbieten. (Vgl. Link)
  • Singen und Herzfrequenz Beim Einatmen schlägt das Herz schneller, beim Ausatmen langsamer. Bei Chorsängern gleichen sich diese Herzfrequenz-Wechsel an, wenn sie gleichzeitig ein- und ausatmen. Der Effekt wird für Biofeedback-Entspannungstechniken genutzt.

Warum macht Chorsingen gute Laune und entspannt?

  • Klangerlebnis Die eigene Singstimme zu erleben und gleichzeitig in einem mehrstimmigen Klangkörper aufzugehen, das ist ein sinnliches Erlebnis, das laut Erfahrungsberichten «süchtig» machen kann.
  • Tiefe Atmung Singen fördert eine tiefe Atmung, was als wichtiger Entspannungsfaktor gilt. Der gemeinsame Atemrhythmus fördert den meditativen Charakter des Chorsingens.
  • Aktive Gesichtsmuskulatur Die Gesichtsmuskulatur wird beim Singen stark aktiviert, ähnlich wie beim Lachen. Es gilt als erwiesen, dass die Mimik auf die Psyche einwirken kann – es funktioniert also nicht nur umgekehrt!
  • Konzentration Chormitglieder berichten, dass sie beim Singen alles andere vergessen, alle Gedanken richten sich auf den Gesang, ähnlich wie bei einer Meditation.
  • Emotionalität Singen funktioniert wie Sprechen, doch die melodiöse Singstimme wirkt emotionaler auf den Menschen. Diesen Effekt nutzt auch die «Ammensprache» im Kontakt mit Säuglingen und Kleinkindern.
  • Positive «Gleichschaltung» Das gemeinsame Singen stellt ein starkes Vertrauensverhältnis her, übliche zwischenmenschliche Schranken lösen sich in diesem Moment auf. Dieser Effekt kann natürlich auch missbraucht werden, um Menschen gleichzuschalten.

Singen nach Schlaganfall – Vergnügen und Therapie

Nach einem Schlaganfall können viele Betroffene zwar noch singen, haben aber gleichzeitig starke Sprachstörungen. Die Erklärung dafür: Sprache wird vorwiegend in der linken Hirnhälfte verarbeitet, während Musik auch die rechte Hirnhälfte stark aktiviert. Es gibt Therapie-Ansätze, die diese Tatsache nutzen.

Musiktherapie für Schlaganfall-Betroffene: Gesangliche Techniken werden therapeutisch eingesetzt, um Sprachstörungen nach einem Schlaganfall zu verbessern. Melodie und Rhythmik schaffen eine Brücke zur Sprache.

Aphasie-Chöre: Seit einigen Jahren gibt es auch in der Schweiz Aphasie-Chöre, in denen Schlaganfall-Patienten durch den Chorgesang soziale Kontakte und Bestätigung finden. Zu spüren, dass Gesang weiterhin möglich ist, lässt Sprachverluste vorübergehend in den Hintergrund treten.

So finden Interessierte einen passenden Chor

Es gibt in der Schweiz Hunderte von Chören verschiedenster Ausrichtung. In nebenstehender Box finden Sie Links zu den wichtigsten Dachorganisationen. Folgende Tipps sollen ausserdem bei der Suche und der Überwindung von Hemmschwellen helfen.

  • Konzerte besuchen Konzerte sind die Visitenkarten eines Chors.
  • Stilvorlieben klären Entspricht mir eher Klassik oder Gospel? Pop oder Chansons? Kirchenmusik?
  • Schnuppern gehen Die meisten Chöre bieten unverbindliche Schnupper-Chorproben an.
  • Zeitbudget überprüfen Entsprechen Proben- und Konzertpläne meinem Zeitbudget?
  • Organisationsform überlegen Liegt mir eher ein Workshop? Ein Projektchor? Ein Chor mit Vereinsstrukturen?
  • Stimmlage, Anforderungen und eigene Ansprüche klären Die gesanglichen Anforderungen hängen von der Zielsetzung des Chors ab.
  • Vorgaben des Chors beachten Manche Chöre haben Alterslimiten, verlangen ein Vorsingen, oder suchen aktuell nur Männer oder bestimmte Stimmregister.
  • Nicht aufgeben Es braucht manchmal einige Anläufe, um den passenden Chor zu finden!
  • Im Internet recherchieren Auf den Websites von Musikschulen und Chorverbänden kann man sich über Chöre informieren.

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