Hörgeräte-Träger brauchen Geduld

Der Kauf eines Hörgeräts wird oft auf die lange Bank geschoben. Je länger man damit aber zuwartet, desto unangenehmer ist später das Tragen der Hörhilfe. Denn das Gehirn verlernt, Geräusche richtig zu verarbeiten.

Mann schiebt sich ein Hörgerät ins Ohr.

Bildlegende: Moderne Hörgeräte leisten viel und sind diskret, stossen aber auch an Grenzen. SRF

Geräusche treffen als Schallwellen auf die Ohrmuschel. Wie in einem Trichter werden sie durch den Gehörgang zum Trommelfell weiter geleitet. Die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel im Mittelohr geben die Schwingungen verstärkt an die Gehörschnecke im Innenohr weiter.

Dort wandeln Haarsinneszellen die empfangenen Frequenzen in elektrische Nervenimpulse um. Via Hörnerv gelangen die Impulse ins Gehirn und werden dort von der Hörzentrale verarbeitet.

Ein Pfropf im Gehörgang, eine Mittelohrentzündung, aber auch kaputte Haarsinneszellen nach einem Knalltrauma oder Hörsturz oder als Folge des natürlichen Alterungsprozesses können an einem Hörverlust schuld sein. Wo die Ursache der Hörminderung liegt, klärt man am besten beim Hals-Nasen-Ohrenarzt ab.

Ein Hörgerät kann helfen

Gigi Ménard ist 75. Seit drei Jahren trägt sie ein Hörgerät. «Plötzlich musste ich Radio und Fernseher lauter stellen als üblich, um bei Gesprächen alles mitzubekommen», erinnert sie sich, «und auch Worte mit hohem «S» konnte ich nur noch mit Mühe verstehen – ‹Haus› und ‹Haut› tönten für mich plötzlich gleich».

Ohne lange zu überlegen hat sich Gigi Ménard für eine Hörgeräteversorgung angemeldet. Den Gang zum Hörgeräteakustiker hat sie bis heute nicht bereut: «Ich habe das Gerät vom ersten Tag an von morgens bis abends getragen und nach drei Tagen hörte sich meine Umwelt für mich auch wieder gut und angenehm an.» Dass sie ab und an auf ihr Hörgerät angesprochen wird, stört die kommunikative Rentnerin nicht. «Ich kontere jeweils, dass ich ja auch eine Brille und einen Goldzahn trage – also wo ist das Problem?»

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Hörgeräte – was können die kleinen Geräte, wann machen sie Sinn?

18 min, aus Puls vom 9.11.2015

Gigi Ménard gehört mit ihrer Einstellung nicht zum Durchschnitt der Menschen mit Hörschwierigkeiten: Oft vergehen vom Moment, da jemand an sich eine Hörminderung feststellt, bis zum Kauf eines Hörgeräts bis zu zehn Jahre.

Risiko Hörentwöhnung

Wer so lange zuwartet, riskiert allerdings eine Hörentwöhnung. Und hat dadurch am Anfang als Konsequenz sicher mehr Mühe mit einem Hörgerät. Andrea Gerfin, Geschäftsführerin von pro audito schweiz, dem Verband für Menschen mit Hörproblemen, erklärt das so: «Wir hören zwar mit den Ohren, verstehen aber mit dem Gehirn. Hört jemand über eine lange Zeit gewisse Frequenzen nicht mehr, verlernt das Gehirn, Klänge und Sprache richtig zu verarbeiten. Mit dem Hörgerät muss das Gehirn dies wieder neu erlernen».

Mit einem neu erworbenen Hörgerät könne das Einräumen einer Geschirrspülmaschine deshalb in der ersten Zeit äusserst unangenehm tönen. Oder «unwichtige» Geräusche wie etwa das Ticken einer Wanduhr erscheinen überdurchschnittlich laut, weil das Gehirn erst wieder lernen muss, wichtige Geräusche aus den unwichtigen herauszufiltern.

Auch Bauer Christof Widmer hat das so erlebt. «Es ist nicht wie bei einer Brille, die man aufsetzt und von einem Moment auf den anderen wieder perfekt sieht», erinnert er sich, «mehrere Wochen lang haben alle Menschen im meinem Umfeld plötzlich gelispelt». Als «sehr irritierend» hat Christof Widmer diesen Umstand in Erinnerung. Auch sein Gehirn musste sich erst wieder an die hohen Töne gewöhnen. Geduld brauche es. Und auch die Erwartung, dass alles wieder wie früher werde, müsse man etwas zurückschrauben, um dann nicht enttäuscht zu sein.

«Hörgeräte sind heute ja kleine Hightech-Tools, trotzdem kommen sie in gewissen Situationen auch an Grenzen», weiss Christof Widmer, der seit sechs Jahren beidseitig solche trägt. «Grosse Menschenansammlungen wie etwa bei Versammlungen sind schwierig. Sich da gezielt auf den Gesprächspartner zu konzentrieren und ihn aus allen anderen heraushören zu können, bringt die Geräte an ihre Grenzen.»

Makroskopische Darstellung der Haarsinneszellen im Innenohr.

Bildlegende: Im Innenohr befinden sich vier Reihen Haarsinneszellen. Ihre Beschädigung äussert sich als Hörverlust. imago

Für die zurückgewonnene Lebensqualität habe sich die Leidenszeit in der Anfangsphase aber mehr als gelohnt. Sein Rat: Man dürfe die Flinte einfach nicht zu früh ins Korn werfen.

Ein Hörgerät trägt man nicht nur für sich selbst

Dass Gigi Ménard von Anfang an alles richtig gemacht hat und sofort zu einem Hörgerät gegriffen hat, hat sie sicher ihrer Tätigkeit zu verdanken. Während über 40 Jahren hat sie als Audioagogin hörbehinderte Menschen betreut und in speziellen Kursen Kenntnisse im Umgang mit den verschiedenen Hörsystemen vermittelt, Lippenlesen geschult und Hör- und Gedächtnistrainings durchgeführt.

Heute sind es nicht nur Empfehlungen einer Frau mit viel Erfahrung, sondern auch einer Betroffenen selbst: «Das A und O ist, dass man das Gerät von morgens bis abends trägt, auch wenn man allein ist. Wenn nötig kann man mit einigen Stunden am Tag anfangen und diese dann steigern. Innerhalb einiger Wochen sollte das Gewöhnen an die neuen Höreindrücke abgeschlossen sein.»

In den Kursen habe sie auch immer wieder betont, dass man das Gerät nicht nur für sich selber trage, sondern auch den Mitmenschen «zuliebe». Schliesslich sei es auch für die Mitmenschen oft schwierig, wenn man nicht gehört oder immer wieder missverstanden werde.

Die Qual der Wahl

Heute sind die Hörsysteme klein und unscheinbar. Man hat die Wahl zwischen vielen Varianten, Farben und Mustern. Für welches Hörgerät man sich entscheidet, kommt vor allem auf das individuelle Hörproblem an. Von der Bauform her gibt es grundsätzlich zwei Kategorien:

  • Geräte, die hinter dem Ohr getragen werden
  • Geräte, die im Ohr getragen werden.

«Geräte hinter dem Ohr haben eine dünne Verbindung in das Ohr, über welche der Schall übertragen wird. Diese Variante ist sehr unauffällig und bei vielen Hörverlusten sinnvoll», erklärt Hörgeräteakustikerin Claudia Rebling.

Geräte im Ohr werden angepasst, wenn die betreffende Person zum Beispiel Brillenträger ist und nicht noch mehr hinter dem Ohr haben möchte. Diese Variante ist allerdings nur bei leicht bis mittelgradigen Hörverlusten anwendbar.»

Je leistungsfähiger, desto teurer

In der Regel gilt: Je grösser und komplexer der Hörverlust und je höher die Anforderungen des Betroffenen, desto besser und leistungsfähiger muss das Hörgerät sein. Das schlägt sich natürlich auch im Preis nieder. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass man die günstigsten Hörgeräte nicht nachjustieren kann, wenn sich das Hörproblem weiter verschlechtert. Dann steht eine Neuanschaffung an.

Die Preise für ein Hörgerät bewegen sich zwischen 500 und 5000 Franken pro Ohr und umfassen – je nach System des Hörgeräteakustikers – auch Reparaturen oder Serviceleistungen.

Ob sich der tiefere Griff ins Portemonnaie lohnt, komme sehr auf den Alltag – aus rein akustischer Sicht – des Betroffenen an, erläutert Claudia Rebling: «Wer viel unternimmt, viel unter Leuten ist und generell in lärmreicher Umgebung verstehen will, sollte sich den Kauf eines höherwertigen Gerätes überlegen, da gerade in solchen Situationen die höherwertigen Geräte einen Nutzen bieten. Grundsätzlich gilt: Verschiedene Hörsysteme im Alltag ausprobieren und dann entscheiden, mit welchen man am besten verstanden hat.»

Was IV und AHV zahlen

Seit dem 1. Juli 2011 entrichten IV und AHV ihre Pauschal-beiträge direkt an die Hörbehinderten. Eine vorgängige medizinische Abklärung durch einen Ohrenarzt ist Pflicht.

  • Die IV bezahlt alle sechs Jahre 1650 Franken für die beidseitige Versorgung.
  • Die AHV bezahlt 630 Franken für nur ein Ohr und höchstens alle fünf Jahre.

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